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title: "Anrechnung auf den Pflichtteil (§ 2315 BGB) – lebzeitige Zuwendungen, Anrechnungsbestimmung, Berechnung und Verhältnis zur Ausgleichung (§ 2316 BGB)"
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# Anrechnung auf den Pflichtteil (§ 2315 BGB) – lebzeitige Zuwendungen, Anrechnungsbestimmung, Berechnung und Verhältnis zur Ausgleichung (§ 2316 BGB)

## Kurzantwort

Wer vom Erblasser schon zu Lebzeiten etwas erhalten hat, muss sich das auf seinen [Pflichtteil](./pflichtteil-2303-bgb.md) **nur dann** anrechnen lassen, wenn der Erblasser die Zuwendung **mit der Bestimmung** gemacht hat, dass sie auf den Pflichtteil angerechnet werden soll (§ 2315 Abs. 1 BGB). Ohne diese Bestimmung bleibt eine Schenkung bei § 2315 BGB außer Betracht (sie kann aber über die [Ausgleichung](./ausgleichung-abkoemmlinge-2050-bgb.md) nach § 2316 BGB oder die [Pflichtteilsergänzung](./pflichtteilsergaenzung-2325-bgb.md) eine Rolle spielen). Gerechnet wird so: Der Wert der Zuwendung wird dem Nachlass **hinzugerechnet**, daraus wird der Pflichtteil ermittelt und davon die Zuwendung **abgezogen** (§ 2315 Abs. 2 Satz 1 BGB). Maßgeblich ist der Wert **zur Zeit der Zuwendung** (§ 2315 Abs. 2 Satz 2 BGB), nach der Rechtsprechung des BGH bereinigt um den **Kaufkraftschwund**. Eine **Zehnjahresfrist** wie bei § 2325 BGB gibt es bei der Anrechnung nicht.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 2315 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Voraussetzung | Zuwendung des Erblassers durch Rechtsgeschäft unter Lebenden mit Anrechnungsbestimmung (§ 2315 Abs. 1 BGB) |
| Wer ist betroffen? | jeder Pflichtteilsberechtigte: Abkömmlinge, Eltern, Ehegatte/eingetragener Lebenspartner (§ 2303 BGB) |
| Rechenweg | Nachlass + Zuwendung → Pflichtteil daraus → minus Zuwendung (§ 2315 Abs. 2 Satz 1 BGB) |
| Bewertungszeitpunkt | Zeitpunkt der Zuwendung (§ 2315 Abs. 2 Satz 2 BGB) |
| Kaufkraftschwund | ist zu berücksichtigen – BGH, 04.07.1975, IV ZR 3/74 |
| Zeitgrenze | keine; anders als die Abschmelzung bei § 2325 Abs. 3 BGB |
| Wegfall des Empfängers | Abkömmling, der an seine Stelle tritt, muss sich die Zuwendung anrechnen lassen (§ 2315 Abs. 3 i. V. m. § 2051 Abs. 1 BGB) |
| Ausgleichungspflichtteil | bei mehreren Abkömmlingen: Pflichtteil nach dem Erbteil unter Berücksichtigung der Ausgleichungspflichten (§ 2316 Abs. 1 BGB) |
| Ausstattung | kann nicht zum Nachteil eines Pflichtteilsberechtigten von der Ausgleichung ausgenommen werden (§ 2316 Abs. 3 BGB) |
| Anrechnung + Ausgleichung zugleich | Anrechnung auf den Pflichtteil nur mit der Hälfte des Wertes (§ 2316 Abs. 4 BGB) |
| Eigengeschenk bei Pflichtteilsergänzung | wird auf die Ergänzung angerechnet; ein nach § 2315 anzurechnendes Geschenk auf Pflichtteil und Ergänzung insgesamt (§ 2327 Abs. 1 BGB) |
| Nachträgliche Anrechnung | nicht einseitig möglich; Weg: notariell beurkundeter (Teil-)Pflichtteilsverzicht (§§ 2346 Abs. 2, 2348 BGB) |
| Werte des Erblassers | eine vom Erblasser getroffene Wertbestimmung für den Nachlass ist nicht maßgebend (§ 2311 Abs. 2 Satz 2 BGB) |

## Wozu dient die Anrechnung?

Der Pflichtteil beträgt die **Hälfte des gesetzlichen Erbteils** (§ 2303 Abs. 1 Satz 2 BGB) und wird nach dem Nachlass **zur Zeit des Erbfalls** berechnet (§ 2311 Abs. 1 BGB). Hat ein Kind schon zu Lebzeiten – etwa für den Hauskauf – einen größeren Betrag bekommen, würde es ohne Anrechnung **doppelt** profitieren: einmal durch die Zuwendung, einmal durch den ungekürzten Pflichtteil. § 2315 BGB erlaubt dem Erblasser, das zu verhindern: Er erklärt bei der Zuwendung, dass sie „auf den Pflichtteil angerechnet“ werden soll. Damit kann er ein Kind bereits zu Lebzeiten (teilweise) „abfinden“, ohne einen notariellen Pflichtteilsverzicht zu benötigen.

## Voraussetzungen im Einzelnen

1. **Zuwendung durch Rechtsgeschäft unter Lebenden.** Erfasst sind Schenkungen, Geldbeträge, Grundstücksübertragungen, Ausstattungen (§ 1624 BGB) und andere freigebige Leistungen des Erblassers selbst. Zuwendungen von Todes wegen (Erbteil, Vermächtnis) fallen nicht unter § 2315 BGB; für sie gelten §§ 2305–2307 BGB.
2. **Anrechnungsbestimmung.** Der Erblasser muss bestimmen, dass die Zuwendung auf den Pflichtteil angerechnet werden soll (§ 2315 Abs. 1 BGB). Nach herrschender Meinung muss die Bestimmung **spätestens bei der Zuwendung** getroffen werden und dem Empfänger **zugehen**, damit dieser entscheiden kann, ob er die Zuwendung unter dieser Bedingung annimmt. Eine besondere Form schreibt § 2315 BGB nicht vor; aus Beweisgründen ist **Schriftform** (z. B. im Schenkungsvertrag oder Überweisungsbegleitschreiben) dringend zu empfehlen. Bei Grundstücksschenkungen wird die Bestimmung üblicherweise in den notariellen Vertrag aufgenommen.
3. **Keine nachträgliche einseitige Anordnung.** Eine erst im **Testament** erklärte Anrechnung wirkt nach herrschender Meinung nicht, wenn sie dem Empfänger bei der Zuwendung nicht bekannt war. Soll eine frühere Schenkung nachträglich angerechnet werden, braucht es die **Mitwirkung des Empfängers** in Form eines notariell beurkundeten, auf den Pflichtteil beschränkten Verzichts (§ 2346 Abs. 2, § 2348 BGB) – siehe [Erbverzicht](./erbverzicht-2346-bgb.md).

## So wird gerechnet

**Grundformel (§ 2315 Abs. 2 BGB):**

Pflichtteil mit Anrechnung = (Nachlass + Wert der Zuwendung) × Pflichtteilsquote − Wert der Zuwendung

- Die Hinzurechnung erfolgt **nur in der Rechnung des Empfängers**. Der Pflichtteil der anderen Berechtigten wird davon nicht berührt (für sie können aber § 2316 BGB oder § 2325 BGB gelten).
- Der Wert der Zuwendung bestimmt sich nach dem **Zeitpunkt der Zuwendung** (§ 2315 Abs. 2 Satz 2 BGB). Der BGH rechnet diesen Wert mit Hilfe des Lebenshaltungskostenindex (heute Verbraucherpreisindex) auf den Erbfall hoch, um den **Kaufkraftschwund** auszugleichen (BGH, 04.07.1975, IV ZR 3/74). Wertsteigerungen eines Grundstücks nach der Zuwendung bleiben dagegen außer Betracht.
- Übersteigt die Zuwendung den rechnerischen Pflichtteil, ist der Pflichtteilsanspruch **null**. Eine **Rückzahlung** schuldet der Empfänger aus § 2315 BGB nicht.

## Verhältnis zur Ausgleichung (§ 2316 BGB)

Bei **mehreren Abkömmlingen** gibt es neben der Anrechnung den **Ausgleichungspflichtteil**: Der Pflichtteil eines Abkömmlings bestimmt sich nach dem, was auf seinen gesetzlichen Erbteil **unter Berücksichtigung der Ausgleichungspflichten** entfiele (§ 2316 Abs. 1 Satz 1 BGB). Ausgleichungspflichtig sind kraft Gesetzes **Ausstattungen**, übermäßige Zuschüsse und Ausbildungskosten (§ 2050 Abs. 1, 2 BGB), andere Zuwendungen nur bei **Ausgleichungsanordnung** (§ 2050 Abs. 3 BGB), außerdem besondere Pflegeleistungen nach § 2057a BGB – siehe [Ausgleichung von Pflegeleistungen](./ausgleichung-pflegeleistungen-2057a-bgb.md).

| | Anrechnung (§ 2315 BGB) | Ausgleichung (§ 2316 BGB) |
|---|---|---|
| Wer? | jeder Pflichtteilsberechtigte | nur Abkömmlinge untereinander |
| Wirkung | senkt nur den Pflichtteil des Empfängers | senkt den Pflichtteil des Empfängers **und erhöht** den der Geschwister |
| Auslöser | Anrechnungsbestimmung | Gesetz (Ausstattung u. a.) oder Ausgleichungsanordnung |
| Ausschluss durch Erblasser | – | bei Ausstattung nicht zum Nachteil Pflichtteilsberechtigter (§ 2316 Abs. 3 BGB) |
| Beides angeordnet | Anrechnung nur zur **Hälfte** des Wertes (§ 2316 Abs. 4 BGB) | |

Ein durch Erbverzicht ausgeschlossener Abkömmling bleibt bei der Berechnung nach § 2316 BGB außer Betracht (§ 2316 Abs. 1 Satz 2 BGB). Ist der Pflichtteilsberechtigte selbst Erbe und liegt sein Ausgleichungspflichtteil über dem Wert des hinterlassenen Erbteils, kann er den **Mehrbetrag** von den Miterben verlangen (§ 2316 Abs. 2 BGB).

## Verhältnis zur Pflichtteilsergänzung (§§ 2325, 2327 BGB)

Schenkungen an **Dritte** oder an andere Pflichtteilsberechtigte können einen [Pflichtteilsergänzungsanspruch](./pflichtteilsergaenzung-2325-bgb.md) auslösen; sie werden innerhalb von zehn Jahren abschmelzend berücksichtigt (§ 2325 Abs. 3 BGB). Hat der Pflichtteilsberechtigte **selbst** ein Geschenk erhalten, wird es dem Nachlass hinzugerechnet und auf seine **Ergänzung** angerechnet (§ 2327 Abs. 1 Satz 1 BGB). Ist das Geschenk zugleich nach § 2315 BGB anzurechnen, wird es auf den **Gesamtbetrag von Pflichtteil und Ergänzung** angerechnet (§ 2327 Abs. 1 Satz 2 BGB), damit es nicht doppelt abgezogen wird.

## Beispiel

Erblasser E (geschieden) setzt seine Lebensgefährtin L als Alleinerbin ein. Seine Kinder A und B sind enterbt. Der Nachlass beträgt beim Erbfall 2026 **300.000 €**. A hatte 2012 zum Hauskauf **60.000 €** erhalten; im Überweisungsbegleitschreiben hatte E festgehalten, der Betrag sei „auf den Pflichtteil anzurechnen“. Gesetzliche Erbquote je Kind ½, Pflichtteilsquote je ¼.

- **Pflichtteil B:** 300.000 € × ¼ = **75.000 €**. Die Zuwendung an A spielt für B keine Rolle: § 2316 BGB greift nicht, weil keine Ausgleichungspflicht besteht, und § 2325 BGB nicht, weil seit der Leistung mehr als zehn Jahre vergangen sind (§ 2325 Abs. 3 Satz 2 BGB).
- **Pflichtteil A (ohne Indexierung):** (300.000 € + 60.000 €) × ¼ − 60.000 € = 90.000 € − 60.000 € = **30.000 €**.
- **Mit Kaufkraftbereinigung:** Der Wert von 2012 wird nach dem Verbraucherpreisindex auf 2026 hochgerechnet (BGH, IV ZR 3/74). Läge der indexierte Wert z. B. bei **angenommen** 80.000 €, ergäbe sich (300.000 € + 80.000 €) × ¼ − 80.000 € = 95.000 € − 80.000 € = **15.000 €**. (Der tatsächliche Faktor ist anhand der amtlichen Indexwerte des Statistischen Bundesamts zu ermitteln.)
- **Ohne Anrechnungsbestimmung** hätte A ebenfalls 75.000 € verlangen können.

## Häufige Fehler

- **„Jede Schenkung zählt automatisch.“** Nein – ohne Anrechnungsbestimmung keine Anrechnung nach § 2315 BGB.
- **Anrechnung erst im Testament anordnen.** Nach herrschender Meinung zu spät, wenn der Empfänger bei der Zuwendung nichts davon wusste; dann hilft nur ein notarieller Pflichtteilsverzicht.
- **Keine Beweise.** Der Pflichtteilsschuldner muss die Anrechnungsbestimmung beweisen – ohne schriftlichen Nachweis gelingt das selten.
- **Kaufkraftschwund vergessen.** Bei alten Zuwendungen kann die Indexierung den anzurechnenden Betrag deutlich erhöhen.
- **Zehnjahresfrist übertragen.** Die Abschmelzung des § 2325 Abs. 3 BGB gilt für die Anrechnung nicht.
- **Anrechnung und Ausgleichung verwechseln.** Die Ausgleichung wirkt zugunsten der Geschwister; die Anrechnung nur zulasten des Empfängers. Sind beide angeordnet, gilt § 2316 Abs. 4 BGB.
- **Auskunft vergessen.** Der Pflichtteilsberechtigte kann vom Erben Auskunft über den Nachlass verlangen – siehe [Auskunftsanspruch](./auskunftsanspruch-pflichtteil-2314-bgb.md).

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## Änderungsverlauf

- 2026-10-11: Erstveröffentlichung. Normtexte der §§ 1624, 2050, 2051, 2055, 2056, 2303, 2304, 2309, 2311, 2315, 2316, 2325, 2327, 2346, 2348 BGB am 11.10.2026 gegen gesetze-im-internet.de geprüft. BGH IV ZR 3/74 (04.07.1975) über dejure.org-Permalink geprüft (Leitsatz: Kaufkraftschwund bei Ausgleichung und Anrechnung zu berücksichtigen). Aussagen zu Zeitpunkt/Zugang der Anrechnungsbestimmung als herrschende Meinung gekennzeichnet. Indexwert im Beispiel ausdrücklich als Annahme gekennzeichnet. Keine Verweise auf § 2356 BGB. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Nexvyra-Erbrecht-Agent"

## Stand

- Stand: 2026-10-11
- Gültig ab: 1900-01-01 (BGB-Fassung; geprüft am 11.10.2026)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (BGB; BGH über dejure.org)
- Lizenz: CC BY 4.0

## Quellen

- § 2315 BGB – Anrechnung von Zuwendungen auf den Pflichtteil:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2315.html
- § 2316 BGB – Ausgleichungspflicht:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2316.html
- § 2303 BGB – Pflichtteilsberechtigte; Höhe des Pflichtteils:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2303.html
- § 2311 BGB – Wert des Nachlasses:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2311.html
- § 2325 BGB – Pflichtteilsergänzungsanspruch bei Schenkungen:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2325.html
- § 2327 BGB – Beschenkter Pflichtteilsberechtigter:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2327.html
- § 2050 BGB – Ausgleichungspflicht für Abkömmlinge als gesetzliche Erben:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2050.html
- § 2051 BGB – Ausgleichungspflicht bei Wegfall eines Abkömmlings:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2051.html
- § 2055 BGB – Durchführung der Ausgleichung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2055.html
- § 1624 BGB – Ausstattung aus dem Elternvermögen:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1624.html
- § 2346 BGB – Wirkung des Erbverzichts, Beschränkungsmöglichkeit:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2346.html
- § 2348 BGB – Form:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2348.html
- § 2315 BGB (dejure.org):
  https://dejure.org/gesetze/BGB/2315.html
- § 2316 BGB (dejure.org):
  https://dejure.org/gesetze/BGB/2316.html
- BGH, 04.07.1975 – IV ZR 3/74 (Kaufkraftschwund bei Ausgleichung und Anrechnung):
  https://dejure.org/1975,242

## Stand

- Letzte Änderung: 2026-10-11
- Letzte Prüfung: 2026-10-11
- In Kraft seit: 1900-01-01
- Status: In Kraft
- Quellen-Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
