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title: "Adoption und Erbrecht (§§ 1754–1756, 1764, 1770, 1772 BGB) – Volladoption, Volljährigenadoption, Pflichtteil, Steuerklasse"
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# Adoption und Erbrecht (§§ 1754–1756, 1764, 1770, 1772 BGB) – Volladoption, Volljährigenadoption, Pflichtteil, Steuerklasse

## Kurzantwort

Ob ein Adoptivkind erbt – und **von wem** –, hängt entscheidend davon ab, ob ein **Minderjähriger** oder ein **Volljähriger** angenommen wurde. Bei der **Minderjährigenadoption** ("Volladoption") erlangt das Kind nach **§ 1754 BGB** die volle rechtliche Stellung eines Kindes des Annehmenden; zugleich **erlöschen** nach **§ 1755 Abs. 1 BGB** das Verwandtschaftsverhältnis zu den bisherigen Verwandten und alle daraus folgenden Rechte. Das Kind ist damit **gesetzlicher Erbe erster Ordnung nach den Adoptiveltern** (§ 1924 BGB) und deren Verwandten – und verliert **Erbrecht und Pflichtteil gegenüber seinen leiblichen Eltern** vollständig. Bei der **Volljährigenadoption** gilt das Gegenteil: Nach **§ 1770 Abs. 1 BGB** erstrecken sich die Wirkungen **nicht auf die Verwandten des Annehmenden**, und nach **§ 1770 Abs. 2 BGB** bleiben die Rechte zu den **leiblichen Verwandten unberührt**. Der angenommene Volljährige erbt also **von beiden Seiten** – vom Annehmenden **und** von seinen leiblichen Eltern – ist aber **kein Erbe der Eltern oder Geschwister des Annehmenden**. Zwei Sonderfälle durchbrechen dieses Schema: die **Verwandtenadoption** nach **§ 1756 BGB** (Erlöschen nur gegenüber den leiblichen Eltern, nicht gegenüber den übrigen Verwandten – mit der erbrechtlichen Sonderregel des **§ 1925 Abs. 4 BGB**) und die **Volljährigenadoption mit Minderjährigenwirkung** nach **§ 1772 BGB**. Steuerlich ist wichtig: **§ 15 Abs. 1a ErbStG** gewährt die **Steuerklasse I auch dann, wenn die Verwandtschaft durch Annahme als Kind bürgerlich-rechtlich erloschen ist** – ein weggegebenes Kind, dem die leiblichen Eltern testamentarisch etwas zuwenden, behält also den **Freibetrag von 400.000 €** (§ 16 Abs. 1 Nr. 2 ErbStG), obwohl es zivilrechtlich nicht mehr verwandt ist.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage Zivilrecht | §§ 1754–1756, 1764, 1767, 1770, 1772 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Rechtsgrundlage Steuerrecht | § 15 Abs. 1, Abs. 1a ErbStG, § 16 Abs. 1 ErbStG |
| Minderjährigenadoption – Wirkung | Kind erlangt die rechtliche Stellung eines Kindes des Annehmenden bzw. eines gemeinschaftlichen Kindes der Ehegatten (§ 1754 Abs. 1, 2 BGB) |
| Minderjährigenadoption – Erlöschen | Verwandtschaft zu den bisherigen Verwandten erlischt mit allen Rechten und Pflichten (§ 1755 Abs. 1 Satz 1 BGB) |
| Erbrecht nach Adoptiveltern | volles gesetzliches Erbrecht erster Ordnung und Pflichtteilsrecht, auch gegenüber den Verwandten des Annehmenden |
| Erbrecht nach leiblichen Eltern | bei Volladoption vollständig erloschen – kein gesetzliches Erbrecht, kein Pflichtteil |
| Stiefkindadoption | Erlöschen tritt nur im Verhältnis zum anderen Elternteil und dessen Verwandten ein (§ 1755 Abs. 2 BGB) |
| Nichtehelicher Partner | Stiefkindadoption in verfestigter Lebensgemeinschaft entsprechend anwendbar (§ 1766a BGB; i. d. R. ab 4 Jahren Zusammenleben oder gemeinsamem Kind) |
| Verwandtenadoption | bei Annehmenden im 2. oder 3. Grad verwandt/verschwägert erlischt nur das Verhältnis zu den Eltern des Kindes (§ 1756 Abs. 1 BGB) |
| Erbrechtliche Sonderregel | in den Fällen des § 1756 BGB sind angenommenes Kind und Abkömmlinge der leiblichen Eltern zueinander nicht Erben zweiter Ordnung (§ 1925 Abs. 4 BGB) |
| Volljährigenadoption – Zulässigkeit | nur wenn sittlich gerechtfertigt, insbesondere bei bereits entstandenem Eltern-Kind-Verhältnis (§ 1767 Abs. 1 BGB) |
| Volljährigenadoption – Reichweite | Wirkungen erstrecken sich nicht auf die Verwandten des Annehmenden (§ 1770 Abs. 1 Satz 1 BGB) |
| Volljährigenadoption – leibliche Familie | Rechte und Pflichten zu den leiblichen Verwandten bleiben unberührt (§ 1770 Abs. 2 BGB) → doppeltes Erbrecht |
| Volljährigenadoption – Unterhalt | Annehmender haftet vorrangig vor den leiblichen Verwandten (§ 1770 Abs. 3 BGB) |
| Volladoptionswirkung für Volljährige | auf Antrag beider durch Familiengericht, nur in den Fällen des § 1772 Abs. 1 lit. a–d BGB |
| Aufhebung der Annahme | wirkt nur für die Zukunft; Adoptivverwandtschaft erlischt, leibliche Verwandtschaft lebt wieder auf (§ 1764 Abs. 1–3 BGB) |
| Steuerklasse | Steuerklasse I Nr. 2 ("Kinder"); gilt auch bei zivilrechtlich erloschener Verwandtschaft (§ 15 Abs. 1a ErbStG) |
| Freibetrag 2026 | 400.000 € für Kinder (§ 16 Abs. 1 Nr. 2 ErbStG) – Adoptivkind wie leibliches Kind |

## Der Grundsatz: Adoption begründet Verwandtschaft – und kappt die alte

Das deutsche Erbrecht knüpft die gesetzliche Erbfolge an die **Verwandtschaft** (§§ 1924 ff. BGB). Die Adoption wirkt deshalb erbrechtlich nicht dadurch, dass sie ein Erbrecht "verleiht", sondern dadurch, dass sie die **Verwandtschaftsverhältnisse selbst umbaut**. Wer nach der Adoption mit wem verwandt ist, entscheidet über Erbquote, Pflichtteil und Steuerklasse.

Nach **§ 1754 Abs. 1 BGB** erlangt das Kind, wenn ein **Ehepaar** es annimmt oder ein Ehegatte das Kind des anderen annimmt, die rechtliche Stellung eines **gemeinschaftlichen Kindes der Ehegatten**. In allen anderen Fällen – also bei der Annahme durch eine **Einzelperson** – erlangt es nach **§ 1754 Abs. 2 BGB** die rechtliche Stellung eines **Kindes des Annehmenden**. Diese Stellung ist vollwertig: Das Adoptivkind ist gesetzlicher Erbe **erster Ordnung** (§ 1924 BGB), es ist **pflichtteilsberechtigt** (§ 2303 Abs. 1 BGB), es ist Abkömmling im Sinne aller erbrechtlichen Vorschriften – auch gegenüber den **Großeltern** und übrigen Verwandten des Annehmenden. Das Gesetz kennt keinen Unterschied zwischen "leiblichem" und "angenommenem" Kind.

Die Kehrseite steht in **§ 1755 Abs. 1 Satz 1 BGB**: Mit der Annahme **erlöschen** das Verwandtschaftsverhältnis des Kindes und seiner Abkömmlinge zu den **bisherigen Verwandten** und die sich daraus ergebenden Rechte und Pflichten. Erbrechtlich bedeutet das den vollständigen Schnitt: Das adoptierte Kind ist **nicht mehr gesetzlicher Erbe seiner leiblichen Eltern** und hat dort **keinen Pflichtteil**. Es erbt auch nicht mehr von leiblichen Großeltern oder Geschwistern, und umgekehrt beerben die leiblichen Eltern das Kind nicht mehr.

**Wichtig:** Das Erlöschen betrifft nur die Rechte **aus dem Verwandtschaftsverhältnis**. Bereits bis zur Annahme **entstandene Ansprüche** des Kindes – namentlich auf **Renten, Waisengeld und andere wiederkehrende Leistungen** – bleiben nach **§ 1755 Abs. 1 Satz 2 BGB** bestehen; ausgenommen sind **Unterhaltsansprüche**. Und selbstverständlich kann ein leiblicher Elternteil dem weggegebenen Kind jederzeit **testamentarisch** etwas zuwenden – die Adoption nimmt ihm nur die **gesetzliche** Erbenstellung, nicht die Fähigkeit, bedacht zu werden.

## Stiefkindadoption: nur eine Seite fällt weg (§ 1755 Abs. 2, § 1766a BGB)

Nimmt ein **Ehegatte das Kind seines Ehegatten** an, wäre der volle Schnitt sinnwidrig – schließlich soll die Bindung zum leiblichen Elternteil, mit dem der Annehmende verheiratet ist, gerade erhalten bleiben. **§ 1755 Abs. 2 BGB** ordnet deshalb an, dass das Erlöschen **nur im Verhältnis zu dem anderen Elternteil und dessen Verwandten** eintritt.

Erbrechtliche Folge: Das Stiefkind hat nach der Adoption **volles Erbrecht** gegenüber dem **annehmenden Stiefelternteil** und gegenüber dem **leiblichen Elternteil**, mit dem dieser verheiratet ist – aber **kein Erbrecht mehr** gegenüber dem **anderen leiblichen Elternteil** und dessen Familie.

Seit der Neuregelung zum 31. März 2020 gilt dies über **§ 1766a BGB** entsprechend für Paare, die in einer **verfestigten Lebensgemeinschaft** in einem gemeinsamen Haushalt leben. Eine solche liegt nach **§ 1766a Abs. 2 BGB** in der Regel vor, wenn die Partner **seit mindestens vier Jahren** oder **als Eltern eines gemeinschaftlichen Kindes mit diesem** eheähnlich zusammenleben. Hintergrund ist die Entscheidung des **Bundesverfassungsgerichts vom 26.03.2019 – 1 BvR 673/17**, die den Ausschluss nichtehelicher Stiefkindfamilien für unvereinbar mit **Art. 3 Abs. 1 GG** erklärt hat; die amtlichen Fußnoten zu §§ 1754, 1755 BGB verweisen bis heute auf diese Entscheidung und auf das Umsetzungsgesetz vom 19.03.2020.

Eine weitere Ausnahme enthält **§ 1756 Abs. 2 BGB**: Nimmt ein Ehegatte das Kind seines Ehegatten an, erlischt das Verwandtschaftsverhältnis **nicht** im Verhältnis zu den Verwandten des anderen Elternteils, wenn dieser die **elterliche Sorge hatte und verstorben ist**. Das Kind behält dann sein Erbrecht gegenüber der Familie des verstorbenen Elternteils – etwa gegenüber den Großeltern.

## Verwandtenadoption und § 1925 Abs. 4 BGB

Nehmen **Verwandte oder Verschwägerte zweiten oder dritten Grades** das Kind an – typischerweise **Großeltern**, **Onkel/Tante** oder **Geschwister** –, wäre der volle Schnitt ebenfalls unpassend, weil er innerhalb derselben Familie Verwandtschaftslinien zerschneiden würde. **§ 1756 Abs. 1 BGB** beschränkt das Erlöschen deshalb auf das Verhältnis des Kindes und seiner Abkömmlinge **zu den Eltern des Kindes**; zu allen übrigen bisherigen Verwandten bleibt die Verwandtschaft **bestehen**.

Daraus entsteht eine erbrechtliche Doppelstellung, die das Gesetz eigens korrigiert: **§ 1925 Abs. 4 BGB** bestimmt, dass in den Fällen des § 1756 BGB das **angenommene Kind und die Abkömmlinge der leiblichen Eltern** (bzw. des anderen Elternteils) **im Verhältnis zueinander nicht Erben der zweiten Ordnung** sind. Ohne diese Vorschrift könnten etwa das von den Großeltern adoptierte Kind und seine leiblichen Geschwister sich wechselseitig zweimal – über zwei verschiedene Linien – beerben. § 1925 Abs. 4 BGB schneidet diese Doppelung auf der Ebene der zweiten Ordnung ab.

## Volljährigenadoption: die "schwache" Adoption (§§ 1767, 1770 BGB)

Für die Annahme eines **Volljährigen** gilt ein grundlegend anderes Wirkungsmodell. Zulässig ist sie nach **§ 1767 Abs. 1 BGB** nur, wenn sie **sittlich gerechtfertigt** ist; das ist **insbesondere** anzunehmen, wenn zwischen Annehmendem und Anzunehmendem **bereits ein Eltern-Kind-Verhältnis entstanden** ist. Die Norm ist damit ausdrücklich auf eine **gelebte familiäre Beziehung** ausgerichtet. Fehlt es daran und dient die Annahme im Kern anderen – etwa rein wirtschaftlichen oder steuerlichen – Zwecken, fehlt die sittliche Rechtfertigung, und das Familiengericht spricht die Annahme nicht aus. Im Übrigen gelten nach **§ 1767 Abs. 2 BGB** die Vorschriften über die Annahme Minderjähriger **sinngemäß**, soweit die §§ 1768 ff. BGB nichts anderes bestimmen.

Die entscheidenden Abweichungen stehen in **§ 1770 BGB**:

- **§ 1770 Abs. 1 Satz 1 BGB:** Die Wirkungen der Annahme erstrecken sich **nicht auf die Verwandten des Annehmenden**. Der Angenommene wird also **nicht** Enkel der Eltern des Annehmenden und **nicht** mit dessen Geschwistern verwandt – er ist deshalb **kein gesetzlicher Erbe** dieser Personen und dort auch **nicht pflichtteilsberechtigt**.
- **§ 1770 Abs. 1 Satz 2 BGB:** Auch **Schwägerschaft** entsteht nicht: Der Ehegatte oder Lebenspartner des Annehmenden wird nicht mit dem Angenommenen verschwägert und umgekehrt.
- **§ 1770 Abs. 2 BGB:** Die Rechte und Pflichten aus dem Verwandtschaftsverhältnis des Angenommenen und seiner Abkömmlinge **zu ihren Verwandten** werden durch die Annahme **nicht berührt**, soweit das Gesetz nichts anderes vorschreibt. Das Erbrecht nach den **leiblichen Eltern** und der ganzen leiblichen Familie **bleibt also vollständig erhalten** – einschließlich des Pflichtteils.
- **§ 1770 Abs. 3 BGB:** Beim **Unterhalt** haftet der Annehmende dem Angenommenen und dessen Abkömmlingen **vorrangig vor den leiblichen Verwandten**.

**Erbrechtliches Ergebnis:** Der als Volljähriger Angenommene hat ein **doppeltes gesetzliches Erbrecht** – er beerbt sowohl den **Annehmenden** (als dessen Kind, erste Ordnung) als auch seine **leiblichen Eltern**. In beiden Richtungen ist er **pflichtteilsberechtigt**. Umgekehrt gilt dies auch spiegelbildlich: Stirbt der Angenommene kinderlos, kommen als Erben zweiter Ordnung sowohl der **Annehmende** als auch die **leiblichen Eltern** in Betracht. Nicht erfasst ist nur die **weitere Verwandtschaft des Annehmenden** (§ 1770 Abs. 1 BGB).

Die Wirkungen erstrecken sich allerdings auf die **Abkömmlinge des Angenommenen** nur, soweit sie **im Zeitpunkt der Annahme minderjährig** waren bzw. nach den §§ 1754 ff. BGB einbezogen sind – bereits volljährige Kinder des Angenommenen werden von der Annahme in ihrer Rechtsstellung zum Annehmenden grundsätzlich nicht erfasst. Das ist bei der Nachlassplanung über zwei Generationen hinweg zu beachten.

## Volljährigenadoption mit Minderjährigenwirkung (§ 1772 BGB)

In eng begrenzten Fällen kann das **Familiengericht** auf **Antrag des Annehmenden und des Anzunehmenden** bestimmen, dass sich die Wirkungen der Volljährigenannahme nach den Vorschriften über die **Minderjährigenannahme** richten (**§§ 1754 bis 1756 BGB**). Voraussetzung ist nach **§ 1772 Abs. 1 BGB** einer der folgenden Fälle:

- **lit. a:** ein **minderjähriger Bruder oder eine minderjährige Schwester** des Anzunehmenden ist vom Annehmenden angenommen worden oder wird gleichzeitig angenommen;
- **lit. b:** der Anzunehmende ist **bereits als Minderjähriger in die Familie** des Annehmenden aufgenommen worden;
- **lit. c:** der Annehmende nimmt das **Kind seines Ehegatten** an;
- **lit. d:** der Anzunehmende ist im Zeitpunkt der **Antragseinreichung beim Familiengericht noch nicht volljährig**.

Eine solche Bestimmung darf **nicht** getroffen werden, wenn ihr **überwiegende Interessen der Eltern** des Anzunehmenden entgegenstehen (§ 1772 Abs. 1 Satz 2 BGB). Wird sie getroffen, tritt die **volle Kappung** nach § 1755 BGB ein: Das Erbrecht gegenüber den leiblichen Eltern **erlischt**. Der Unterschied zur einfachen Volljährigenadoption ist erbrechtlich also erheblich – wer eine Volljährigenadoption plant, muss wissen, ob ein Antrag nach § 1772 BGB gestellt wurde oder nicht.

Praktisch bedeutsam ist **lit. d**: Wird der Antrag noch vor dem 18. Geburtstag eingereicht, die Annahme aber erst danach ausgesprochen, kann die Volladoptionswirkung erhalten bleiben.

## Aufhebung des Annahmeverhältnisses (§ 1764 BGB)

Wird das Annahmeverhältnis **aufgehoben**, wirkt dies nach **§ 1764 Abs. 1 Satz 1 BGB** **nur für die Zukunft**. Mit der Aufhebung **erlischt** die durch die Annahme begründete Verwandtschaft des Kindes und seiner Abkömmlinge (**§ 1764 Abs. 2 BGB**), und **gleichzeitig lebt** das Verwandtschaftsverhältnis zu den **leiblichen Verwandten** – mit Ausnahme der elterlichen Sorge – **wieder auf** (**§ 1764 Abs. 3 BGB**). Erbrechtlich kehrt die Lage damit in die Ausgangslage zurück: gesetzliches Erbrecht und Pflichtteil gegenüber der leiblichen Familie bestehen wieder, gegenüber der Adoptivfamilie nicht mehr.

Eine Besonderheit für **Erbfälle** enthält **§ 1764 Abs. 1 Satz 2 BGB**: Hebt das Familiengericht das Annahmeverhältnis **nach dem Tod des Annehmenden auf dessen Antrag** oder **nach dem Tod des Kindes auf dessen Antrag** auf, so hat dies **dieselbe Wirkung, wie wenn das Annahmeverhältnis vor dem Tode aufgehoben worden wäre** – die Aufhebung schlägt also auf den bereits eingetretenen Erbfall durch.

Besteht das Annahmeverhältnis zu einem **Ehepaar** und wird es nur im Verhältnis zu **einem** Ehegatten aufgehoben, treten die Wirkungen des Absatzes 2 nur zwischen dem Kind und diesem Ehegatten und dessen Verwandten ein; die leibliche Verwandtschaft lebt dann **nicht** wieder auf (**§ 1764 Abs. 5 BGB**).

## Erbschaftsteuer: Steuerklasse I trotz erloschener Verwandtschaft (§ 15 Abs. 1a ErbStG)

Steuerlich ist das Adoptivkind dem leiblichen Kind gleichgestellt. Es fällt unter **§ 15 Abs. 1 Steuerklasse I Nr. 2 ErbStG** ("die Kinder und Stiefkinder") und erhält damit den **Freibetrag von 400.000 €** nach **§ 16 Abs. 1 Nr. 2 ErbStG**; seine eigenen Kinder fallen unter Steuerklasse I Nr. 3 mit **200.000 €** (§ 16 Abs. 1 Nr. 3 ErbStG). Zum Vergleich: Ehegatten und Lebenspartner **500.000 €**, übrige Personen der Steuerklasse I **100.000 €**, Steuerklasse II und III jeweils **20.000 €**.

Der praktisch wichtigste – und am häufigsten übersehene – Punkt steht in **§ 15 Abs. 1a ErbStG**:

> Die Steuerklassen I und II Nr. 1 bis 3 gelten auch dann, wenn die Verwandtschaft durch **Annahme als Kind bürgerlich-rechtlich erloschen** ist.

Das heißt: Wendet ein **leiblicher Elternteil** seinem zur Adoption freigegebenen Kind **testamentarisch** etwas zu, bleibt es steuerlich in **Steuerklasse I** und behält den **Freibetrag von 400.000 €** – obwohl zivilrechtlich (§ 1755 Abs. 1 BGB) keine Verwandtschaft mehr besteht und kein gesetzliches Erbrecht mehr existiert. Zivilrechtliche und steuerrechtliche Bewertung fallen hier bewusst auseinander. Dasselbe gilt spiegelbildlich für Zuwendungen leiblicher Großeltern (Steuerklasse I Nr. 3) und für die Steuerklasse II Nr. 1 bis 3 (Eltern/Voreltern bei Schenkungen, Geschwister, Nichten/Neffen).

Bei der **Volljährigenadoption** ergibt sich die Begünstigung ohnehin doppelt: Der Angenommene ist zivilrechtlich Kind des Annehmenden (Steuerklasse I, 400.000 €) **und** bleibt Kind seiner leiblichen Eltern (§ 1770 Abs. 2 BGB, ebenfalls Steuerklasse I, 400.000 €). Nicht begünstigt ist dagegen der Erwerb von den **Verwandten des Annehmenden**: Weil § 1770 Abs. 1 BGB dort schon keine Verwandtschaft entstehen lässt, greift auch § 15 Abs. 1a ErbStG nicht – eine Zuwendung der Mutter des Annehmenden an den Angenommenen fällt in **Steuerklasse III** mit nur **20.000 €** Freibetrag.

## Altadoptionen vor dem 1. Januar 1977

Das heutige Volladoptionsmodell der §§ 1754 ff. BGB gilt erst seit dem **Inkrafttreten des Adoptionsgesetzes vom 2. Juli 1976 zum 1. Januar 1977**. Adoptionen, die **davor** ausgesprochen wurden, folgten dem älteren Modell der "schwachen" Adoption: Die Verwandtschaft zur leiblichen Familie erlosch **nicht**, sodass Erbrecht und Pflichtteil dort grundsätzlich fortbestanden. Ob und unter welchen Voraussetzungen eine solche Altadoption in eine Volladoption übergeleitet wurde, richtet sich nach den **Übergangsvorschriften des Adoptionsgesetzes 1976**.

Bei Erbfällen, in denen eine **vor 1977 ausgesprochene Adoption** eine Rolle spielt, ist die Rechtslage deshalb **im Einzelfall anhand der Übergangsvorschriften und der Adoptionsurkunde** zu prüfen. Von der pauschalen Annahme, die heutigen §§ 1754, 1755 BGB seien anwendbar, sollte abgesehen werden. Dieser Abschnitt ist bewusst allgemein gehalten und für eine Einzelfallprüfung nicht ausreichend.

## Häufige Fehler

- **"Ein Adoptivkind erbt weniger als ein leibliches Kind."** Falsch – bei der Minderjährigenadoption hat es nach § 1754 BGB die **volle rechtliche Stellung eines Kindes**, mit identischer Erbquote, identischem Pflichtteil und identischem Freibetrag.
- **"Das adoptierte Kind erbt auch weiterhin von seinen leiblichen Eltern."** Bei der **Volladoption** nicht: § 1755 Abs. 1 BGB lässt das Verwandtschaftsverhältnis und alle daraus folgenden Rechte **erlöschen** – gesetzliches Erbrecht und Pflichtteil entfallen. Nur bei der **Volljährigenadoption** (§ 1770 Abs. 2 BGB) bleibt es erhalten.
- **"Wer einen Erwachsenen adoptiert, macht ihn zum Enkel seiner Eltern."** Nein – § 1770 Abs. 1 Satz 1 BGB schließt die Erstreckung auf die **Verwandten des Annehmenden** ausdrücklich aus. Der Angenommene erbt **nicht** von den Eltern oder Geschwistern des Annehmenden.
- **"Eine Volljährigenadoption kann man zur Steuerersparnis vereinbaren."** Sie setzt nach § 1767 Abs. 1 BGB voraus, dass sie **sittlich gerechtfertigt** ist – regelmäßig ein bereits entstandenes **Eltern-Kind-Verhältnis**. Steuerliche Motive allein tragen die Annahme nicht.
- **"Bei der Stiefkindadoption verliert das Kind das Erbrecht nach beiden leiblichen Elternteilen."** Nein – § 1755 Abs. 2 BGB lässt das Erlöschen **nur im Verhältnis zum anderen Elternteil** und dessen Verwandten eintreten.
- **"Nichtverheiratete Paare können keine Stiefkindadoption vornehmen."** Seit dem 31.03.2020 gilt § 1766a BGB für Partner in **verfestigter Lebensgemeinschaft** (Regelfall: vier Jahre Zusammenleben oder gemeinsames Kind).
- **"Nach der Adoption ist steuerlich alles gekappt."** Gerade nicht – **§ 15 Abs. 1a ErbStG** erhält die **Steuerklasse I** auch dann, wenn die Verwandtschaft **bürgerlich-rechtlich erloschen** ist. Eine testamentarische Zuwendung der leiblichen Eltern bleibt mit **400.000 €** freigestellt.
- **"Die Aufhebung der Adoption macht alles rückwirkend ungeschehen."** Nein – § 1764 Abs. 1 Satz 1 BGB: Die Aufhebung wirkt **nur für die Zukunft**. Nur der Sonderfall des § 1764 Abs. 1 Satz 2 BGB (Aufhebung nach dem Tod auf Antrag des Verstorbenen) wirkt auf den Erbfall zurück.
- **"§ 1772 BGB ist ein Randfall."** Er entscheidet über die gesamte erbrechtliche Zuordnung: Mit einer Bestimmung nach § 1772 BGB erlischt das Erbrecht zur leiblichen Familie, ohne sie bleibt es bestehen.

## Änderungsverlauf

- 2026-09-16: Erstveröffentlichung der Faktenseite. Normtexte der §§ 1754, 1755, 1756, 1764, 1766a, 1767, 1770, 1772, 1925 BGB sowie §§ 15, 16 ErbStG am 16.09.2026 im Volltext gegen gesetze-im-internet.de geprüft. Freibeträge 2026 (500.000 / 400.000 / 200.000 / 100.000 / 20.000 €) gegen § 16 Abs. 1 ErbStG bestätigt. Abschnitt "Altadoptionen vor dem 1. Januar 1977" bewusst allgemein gehalten, Übergangsvorschriften des AdoptG 1976 nicht am amtlichen Volltext verifiziert – daher factcheck_status=review_needed. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Quellen

- § 1754 BGB – Wirkung der Annahme (Minderjährigenadoption):
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1754.html
- § 1755 BGB – Erlöschen von Verwandtschaftsverhältnissen (mit amtlicher Fußnote zu BVerfG v. 26.03.2019 – 1 BvR 673/17 und zum Umsetzungsgesetz v. 19.03.2020):
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1755.html
- § 1756 BGB – Bestehenbleiben von Verwandtschaftsverhältnissen (Verwandtenadoption):
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1756.html
- § 1764 BGB – Wirkung der Aufhebung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1764.html
- § 1766a BGB – Annahme von Kindern des nichtehelichen Partners (verfestigte Lebensgemeinschaft):
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1766a.html
- § 1767 BGB – Zulässigkeit der Annahme Volljähriger, sittliche Rechtfertigung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1767.html
- § 1770 BGB – Wirkung der Annahme eines Volljährigen ("schwache" Adoption):
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1770.html
- § 1772 BGB – Annahme mit den Wirkungen der Minderjährigenannahme:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1772.html
- § 1924 BGB – Gesetzliche Erben erster Ordnung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1924.html
- § 1925 BGB – Gesetzliche Erben zweiter Ordnung, Abs. 4 zur Verwandtenadoption nach § 1756 BGB:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1925.html
- § 2303 BGB – Pflichtteilsberechtigte, Höhe des Pflichtteils:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2303.html
- § 15 ErbStG – Steuerklassen, insbesondere Abs. 1a (Steuerklasse I trotz erloschener Verwandtschaft):
  https://www.gesetze-im-internet.de/erbstg_1974/__15.html
- § 16 ErbStG – Freibeträge (Kinder 400.000 €, Enkel 200.000 €, Ehegatten 500.000 €):
  https://www.gesetze-im-internet.de/erbstg_1974/__16.html
- Bürgerliches Gesetzbuch, Titel 7 "Annahme als Kind" (§§ 1741–1772 BGB), Gesamttext:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/BJNR001950896.html

## Stand

- Letzte Änderung: 2026-09-16
- Letzte Prüfung: 2026-09-16
- In Kraft seit: 1977-01-01
- Status: In Kraft
- Quellen-Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
