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title: Ärztliche Schweigepflicht (§ 203 StGB, § 9 MBO-Ä) – Umfang, Entbindung, Offenbarungsbefugnisse und Strafrahmen 2026
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# Ärztliche Schweigepflicht (§ 203 StGB, § 9 MBO-Ä) – Umfang, Entbindung, Offenbarungsbefugnisse und Strafrahmen 2026

## Kurzantwort

Die **ärztliche Schweigepflicht** ist **strafbewehrt**: Nach **§ 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB** wird mit **Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe** bestraft, wer als **Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker oder Angehöriger eines anderen Heilberufs** mit staatlich geregelter Ausbildung **unbefugt ein fremdes Geheimnis offenbart**, das ihm in dieser Eigenschaft **anvertraut worden oder sonst bekanntgeworden** ist. Handelt der Täter **gegen Entgelt** oder in **Bereicherungs- oder Schädigungsabsicht**, beträgt der Strafrahmen nach **§ 203 Abs. 6 StGB** **bis zu zwei Jahren**. Geschützt ist **jede** patientenbezogene Information – bereits die Tatsache, dass jemand überhaupt in Behandlung ist. Die Pflicht gilt **auch gegenüber Angehörigen, dem Arbeitgeber, der Polizei und anderen Ärzten** und **über den Tod des Patienten hinaus** (**§ 203 Abs. 5 StGB**, **§ 9 Abs. 1 MBO-Ä**). **Kein** Offenbaren liegt vor, wenn Geheimnisse den **berufsmäßig tätigen Gehilfen** in der Praxis zugänglich gemacht werden (**§ 203 Abs. 3 S. 1 StGB**); gegenüber **externen mitwirkenden Personen** (IT-Dienstleister, Abrechnungsstellen, Schreibbüros) ist die Offenbarung seit dem **9. November 2017** zulässig, **soweit sie für deren Tätigkeit erforderlich** ist (**§ 203 Abs. 3 S. 2 StGB**) – der Arzt muss diese Personen aber **zur Geheimhaltung verpflichten**, sonst macht er sich nach **§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB** selbst strafbar. **Befugt** ist die Offenbarung vor allem bei **wirksamer Entbindung durch den Patienten**, bei **gesetzlichen Melde- und Anzeigepflichten** (z. B. **§ 6, § 8 Abs. 1 Nr. 1, § 9 Abs. 3 IfSG** – Meldung binnen **24 Stunden**; **§ 138 StGB**) sowie im **rechtfertigenden Notstand** nach **§ 34 StGB**. Bei **Kindeswohlgefährdung** gibt **§ 4 Abs. 3 KKG** eine ausdrückliche **Befugnis**, das Jugendamt zu informieren. Im Verfahren korrespondiert die Schweigepflicht mit dem **Zeugnisverweigerungsrecht** nach **§ 53 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 StPO** und **§ 383 Abs. 1 Nr. 6 ZPO** sowie dem **Beschlagnahmeverbot** des **§ 97 StPO**. Die Tat ist ein **absolutes Antragsdelikt** (**§ 205 Abs. 1 S. 1 StGB**).

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage (Strafrecht) | § 203 StGB – Verletzung von Privatgeheimnissen [gesetze-im-internet.de] |
| Aktuelle Fassung | Fassung aufgrund des Zweiten Gesetzes zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes vom 07.11.2024 (BGBl. I Nr. 351), in Kraft seit 13.11.2024 [dejure.org] |
| Rechtsgrundlage (Berufsrecht) | § 9 MBO-Ä (Muster-Berufsordnung, Stand Mai 2026) – umgesetzt durch die Berufsordnungen der Landesärztekammern |
| Erfasster Personenkreis | Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker, Angehörige anderer Heilberufe mit staatlich geregelter Ausbildung; Berufspsychologen [§ 203 Abs. 1 Nr. 1, 2 StGB] |
| Ebenfalls erfasst | Angehörige privater Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherer und privatärztlicher Verrechnungsstellen [§ 203 Abs. 1 Nr. 7 StGB] |
| Schutzgegenstand | fremdes Geheimnis, namentlich ein zum persönlichen Lebensbereich gehörendes Geheimnis; erfasst bereits die Tatsache der Behandlung [§ 203 Abs. 1 StGB] |
| Strafrahmen Grundtatbestand | Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr oder Geldstrafe [§ 203 Abs. 1 StGB] |
| Strafrahmen Qualifikation | Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe bei Handeln gegen Entgelt oder in Bereicherungs-/Schädigungsabsicht [§ 203 Abs. 6 StGB] |
| Verwertung statt Offenbarung | Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe [§ 204 StGB] |
| Praxispersonal | kein Offenbaren, wenn Geheimnisse berufsmäßig tätigen Gehilfen oder Auszubildenden zugänglich gemacht werden [§ 203 Abs. 3 S. 1 StGB] |
| Externe Dienstleister | Offenbarung zulässig, soweit für die Inanspruchnahme ihrer Tätigkeit erforderlich – seit 09.11.2017 [§ 203 Abs. 3 S. 2 StGB] |
| Verpflichtungspflicht des Arztes | strafbar, wer nicht dafür Sorge trägt, dass die mitwirkende Person zur Geheimhaltung verpflichtet wurde [§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB] |
| Datenschutzbeauftragte | eigene Strafbarkeit für beim Geheimnisträger tätige Datenschutzbeauftragte [§ 203 Abs. 4 S. 1 StGB] |
| Wirkung über den Tod hinaus | Absätze 1 bis 4 gelten auch bei Offenbarung nach dem Tod des Betroffenen [§ 203 Abs. 5 StGB]; berufsrechtlich § 9 Abs. 1 MBO-Ä |
| Antragserfordernis | absolutes Antragsdelikt – Verfolgung nur auf Strafantrag [§ 205 Abs. 1 S. 1 StGB] |
| Strafantragsfrist | 3 Monate ab Kenntnis von Tat und Täter [§ 77b Abs. 1 StGB] |
| Antragsrecht nach dem Tod | Übergang auf Angehörige nach § 77 Abs. 2 StGB; auf die Erben, soweit das Geheimnis nicht zum persönlichen Lebensbereich gehört [§ 205 Abs. 2 S. 1–3 StGB] |
| Entbindung durch Patienten | Schweigepflicht entfällt bei wirksamer, informierter Entbindung; berufsrechtlich ausdrücklich [§ 9 Abs. 2 S. 1 MBO-Ä], prozessual [§ 53 Abs. 2 S. 1 StPO] |
| Zeugnisverweigerungsrecht Strafverfahren | Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Apotheker, Hebammen [§ 53 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 StPO]; mitwirkende Personen [§ 53a StPO] |
| Zeugnisverweigerungsrecht Zivilverfahren | Personen mit gesetzlicher Verschwiegenheitspflicht [§ 383 Abs. 1 Nr. 6, Abs. 3 ZPO] |
| Beschlagnahmeverbot | Krankenunterlagen und ärztliche Untersuchungsbefunde im Gewahrsam des Arztes [§ 97 Abs. 1 Nr. 2, 3, Abs. 2 S. 1 StPO] |
| Rechtfertigender Notstand | Offenbarung befugt, wenn das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt und die Tat angemessenes Mittel ist [§ 34 StGB] |
| Meldepflicht Infektionsschutz | feststellender Arzt meldet namentlich; unverzüglich, spätestens binnen 24 Stunden beim Gesundheitsamt [§ 6, § 8 Abs. 1 Nr. 1, § 9 Abs. 3 S. 1 IfSG] |
| Anzeigepflicht Katalogtaten | geplante Katalogtaten (u. a. Mord, Totschlag, Raub, Geiselnahme) sind anzuzeigen [§ 138 StGB]; Ärzteprivileg nur unter den Voraussetzungen des [§ 139 Abs. 3 S. 2 StGB] |
| Kindeswohlgefährdung | Befugnis (keine Pflicht), das Jugendamt zu informieren; bei dringender Gefahr Soll-Vorschrift zur unverzüglichen Information [§ 4 Abs. 3 KKG] |
| Beratungsanspruch | Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft; Daten sind vorab zu pseudonymisieren [§ 4 Abs. 2 KKG] |
| Datenschutzrechtliche Flankierung | Gesundheitsdaten dürfen zu Behandlungszwecken nur von Fachpersonal unter Berufsgeheimnis verarbeitet werden [Art. 9 Abs. 2 lit. h, Abs. 3 DSGVO] |
| Postmortales Einsichtsrecht | Erben (vermögensrechtliche Interessen) und nächste Angehörige (immaterielle Interessen); ausgeschlossen bei entgegenstehendem ausdrücklichem oder mutmaßlichem Willen [§ 630g Abs. 3 BGB] |
| Ehegattennotvertretung | behandelnde Ärzte sind gegenüber dem vertretenden Ehegatten von der Schweigepflicht entbunden [§ 1358 Abs. 2 BGB] |
| Privatabrechnung | Datenübermittlung an Dritte nur bei nachweisbarer Einwilligung des Patienten [§ 12 Abs. 2 MBO-Ä] |
| Leitentscheidung Verrechnungsstelle | Abtretung der (zahn)ärztlichen Honorarforderung an eine gewerbliche Verrechnungsstelle ohne Patienteneinwilligung ist nach § 134 BGB i. V. m. § 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB nichtig [BGH, 10.07.1991 – VIII ZR 296/90, BGHZ 115, 123] |
| Anforderung an die Einwilligung | Der Patient muss wissen, aus welchem Anlass und mit welcher Zielsetzung er welche Personen von der Schweigepflicht entbindet [BGH, 10.10.2013 – III ZR 325/12] |

## Geltungsbereich

**§ 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB** erfasst **Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker** sowie **Angehörige anderer Heilberufe, deren Berufsausübung oder Führung der Berufsbezeichnung eine staatlich geregelte Ausbildung erfordert** – also etwa Pflegefachpersonen, Hebammen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Rettungsassistenten und Notfallsanitäter. **Nr. 2** nennt **Berufspsychologen mit staatlich anerkannter wissenschaftlicher Abschlussprüfung**, **Nr. 6** staatlich anerkannte **Sozialarbeiter und Sozialpädagogen**, **Nr. 7** Angehörige eines **privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherers** sowie einer **privatärztlichen Verrechnungsstelle**. **Heilpraktiker** unterfallen **§ 203 StGB nicht**, weil ihre Tätigkeit keine staatlich geregelte Ausbildung voraussetzt; für sie gelten aber die datenschutzrechtlichen Pflichten und – im Infektionsschutz – ausdrücklich **§ 8 Abs. 1 Nr. 8 IfSG**.

Geschützt ist das **fremde Geheimnis**, das dem Arzt **„anvertraut worden oder sonst bekanntgeworden"** ist. Der Begriff ist weit: Er umfasst **Diagnosen, Befunde, Laborwerte, Medikation, psychische Erkrankungen, Suchtmittelgebrauch, Schwangerschaft und Familienverhältnisse** ebenso wie **beiläufig Wahrgenommenes** – und bereits die **schlichte Tatsache**, dass eine bestimmte Person Patient ist. Die Pflicht besteht **gegenüber jedermann**, ausdrücklich auch gegenüber **Ehepartnern, Eltern volljähriger Kinder, dem Arbeitgeber, Versicherungen, der Polizei** und gegenüber **anderen Ärzten**, die nicht in die Behandlung eingebunden sind.

Neben dem Strafrecht steht das **Berufsrecht**: **§ 9 Abs. 1 MBO-Ä** verpflichtet Ärztinnen und Ärzte, über alles zu schweigen, was ihnen in dieser Eigenschaft anvertraut oder bekannt geworden ist – **„auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus"** – einschließlich schriftlicher Mitteilungen, Aufzeichnungen, Röntgenaufnahmen und sonstiger Untersuchungsbefunde. Die MBO-Ä ist selbst **kein geltendes Recht**; verbindlich sind erst die **Berufsordnungen der Landesärztekammern**, die sie weitgehend wortgleich übernehmen. Verstöße können **berufsgerichtlich** geahndet werden – bis hin zur Entziehung der Zulassung.

## Praxispersonal, externe Dienstleister und die Verpflichtungspflicht (§ 203 Abs. 3 und 4 StGB)

**§ 203 Abs. 3 S. 1 StGB** stellt klar: **Kein Offenbaren** liegt vor, wenn der Arzt Geheimnisse den **bei ihm berufsmäßig tätigen Gehilfen** oder den **zur Vorbereitung auf den Beruf tätigen Personen** zugänglich macht. Medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte, Auszubildende und Famulanten dürfen also im erforderlichen Umfang informiert werden. Berufsrechtlich verlangt **§ 9 Abs. 3 S. 2 MBO-Ä** zusätzlich, diese Personen **über die gesetzliche Pflicht zur Verschwiegenheit zu belehren** und dies **schriftlich festzuhalten**.

Für **externe Dritte** galt bis 2017 eine erhebliche Rechtsunsicherheit: Die Einbindung von IT-Dienstleistern, Rechenzentren, Aktenvernichtern oder Schreibbüros war strafrechtlich riskant. Das **Gesetz zur Neuregelung des Schutzes von Geheimnissen bei der Mitwirkung Dritter an der Berufsausübung schweigepflichtiger Personen** vom 30.10.2017 (BGBl. I S. 3618) hat mit Wirkung zum **9. November 2017** den heutigen **§ 203 Abs. 3 S. 2 StGB** eingefügt: Geheimnisträger **dürfen** fremde Geheimnisse gegenüber **sonstigen Personen offenbaren, die an ihrer beruflichen Tätigkeit mitwirken, soweit dies für die Inanspruchnahme deren Tätigkeit erforderlich ist**; dasselbe gilt für Unterauftragnehmer dieser mitwirkenden Personen.

Dieser Befugnis steht eine **Sorgfaltspflicht** gegenüber. Nach **§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB** macht sich der Arzt **selbst strafbar**, wenn er **nicht dafür Sorge getragen hat**, dass eine mitwirkende Person **zur Geheimhaltung verpflichtet** wurde – und diese Person dann unbefugt offenbart. Ausgenommen sind mitwirkende Personen, die **selbst** Geheimnisträger nach Abs. 1 oder 2 sind. Die mitwirkende Person und ein beim Arzt tätiger **Datenschutzbeauftragter** sind nach **§ 203 Abs. 4 S. 1 StGB** eigenständig strafbar. **§ 9 Abs. 4 MBO-Ä** setzt dies berufsrechtlich um und verlangt eine **schriftliche** Geheimhaltungsverpflichtung, die der Arzt selbst vornehmen oder auf das beauftragte Dienstleistungsunternehmen übertragen kann. Praktische Konsequenz: Jeder Vertrag mit einem externen Dienstleister, der mit Patientendaten in Berührung kommt, braucht **neben** dem datenschutzrechtlichen Auftragsverarbeitungsvertrag eine **strafrechtliche Verpflichtungserklärung**.

## Entbindung von der Schweigepflicht durch den Patienten

Der praktisch wichtigste Rechtfertigungsgrund ist die **Einwilligung des Patienten**. **§ 9 Abs. 2 S. 1 MBO-Ä** formuliert: Ärztinnen und Ärzte sind zur Offenbarung befugt, **soweit sie von der Schweigepflicht entbunden worden sind** oder soweit die Offenbarung **zum Schutz eines höherwertigen Rechtsguts** erforderlich ist. Prozessual entspricht dem **§ 53 Abs. 2 S. 1 StPO**: Wer von der Verpflichtung zur Verschwiegenheit entbunden ist, **darf das Zeugnis nicht verweigern**.

Die Entbindung ist an **keine gesetzliche Form** gebunden und kann auch **konkludent** erklärt werden; aus Beweisgründen ist die **Schriftform** dringend zu empfehlen. Entscheidend ist, dass sie **bestimmt** und **informiert** ist. Der **BGH** hat für die Abtretung zahnärztlicher Honorarforderungen formuliert, dass der Patient wissen muss, **aus welchem Anlass und mit welcher Zielsetzung er welche Personen von der Schweigepflicht entbindet**, und über **Art und Umfang der Einschaltung Dritter** unterrichtet sein muss (BGH, Urteil vom 10.10.2013 – III ZR 325/12). **Pauschale Blankoerklärungen** – etwa eine Klausel, die „alle behandelnden Ärzte gegenüber der Versicherung" entbindet – sind daher regelmäßig unwirksam.

Die Entbindung ist **jederzeit frei widerruflich**, wirkt aber nur **für die Zukunft**. Sie ist **teilbar**: Ein Patient kann den Arzt gegenüber einer bestimmten Person und für einen bestimmten Zweck entbinden, im Übrigen aber nicht. Bei **einwilligungsunfähigen** Patienten entscheidet der **Betreuer** mit dem Aufgabenkreis Gesundheitssorge oder der **Bevollmächtigte** (§ 1820 BGB); bei **Minderjährigen** kommt es auf die **Einsichtsfähigkeit** an – ist der Jugendliche einsichts- und urteilsfähig, besteht die Schweigepflicht auch **gegenüber den Eltern**. In der akuten Notlage entbindet **§ 1358 Abs. 2 BGB** die behandelnden Ärzte **kraft Gesetzes** gegenüber dem nach § 1358 Abs. 1 BGB vertretenden **Ehegatten**.

## Gesetzliche Offenbarungsbefugnisse und -pflichten

Neben der Einwilligung gibt es **gesetzliche** Durchbrechungen. **§ 9 Abs. 2 S. 2 MBO-Ä** stellt klar, dass **gesetzliche Aussage- und Anzeigepflichten unberührt** bleiben; nach **Satz 3** soll der Arzt den Patienten darüber **unterrichten**, soweit gesetzliche Vorschriften die Schweigepflicht einschränken.

**Meldepflichten nach dem Infektionsschutzgesetz.** Nach **§ 8 Abs. 1 Nr. 1 IfSG** ist im Fall des § 6 IfSG der **feststellende Arzt** zur Meldung verpflichtet; in Einrichtungen nach § 23 Abs. 5 S. 1 IfSG ist neben ihm auch der **leitende Arzt** verantwortlich. **§ 9 Abs. 3 S. 1 IfSG** bestimmt: Die namentliche Meldung muss **unverzüglich** erfolgen und dem zuständigen Gesundheitsamt **spätestens 24 Stunden**, nachdem der Meldende Kenntnis erlangt hat, **vorliegen**. Eine Meldung darf **wegen einzelner fehlender Angaben nicht verzögert** werden (Satz 2). Zum Katalog des § 6 Abs. 1 IfSG gehören unter anderem **Masern, Tuberkulose, akute Virushepatitis, Meningokokken-Meningitis, Keuchhusten, Typhus, Tollwut** und der **Verdacht einer über das übliche Ausmaß hinausgehenden Impfkomplikation**.

**Anzeigepflicht bei geplanten schweren Straftaten.** **§ 138 StGB** verpflichtet **jedermann** – also auch den Arzt –, von einer geplanten **Katalogtat** glaubhaft erlangte Kenntnis rechtzeitig der Behörde oder dem Bedrohten anzuzeigen; Strafrahmen: **Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe**. Zum Katalog zählen unter anderem **Mord und Totschlag** (§§ 211, 212 StGB), **Raub und räuberische Erpressung** (§§ 249–251, 255 StGB), **erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme** (§§ 239a, 239b StGB) sowie **gemeingefährliche Straftaten**. **§ 139 Abs. 3 S. 2 StGB** privilegiert **Ärzte, Psychotherapeuten, Rechtsanwälte und Verteidiger**: Sie sind **nicht** verpflichtet anzuzeigen, was ihnen in dieser Eigenschaft anvertraut wurde – allerdings nur **unter denselben Voraussetzungen** wie in Satz 1, also nur, wenn sie sich **ernsthaft bemüht** haben, den Täter von der Tat abzuhalten oder den Erfolg abzuwenden. Für **Mord, Totschlag** und bestimmte terroristische und völkerstrafrechtliche Taten gilt das Privileg **nicht**. Wichtig für die Praxis: **Begangene** Taten – etwa Körperverletzung, Misshandlung oder Sexualdelikte – lösen **keine** Anzeigepflicht aus; § 138 StGB betrifft nur **noch abwendbare** Taten.

**Kindeswohlgefährdung.** **§ 4 KKG** enthält ein abgestuftes Verfahren: Bei **gewichtigen Anhaltspunkten** für eine Gefährdung **sollen** Ärzte die Situation mit dem Kind und den Erziehungsberechtigten erörtern und auf Hilfen hinwirken (Abs. 1). Sie haben gegenüber dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe **Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft**; die dafür übermittelten Daten sind **vorab zu pseudonymisieren** (Abs. 2). Scheidet eine Abwendung nach Absatz 1 aus oder bleibt sie erfolglos, sind Ärzte **befugt, das Jugendamt zu informieren** – die Betroffenen sind **vorab hinzuweisen**, es sei denn, damit würde der wirksame Schutz des Kindes in Frage gestellt (Abs. 3 S. 1). Für Ärzte gilt die Maßgabe, dass sie das Jugendamt **unverzüglich informieren sollen**, wenn nach ihrer Einschätzung eine **dringende Gefahr** ein Tätigwerden erfordert (Abs. 3 S. 3). § 4 KKG begründet also eine **Befugnis**, keine allgemeine Anzeigepflicht.

**Rechtfertigender Notstand.** Wo keine spezielle Norm greift, bleibt **§ 34 StGB**: Wer in einer **gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr** für Leben, Leib, Freiheit oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr abzuwenden, handelt **nicht rechtswidrig**, wenn das geschützte Interesse das beeinträchtigte **wesentlich überwiegt** und die Tat ein **angemessenes Mittel** ist. Klassische Fallgruppen sind der **fahruntaugliche Patient**, der trotz Aufklärung weiterfährt, oder die **konkrete, ernsthafte Drohung** gegen eine identifizierbare Person. Die Hürde ist hoch: Ein bloßer Verdacht oder ein abstraktes Risiko genügt **nicht**, und der Arzt muss stets das **mildeste Mittel** wählen – in der Regel zuerst das Gespräch mit dem Patienten.

**Datenschutzrecht.** **Art. 9 Abs. 2 lit. h DSGVO** erlaubt die Verarbeitung von Gesundheitsdaten unter anderem für **medizinische Diagnostik, Versorgung und Behandlung**, aber ausdrücklich nur **„vorbehaltlich der in Absatz 3 genannten Bedingungen und Garantien"**. **Art. 9 Abs. 3 DSGVO** verlangt, dass die Daten **von Fachpersonal oder unter dessen Verantwortung** verarbeitet werden, das **dem Berufsgeheimnis unterliegt**, oder von einer anderen Person, die ebenfalls einer Geheimhaltungspflicht unterliegt. Die strafrechtliche Schweigepflicht ist damit **datenschutzrechtliche Zulässigkeitsvoraussetzung** – beides ist getrennt zu prüfen, aber inhaltlich verzahnt.

## Schweigepflicht im Verfahren: Zeugnisverweigerung und Beschlagnahmeverbot

Im **Strafverfahren** dürfen **Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Apotheker und Hebammen** nach **§ 53 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 StPO** das Zeugnis über das verweigern, was ihnen **in dieser Eigenschaft anvertraut worden oder bekanntgeworden** ist. **§ 53a Abs. 1 StPO** erstreckt dieses Recht auf die **mitwirkenden Personen** – Beschäftigte, Berufsanwärter und sonstige Hilfstätige; über die Ausübung entscheidet grundsätzlich der Berufsgeheimnisträger. Ist der Arzt **entbunden**, darf er das Zeugnis nach **§ 53 Abs. 2 S. 1 StPO** **nicht** verweigern; die Entbindung wirkt nach **§ 53a Abs. 2 StPO** auch für die mitwirkenden Personen.

Flankierend gilt das **Beschlagnahmeverbot** des **§ 97 StPO**. Nicht beschlagnahmt werden dürfen die **schriftlichen Mitteilungen** zwischen Beschuldigtem und Geheimnisträger (Abs. 1 Nr. 1), die **Aufzeichnungen** des Geheimnisträgers über anvertraute Mitteilungen (Abs. 1 Nr. 2) und **andere Gegenstände einschließlich der ärztlichen Untersuchungsbefunde** (Abs. 1 Nr. 3). Der Schutz greift nach **§ 97 Abs. 2 S. 1 StPO** allerdings nur, solange sich die Gegenstände **im Gewahrsam des Zeugnisverweigerungsberechtigten** befinden, und **entfällt**, wenn der Arzt selbst der Beteiligung an der Tat, an Datenhehlerei, Begünstigung, Strafvereitelung oder Hehlerei verdächtig ist (Abs. 2 S. 2). **§ 97 Abs. 3 StPO** erstreckt den Schutz auf die mitwirkenden Personen nach § 53a Abs. 1 S. 1 StPO.

Im **Zivilprozess** greift **§ 383 Abs. 1 Nr. 6 ZPO**: Zeugnisverweigerungsberechtigt sind **Personen, denen kraft ihres Amtes, Standes oder Gewerbes Tatsachen anvertraut sind, deren Geheimhaltung durch ihre Natur oder durch gesetzliche Vorschrift geboten ist**. Nach **§ 383 Abs. 3 ZPO** ist die Vernehmung – **auch wenn das Zeugnis nicht verweigert wird** – nicht auf Tatsachen zu richten, über die ohne Verletzung der Verschwiegenheitspflicht nicht ausgesagt werden kann.

## Nach dem Tod des Patienten

Die Schweigepflicht **endet nicht mit dem Tod**. **§ 203 Abs. 5 StGB** stellt ausdrücklich klar, dass die Absätze 1 bis 4 auch anzuwenden sind, wenn der Täter das fremde Geheimnis **nach dem Tod des Betroffenen** unbefugt offenbart; **§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 3 StGB** erfasst zusätzlich denjenigen, der ein Geheimnis offenbart, das er **von dem Verstorbenen erfahren oder aus dessen Nachlass erlangt** hat. Berufsrechtlich wiederholt **§ 9 Abs. 1 MBO-Ä** die postmortale Geltung.

Maßgeblich ist der **mutmaßliche Wille des Verstorbenen**. Angehörige haben **kein automatisches Auskunftsrecht**; der Arzt muss im Einzelfall prüfen, ob der Patient die Offenbarung gebilligt hätte. Zivilrechtlich konkretisiert **§ 630g Abs. 3 BGB** die Einsicht in die Behandlungsakte: Die Rechte stehen **zur Wahrnehmung vermögensrechtlicher Interessen den Erben** zu (mit Kostenerstattungspflicht), **für immaterielle Interessen den nächsten Angehörigen** – aber **ausgeschlossen**, soweit der **ausdrückliche oder mutmaßliche Wille** des Patienten entgegensteht.

**Prozessual** geht das **Strafantragsrecht** nach **§ 205 Abs. 2 S. 1 StGB** i. V. m. **§ 77 Abs. 2 StGB** auf die **Angehörigen** über; gehört das Geheimnis **nicht** zum persönlichen Lebensbereich, geht es nach **Satz 2** auf die **Erben** über. Offenbart der Täter das Geheimnis **erst nach dem Tod**, gelten diese Regeln nach **Satz 3** sinngemäß.

## Abrechnung, Verrechnungsstellen und Praxisübergabe

Die **Weitergabe von Abrechnungsdaten an gewerbliche Verrechnungsstellen** war der Anlass für die wichtigste zivilrechtliche Leitentscheidung. Der **BGH** entschied mit Urteil vom **10.07.1991 – VIII ZR 296/90** (BGHZ 115, 123), dass die **Abtretung einer (zahn)ärztlichen Honorarforderung** an eine gewerbliche Verrechnungsstelle unter Übergabe der Abrechnungsunterlagen gegen **§ 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB** verstößt und deshalb nach **§ 134 BGB nichtig** ist, wenn der Patient **nicht eingewilligt** hat. Eine **konkludente Einwilligung** liegt nicht schon darin, dass der Patient zuvor Rechnungen über dieselbe Verrechnungsstelle erhalten und bezahlt hat.

Mit Urteil vom **10.10.2013 – III ZR 325/12** hat der BGH die **Anforderungen an die Einwilligung** konkretisiert und eine formularmäßige Einverständniserklärung, die die Abtretung an eine Abrechnungsgesellschaft und die **Weiterabtretung an ein refinanzierendes Kreditinstitut** verband, als **teilbare Klausel** (§ 306 BGB) behandelt: Der wirksame Teil bleibt bestehen. Berufsrechtlich verlangt **§ 12 Abs. 2 MBO-Ä**, dass die Übermittlung von Daten an Dritte zum Zweck der **privatärztlichen Abrechnung** nur zulässig ist, wenn der Patient in die Übermittlung der **erforderlichen** Daten **nachweisbar eingewilligt** hat.

Dieselbe Logik gilt bei der **Praxisübergabe**: Der BGH hat mit Urteil vom **11.12.1991 – VIII ZR 4/91** entschieden, dass die Übergabe der **Patientenkartei** an den Praxiserwerber ohne Einwilligung der Patienten gegen § 203 StGB verstößt. Etabliert hat sich deshalb das **Zwei-Schrank-Modell**: Die Altakten bleiben verschlossen und werden erst geöffnet, wenn der jeweilige Patient den Erwerber aufsucht und einwilligt.

Auch die **gesetzliche Krankenversicherung** ist kein rechtsfreier Raum, sondern beruht auf **gesetzlichen Übermittlungsbefugnissen** (§§ 294 ff. SGB V). Gegenüber **privaten Krankenversicherern** besteht dagegen **keine** gesetzliche Übermittlungsbefugnis – hier ist stets eine **Entbindungserklärung** des Versicherten erforderlich.

## Häufige Fehler

- **„Meiner Ehefrau darf der Arzt natürlich Auskunft geben."** Falsch – die Schweigepflicht gilt **auch gegenüber Ehegatten und Eltern volljähriger Kinder**. Eine Ausnahme greift nur bei **Entbindung** oder – befristet und nur in der Gesundheitssorge – bei der **Ehegattennotvertretung** nach § 1358 Abs. 2 BGB.
- **„Nach dem Tod des Patienten ist die Schweigepflicht erledigt."** Falsch – **§ 203 Abs. 5 StGB** und **§ 9 Abs. 1 MBO-Ä** erstrecken sie ausdrücklich **über den Tod hinaus**. Angehörige und Erben haben nur die begrenzten Rechte aus **§ 630g Abs. 3 BGB**, und auch die entfallen bei entgegenstehendem mutmaßlichem Willen.
- **„Der Arzt muss der Polizei Auskunft geben, wenn sie danach fragt."** Falsch – ohne Entbindung, gesetzliche Befugnis oder richterliche Entscheidung besteht **keine Auskunftspflicht**; im Strafverfahren greift das **Zeugnisverweigerungsrecht** nach § 53 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 StPO und das **Beschlagnahmeverbot** nach § 97 StPO.
- **„Wer eine Misshandlung oder ein Sexualdelikt erfährt, muss es anzeigen."** Falsch – **§ 138 StGB** verpflichtet nur zur Anzeige **geplanter, noch abwendbarer Katalogtaten**; Körperverletzungs- und Sexualdelikte stehen **nicht** im Katalog. Bei Kindeswohlgefährdung gibt **§ 4 Abs. 3 KKG** eine **Befugnis**, das Jugendamt zu informieren, keine allgemeine Anzeigepflicht.
- **„Eine pauschale Schweigepflichtentbindung im Versicherungsantrag reicht."** Regelmäßig falsch – nach **BGH, 10.10.2013 – III ZR 325/12** muss der Patient wissen, **aus welchem Anlass und mit welcher Zielsetzung er welche Personen** entbindet. Blanko-Klauseln sind unwirksam.
- **„Das Praxisteam zu informieren ist ein Bruch der Schweigepflicht."** Falsch – nach **§ 203 Abs. 3 S. 1 StGB** liegt **kein Offenbaren** vor, wenn Geheimnisse den berufsmäßig tätigen Gehilfen zugänglich gemacht werden. Berufsrechtlich ist die Belehrung aber **schriftlich festzuhalten** (§ 9 Abs. 3 S. 2 MBO-Ä).
- **„Ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach der DSGVO genügt für den IT-Dienstleister."** Unvollständig – **§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB** verlangt zusätzlich, dass der Arzt dafür **Sorge trägt, dass die mitwirkende Person zur Geheimhaltung verpflichtet** wurde; sonst ist **er selbst** strafbar. § 9 Abs. 4 MBO-Ä fordert die **Schriftform**.
- **„Der Arbeitgeber erfährt die Diagnose, wenn er den Arzt anruft."** Falsch – die Diagnose unterliegt der Schweigepflicht. Auch die **elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU)** enthält in der Arbeitgeber-Ausfertigung **keine Diagnose**.
- **„Ein Verstoß wird von Amts wegen verfolgt."** Falsch – **§ 205 Abs. 1 S. 1 StGB** macht § 203 StGB zum **absoluten Antragsdelikt**. Ohne **Strafantrag** binnen **drei Monaten** ab Kenntnis (§ 77b Abs. 1 StGB) findet keine Strafverfolgung statt. Zivilrechtliche Schadensersatz- und Unterlassungsansprüche sowie berufsrechtliche Maßnahmen bleiben davon unberührt.
- **„Ich darf die Honorarforderung einfach an ein Abrechnungsunternehmen verkaufen."** Falsch – ohne wirksame Einwilligung ist die Abtretung nach **§ 134 BGB i. V. m. § 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB nichtig** (BGH, 10.07.1991 – VIII ZR 296/90).

## Ausnahmen

Die Schweigepflicht wird **nicht** verletzt oder ist **gerechtfertigt**, wenn einer der folgenden Fälle vorliegt:

- **Wirksame Entbindung** durch den Patienten oder – bei Einwilligungsunfähigkeit – durch Betreuer bzw. Bevollmächtigten (§ 9 Abs. 2 S. 1 MBO-Ä, § 53 Abs. 2 S. 1 StPO).
- **Weitergabe im Praxisteam** an berufsmäßig tätige Gehilfen und Berufsanwärter – schon tatbestandlich **kein Offenbaren** (§ 203 Abs. 3 S. 1 StGB).
- **Einbindung mitwirkender Dritter**, soweit für deren Tätigkeit **erforderlich** und bei erfolgter Geheimhaltungsverpflichtung (§ 203 Abs. 3 S. 2, Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB).
- **Mit- und Weiterbehandlung** durch andere Ärzte, soweit das Einverständnis des Patienten vorliegt oder anzunehmen ist (§ 9 Abs. 5 MBO-Ä).
- **Gesetzliche Meldepflichten**, insbesondere §§ 6, 8, 9 IfSG (24-Stunden-Frist), sowie sozialrechtliche Übermittlungsbefugnisse gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse (§§ 294 ff. SGB V).
- **Anzeigepflicht** bei geplanten Katalogtaten (§ 138 StGB), soweit das Ärzteprivileg des § 139 Abs. 3 S. 2 StGB nicht eingreift.
- **Befugnis zur Information des Jugendamts** bei Kindeswohlgefährdung (§ 4 Abs. 3 KKG).
- **Rechtfertigender Notstand** bei gegenwärtiger, nicht anders abwendbarer Gefahr und wesentlich überwiegendem Interesse (§ 34 StGB).
- **Ehegattennotvertretung**: gesetzliche Entbindung gegenüber dem vertretenden Ehegatten, längstens sechs Monate (§ 1358 Abs. 2, Abs. 3 Nr. 4 BGB).
- **Eigene Rechtsverteidigung** des Arztes, etwa im Honorarprozess oder gegen den Vorwurf eines Behandlungsfehlers, soweit die Offenbarung zur Wahrnehmung berechtigter Interessen **erforderlich** ist.

Ausdrücklich **keine** Ausnahme sind: die bloße Neugier von Angehörigen, ein informelles Auskunftsersuchen der Polizei ohne Rechtsgrundlage, Anfragen privater Krankenversicherer ohne Entbindungserklärung und die Nachfrage des Arbeitgebers nach der Diagnose.

## Beispiel

Ein 46-jähriger Patient wird nach einem Krampfanfall in eine neurologische Praxis überwiesen. Vier Konstellationen aus demselben Fall:

1. **Ehefrau ruft an.** Sie möchte die Diagnose erfahren. Ohne Entbindung darf die Praxis **nichts** sagen – auch nicht bestätigen, dass der Patient überhaupt behandelt wird (§ 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB). Erst nach einer schriftlichen Entbindung durch den Patienten ist die Auskunft befugt.
2. **Der Patient fährt weiter Auto.** Der Neurologe klärt über das Fahrverbot auf; der Patient erklärt, er fahre trotzdem täglich zur Arbeit. Nach erfolglosem Gespräch und dokumentierter Aufklärung kann eine Mitteilung an die Fahrerlaubnisbehörde über **§ 34 StGB** gerechtfertigt sein – die Gefahr für Leben und Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer überwiegt das Geheimhaltungsinteresse wesentlich. Erforderlich sind eine **konkrete** Gefahr, die **Ausschöpfung milderer Mittel** und eine sorgfältige **Dokumentation** der Abwägung.
3. **Der Arbeitgeber fragt nach.** Er will wissen, ob der Patient „epilepsiekrank" sei. Die Praxis darf **keine** Auskunft geben; auch die eAU enthält für den Arbeitgeber **keine Diagnose**.
4. **Die Abrechnung geht an einen Dienstleister.** Die Praxis lässt Privatliquidationen über eine gewerbliche Abrechnungsgesellschaft laufen. Nötig sind (a) eine **nachweisbare, informierte Einwilligung** des Patienten in die Datenübermittlung (§ 12 Abs. 2 MBO-Ä; BGH, 10.07.1991 – VIII ZR 296/90) und (b) eine **schriftliche Geheimhaltungsverpflichtung** des Dienstleisters (§ 203 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 StGB, § 9 Abs. 4 MBO-Ä) – zusätzlich zum Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO.

## Quellen

- § 203 StGB – Verletzung von Privatgeheimnissen (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__203.html
- § 204 StGB – Verwertung fremder Geheimnisse (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__204.html
- § 205 StGB – Strafantrag (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__205.html
- § 77b StGB – Antragsfrist (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__77b.html
- § 34 StGB – Rechtfertigender Notstand (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__34.html
- § 138 StGB – Nichtanzeige geplanter Straftaten (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__138.html
- § 139 StGB – Straflosigkeit der Nichtanzeige geplanter Straftaten (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__139.html
- § 203 StGB – Fassung ab 13.11.2024 und vollständige Änderungsübersicht (dejure.org): https://dejure.org/gesetze/StGB/203.html
- Gesetz zur Neuregelung des Schutzes von Geheimnissen bei der Mitwirkung Dritter an der Berufsausübung schweigepflichtiger Personen vom 30.10.2017 (BGBl. I S. 3618): https://dejure.org/BGBl/2017/BGBl._I_S._3618
- Zweites Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes vom 07.11.2024 (BGBl. 2024 I Nr. 351): https://dejure.org/BGBl/2024/BGBl._I_Nr._351
- § 53 StPO – Zeugnisverweigerungsrecht der Berufsgeheimnisträger (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stpo/__53.html
- § 53a StPO – Zeugnisverweigerungsrecht der mitwirkenden Personen (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stpo/__53a.html
- § 97 StPO – Beschlagnahmeverbot bei Berufsgeheimnisträgern (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/stpo/__97.html
- § 383 ZPO – Zeugnisverweigerung aus persönlichen Gründen (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__383.html
- § 4 KKG – Beratung und Übermittlung von Informationen durch Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/kkg/__4.html
- § 6 IfSG – Meldepflichtige Krankheiten (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/__6.html
- § 8 IfSG – Zur Meldung verpflichtete Personen (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/__8.html
- § 9 IfSG – Namentliche Meldung, 24-Stunden-Frist (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/__9.html
- § 630g BGB – Einsichtnahme in die Behandlungsakte (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__630g.html
- § 1358 BGB – Ehegattennotvertretung, Entbindung von der Schweigepflicht (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1358.html
- Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO) – Art. 9 Abs. 2 lit. h und Abs. 3, Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten (eur-lex.europa.eu): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32016R0679
- Bundesärztekammer – (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte, Stand Mai 2026 (§ 9 Schweigepflicht, § 12 Abs. 2 Abrechnung): https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Recht/2026-06-18_Bek_BAEK_MBO-AE.pdf
- Bundesärztekammer – Berufsrecht (Übersicht): https://www.bundesaerztekammer.de/themen/recht/berufsrecht
- Bundesärztekammer / KBV – Hinweise und Empfehlungen zur ärztlichen Schweigepflicht (2025): https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Recht/KBV_BAEK_aerztliche_Schweigepflicht_2025.pdf
- BGH, Urteil vom 10.07.1991 – VIII ZR 296/90 (BGHZ 115, 123; Nichtigkeit der Abtretung an eine zahnärztliche Verrechnungsstelle ohne Patienteneinwilligung): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=10.07.1991&Aktenzeichen=VIII%20ZR%20296%2F90
- BGH, Urteil vom 11.12.1991 – VIII ZR 4/91 (Übergabe der Patientenkartei bei Praxisverkauf): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=11.12.1991&Aktenzeichen=VIII%20ZR%204%2F91
- BGH, Urteil vom 10.10.2013 – III ZR 325/12 (Anforderungen an die Einwilligung in die Abtretung zahnärztlicher Honorarforderungen; teilbare Klausel): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=10.10.2013&Aktenzeichen=III%20ZR%20325%2F12

## Änderungsverlauf

- 2026-08-27: Erstveröffentlichung. Normtext § 203 StGB (Fassung ab 13.11.2024, Zweites Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes vom 07.11.2024, BGBl. 2024 I Nr. 351) verbatim gegen dejure.org geprüft: Berufskatalog Abs. 1 Nr. 1–7, Strafrahmen 1 Jahr (Abs. 1) bzw. 2 Jahre bei Entgelt/Bereicherungs- oder Schädigungsabsicht (Abs. 6), Gehilfenprivileg Abs. 3 S. 1, Befugnis gegenüber mitwirkenden Personen Abs. 3 S. 2 (eingefügt zum 09.11.2017), Strafbarkeit mitwirkender Personen und Verpflichtungspflicht Abs. 4, postmortale Geltung Abs. 5. Antragsdelikt und Antragsübergang nach § 205 Abs. 1, 2 StGB, Zeugnisverweigerungsrecht § 53 Abs. 1 S. 1 Nr. 3, Abs. 2 S. 1 StPO, § 53a StPO, Beschlagnahmeverbot § 97 StPO, § 383 Abs. 1 Nr. 6 und Abs. 3 ZPO, § 34 StGB, § 138/§ 139 Abs. 3 S. 2 StGB, § 4 Abs. 1–3 KKG, § 8 Abs. 1 Nr. 1 und § 9 Abs. 3 S. 1 IfSG (24-Stunden-Frist), Art. 9 Abs. 2 lit. h und Abs. 3 DSGVO sowie § 630g Abs. 3 BGB jeweils verbatim verifiziert. § 9 und § 12 Abs. 2 MBO-Ä gegen die Bekanntgabe der Bundesärztekammer (Stand Mai 2026) geprüft. BGH VIII ZR 296/90, VIII ZR 4/91 und III ZR 325/12 mit dejure.org-Permalinks belegt. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-08-27
- Gültig ab: 2024-11-13 (aktuelle Fassung des § 203 StGB)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (StGB, StPO, ZPO, IfSG, KKG, BGB, DSGVO, Bundesärztekammer, BGH)
- Lizenz: CC BY 4.0
