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title: Einwilligung in ärztliche Maßnahmen und betreuungsgerichtliche Genehmigung (§ 1829 BGB) – Voraussetzungen, Ausnahmen, Verfahren
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# Einwilligung in ärztliche Maßnahmen und betreuungsgerichtliche Genehmigung (§ 1829 BGB) – Voraussetzungen, Ausnahmen, Verfahren

## Kurzantwort

Willigt ein **Betreuer** oder ein **Bevollmächtigter** anstelle eines einwilligungsunfähigen Menschen in eine **Untersuchung, Heilbehandlung oder einen ärztlichen Eingriff** ein, so bedarf diese Einwilligung der **Genehmigung des Betreuungsgerichts**, wenn die **begründete Gefahr** besteht, dass der Betreute aufgrund der Maßnahme **stirbt** oder einen **schweren und länger dauernden gesundheitlichen Schaden** erleidet (§ 1829 Abs. 1 Satz 1 BGB). **Ebenso** genehmigungspflichtig ist die **Nichteinwilligung oder der Widerruf** der Einwilligung – also der Behandlungsverzicht oder ‑abbruch –, wenn die Maßnahme medizinisch angezeigt ist und ohne sie dieselbe Todes- oder schwere Schadensgefahr droht (§ 1829 Abs. 2 BGB). Das Gericht **muss** die Genehmigung erteilen, wenn die Entscheidung dem **Willen des Betreuten** entspricht (§ 1829 Abs. 3 BGB). Eine Genehmigung ist **nicht** erforderlich, wenn Betreuer bzw. Bevollmächtigter und behandelnder Arzt **einvernehmlich** feststellen, dass die Entscheidung dem nach § 1827 BGB ermittelten Patientenwillen entspricht (§ 1829 Abs. 4 BGB). Die Norm gilt seit dem **01.01.2023**; sie ist die Nachfolgeregelung des bis 31.12.2022 geltenden § 1904 BGB a.F.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage seit 01.01.2023 | § 1829 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Vorgängerregelung bis 31.12.2022 | § 1904 BGB a.F. (Betreuungsrechtsreform, Gesetz v. 04.05.2021, BGBl. I S. 882) |
| Grundfall genehmigungspflichtig | Einwilligung mit begründeter Gefahr von Tod oder schwerem, länger dauerndem Schaden [§ 1829 Abs. 1 Satz 1 BGB] |
| Gefahr im Verzug | Maßnahme ohne Genehmigung zulässig, wenn mit Aufschub Gefahr verbunden [§ 1829 Abs. 1 Satz 2 BGB] |
| Behandlungsabbruch/-verzicht | Nichteinwilligung oder Widerruf ebenfalls genehmigungspflichtig, wenn Maßnahme angezeigt und Todes-/Schadensgefahr [§ 1829 Abs. 2 BGB] |
| Prüfungsmaßstab des Gerichts | Genehmigung ist zu erteilen, wenn Entscheidung dem Willen des Betreuten entspricht [§ 1829 Abs. 3 BGB] |
| Ausnahme (kein Gerichtsverfahren) | Einvernehmen zwischen Betreuer/Bevollmächtigtem und Arzt über § 1827-Willen [§ 1829 Abs. 4 BGB] |
| Geltung für Bevollmächtigten | Entsprechend nach Maßgabe § 1820 Abs. 2 Nr. 1 BGB (schriftliche Vollmacht, die die Maßnahmen ausdrücklich umfasst) [§ 1829 Abs. 5 BGB] |
| Willensermittlung | Nach § 1827 BGB (Patientenverfügung/Behandlungswünsche/mutmaßlicher Wille), Gespräch nach § 1828 BGB |
| Verfahren vor dem Betreuungsgericht | § 298 FamFG – u.a. persönliche Anhörung, Verfahrenspfleger, ärztliches Gutachten |
| Zuständig | Betreuungsgericht (Abteilung des Amtsgerichts) |
| Verhältnis zur Patientenverfügung | Bindende, hinreichend bestimmte Patientenverfügung ersetzt Einwilligung; dann keine Genehmigung nötig [BGH XII ZB 61/16] |
| Bestimmtheitsanforderung (BGH) | Pauschalformel „keine lebenserhaltenden Maßnahmen" allein reicht nicht [BGH XII ZB 61/16 v. 06.07.2016] |
| Verwandte Notvertretung | Ehegatten-Notvertretung § 1358 BGB verweist auf § 1829 BGB |

## Geltungsbereich

§ 1829 BGB betrifft ausschließlich Menschen, die für eine konkrete ärztliche Maßnahme **nicht selbst einwilligungsfähig** sind und für die ein **Betreuer** mit dem Aufgabenkreis Gesundheitssorge bestellt oder ein **Bevollmächtigter** eingesetzt ist. Ist der Patient einwilligungsfähig, entscheidet er allein; § 1829 BGB spielt dann keine Rolle. Erfasst sind nur **riskante** Maßnahmen im Sinne der Norm – solche mit begründeter Gefahr von Tod oder schwerem, länger dauerndem Gesundheitsschaden. Für alle übrigen (nicht risikobehafteten) Behandlungen genügt die Einwilligung des Betreuers oder Bevollmächtigten **ohne** gerichtliche Genehmigung. Für einen Bevollmächtigten gilt die Genehmigungspflicht nur, wenn die **schriftliche Vorsorgevollmacht** die betreffenden Maßnahmen nach § 1820 Abs. 2 Nr. 1 BGB **ausdrücklich** umfasst.

## Der Kern: Einwilligung, Abbruch und der Wille des Betreuten

§ 1829 BGB stellt die **Einwilligung** (Abs. 1) und die **Nichteinwilligung bzw. den Widerruf** (Abs. 2) bewusst gleich: Nicht nur ein riskanter Eingriff, sondern auch dessen **Unterlassen oder Abbruch** kann genehmigungspflichtig sein, wenn dadurch Lebens- oder schwere Gesundheitsgefahr entsteht. Maßstab ist in beiden Fällen allein der **Wille des Betreuten** (Abs. 3) – das Gericht trifft keine eigene Wertentscheidung über „Wohl" oder „Nutzen", sondern prüft, ob die Entscheidung des Vertreters dem Patientenwillen entspricht. Dieser Wille wird nach § 1827 BGB ermittelt: vorrangig aus einer **Patientenverfügung**, sonst aus **Behandlungswünschen** oder dem **mutmaßlichen Willen**. Das dazu vorgeschriebene **Gespräch** zwischen Arzt und Vertreter regelt § 1828 BGB.

## Wann kein Gericht nötig ist (Abs. 4)

Die praktisch wichtigste Entlastung enthält § 1829 Abs. 4 BGB: Sind sich **Betreuer bzw. Bevollmächtigter und behandelnder Arzt einig**, dass die Erteilung, Nichterteilung oder der Widerruf der Einwilligung dem nach § 1827 BGB festgestellten Willen des Betreuten entspricht, ist **keine** betreuungsgerichtliche Genehmigung erforderlich. Der Bundesgerichtshof hat diesen Gedanken für die **Patientenverfügung** zugespitzt: Liegt eine **wirksame und hinreichend bestimmte** Patientenverfügung vor, die auf die aktuelle Behandlungssituation zutrifft, entfaltet sie unmittelbare Bindungswirkung; die Entscheidung ist dann bereits vom Patienten selbst getroffen, sodass es einer Genehmigung nicht bedarf (BGH, Beschluss vom 06.07.2016 – XII ZB 61/16). Umgekehrt betonte der BGH, dass eine **pauschale** Wendung wie „keine lebenserhaltenden Maßnahmen" **ohne** Bezug zu konkreten Behandlungen und Krankheitssituationen keine bindende Behandlungsentscheidung enthält – dann bleibt der Vertreter zuständig, und bei Uneinigkeit mit dem Arzt ist das Betreuungsgericht anzurufen.

## Verfahren vor dem Betreuungsgericht

Ist eine Genehmigung erforderlich, richtet sich das Verfahren nach **§ 298 FamFG**. Das Betreuungsgericht hat den Betroffenen grundsätzlich **persönlich anzuhören** und sich einen unmittelbaren Eindruck zu verschaffen, bestellt regelmäßig einen **Verfahrenspfleger** und holt in der Regel ein **ärztliches (Sachverständigen-)Gutachten** ein. Bei **Gefahr im Verzug** darf die Maßnahme nach § 1829 Abs. 1 Satz 2 BGB **vor** der Entscheidung durchgeführt werden; die Genehmigung ist dann nicht Voraussetzung des ärztlichen Handelns.

## Häufige Fehler

- **„Nur die Behandlung braucht eine Genehmigung, nicht der Behandlungsabbruch."** Falsch – § 1829 Abs. 2 BGB unterwirft auch die Nichteinwilligung und den Widerruf der Genehmigungspflicht, wenn dadurch Lebens- oder schwere Gesundheitsgefahr entsteht.
- **„Das Gericht entscheidet, was medizinisch das Beste ist."** Falsch – Prüfungsmaßstab ist allein der **Wille des Betreuten** (§ 1829 Abs. 3 BGB), nicht eine eigene Nutzenabwägung des Gerichts.
- **„Bei einer Patientenverfügung muss immer erst das Gericht zustimmen."** Falsch – bei Einvernehmen von Vertreter und Arzt über den § 1827-Willen entfällt die Genehmigung (§ 1829 Abs. 4 BGB); eine bindende, bestimmte Patientenverfügung macht das Verfahren entbehrlich (BGH XII ZB 61/16).
- **„Ein Bevollmächtigter braucht nie eine Genehmigung."** Falsch – für den Bevollmächtigten gilt § 1829 Abs. 1–4 entsprechend, sofern die schriftliche Vollmacht die Maßnahmen nach § 1820 Abs. 2 Nr. 1 BGB ausdrücklich erfasst (§ 1829 Abs. 5 BGB).
- **„Bei akuter Lebensgefahr muss man auf die Gerichtsentscheidung warten."** Falsch – bei Gefahr im Verzug darf ohne vorherige Genehmigung behandelt werden (§ 1829 Abs. 1 Satz 2 BGB).
- **„§ 1904 BGB regelt das noch."** Falsch – § 1904 BGB ist zum 31.12.2022 entfallen; seit 01.01.2023 gilt § 1829 BGB.

## Quellen

- § 1829 BGB – Genehmigung des Betreuungsgerichts bei ärztlichen Maßnahmen: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1829.html
- § 1827 BGB – Patientenverfügung; Behandlungswünsche oder mutmaßlicher Wille: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1827.html
- § 1828 BGB – Gespräch zur Feststellung des Patientenwillens: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1828.html
- § 1820 BGB – Vorsorgevollmacht und Kontrollbetreuung (Abs. 2 Nr. 1): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1820.html
- § 298 FamFG – Verfahren in Fällen des § 1829 BGB: https://www.gesetze-im-internet.de/famfg/__298.html
- BGH, Beschluss vom 06.07.2016 – XII ZB 61/16 (Bestimmtheit der Patientenverfügung / Entbehrlichkeit der Genehmigung): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=06.07.2016&Aktenzeichen=XII+ZB+61/16
- Betreuungsrechtsreform (Gesetz zur Reform des Vormundschafts- und Betreuungsrechts v. 04.05.2021, BGBl. I S. 882, in Kraft 01.01.2023): https://dejure.org/BGBl/2021/BGBl._I_S._882

## Änderungsverlauf

- 2026-07-08: Erstveröffentlichung. Statuttext gegen § 1829 BGB (gesetze-im-internet.de / dejure.org) verifiziert; Genehmigungspflicht bei Einwilligung (Abs. 1), Abbruch/Widerruf (Abs. 2), Willensmaßstab (Abs. 3), Einvernehmens-Ausnahme (Abs. 4) und Bevollmächtigten-Erstreckung (Abs. 5) belegt. BGH XII ZB 61/16 als dejure.org-Permalink. Abgrenzung zum weggefallenen § 1904 BGB a.F. dokumentiert. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-07-08
- Gültig ab: 2023-01-01 (Betreuungsrechtsreform, § 1829 BGB heutiger Fassung)
- Status: aktuell
