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title: Barrierefreies Fliegen – Rechte behinderter Flugreisender (VO (EG) 1107/2006) – 48-Stunden-Anmeldung, kostenlose Hilfe
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# Barrierefreies Fliegen – Rechte behinderter Flugreisender (VO (EG) 1107/2006) – 48-Stunden-Anmeldung, kostenlose Hilfe

## Kurzantwort

Die **Verordnung (EG) Nr. 1107/2006** gibt behinderten Flugreisenden und Flugreisenden mit **eingeschränkter Mobilität** einen unmittelbaren, **kostenlosen** Anspruch auf Hilfeleistung – am Flughafen (durch das **Leitungsorgan des Flughafens**, Art. 7, 8, Anhang I) und an Bord (durch das **Luftfahrtunternehmen**, Art. 10, Anhang II). Kernvoraussetzung ist, dass der **Hilfebedarf mindestens 48 Stunden vor der veröffentlichten Abflugzeit** beim Luftfahrtunternehmen, seinem Erfüllungsgehilfen oder dem Reiseunternehmen **angemeldet** wird (Art. 7 Abs. 1); ohne rechtzeitige Anmeldung besteht nur eine Bemühenspflicht „nach besten Kräften" (Art. 7 Abs. 3). Zugleich verbietet **Art. 3** eine Verweigerung von **Buchung oder Beförderung** allein wegen der Behinderung; Ausnahmen sind nur aus **Sicherheitsgründen** oder wegen der **Größe des Luftfahrzeugs bzw. seiner Türen** zulässig (Art. 4 Abs. 1) und müssen auf Verlangen **binnen fünf Werktagen schriftlich** begründet werden (Art. 4 Abs. 4). Ein **Nachweis der Behinderung** darf für die Hilfeleistung nicht verlangt werden. Die Verordnung gilt **seit dem 26. Juli 2008** (Art. 3 und 4 bereits seit 26. Juli 2007); Ansprüche aus ihr dürfen vertraglich **weder beschränkt noch ausgeschlossen** werden (Art. 13). Nationale **Durchsetzungs- und Beschwerdestelle** in Deutschland ist das **Luftfahrt-Bundesamt (LBA)**.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | Verordnung (EG) Nr. 1107/2006 [eur-lex.europa.eu, CELEX 32006R1107] |
| Anwendbar seit | 26.07.2008; Art. 3 und Art. 4 bereits seit 26.07.2007 [Art. 18] |
| In Kraft getreten | 15.08.2006 (20. Tag nach Veröffentlichung ABl. L 204 v. 26.07.2006) |
| Geltungsbereich | Ab-, An- und Transitflüge an EU-Flughäfen; zusätzlich Island, Norwegen, Schweiz [Art. 1 Abs. 2; LBA] |
| Drittstaat-Abflüge in die EU | Nur Art. 3, 4 und 10, und nur bei Gemeinschafts-Luftfahrtunternehmen [Art. 1 Abs. 3] |
| Geschützter Personenkreis | Mobilitätseinschränkung durch körperliche, geistige oder sonstige Behinderung **oder wegen des Alters**; dauerhaft oder zeitweilig [Art. 2 Buchst. a] |
| Nicht erfasst | Unbegleitete Minderjährige [LBA-FAQ] |
| Beförderungspflicht | Keine Verweigerung von Buchung oder Anbordnahme wegen Behinderung [Art. 3] |
| Zulässige Ausnahmen | Sicherheitsanforderungen; physische Unmöglichkeit wegen Flugzeug-/Türgröße [Art. 4 Abs. 1] |
| Folge einer Beförderungsverweigerung | Erstattung oder anderweitige Beförderung nach Art. 8 VO 261/2004 [Art. 4 Abs. 1 UAbs. 3] |
| Begründungspflicht | Schriftlich binnen 5 Werktagen nach Verlangen [Art. 4 Abs. 4] |
| Anmeldefrist Hilfebedarf | mindestens 48 Stunden vor veröffentlichter Abflugzeit [Art. 7 Abs. 1] |
| Weiterleitung an Flughafen/Airline | mindestens 36 Stunden vor Abflug [Art. 6 Abs. 2] |
| Ohne Anmeldung | Bemühenspflicht „im Rahmen des Möglichen nach besten Kräften" [Art. 7 Abs. 3] |
| Einfinden zur Abfertigung | zur angegebenen Zeit, sonst spätestens 1 Stunde vor Abflug [Art. 7 Abs. 4 Buchst. a] |
| Einfinden am ausgewiesenen Ort | zur angegebenen Zeit, sonst spätestens 2 Stunden vor Abflug [Art. 7 Abs. 4 Buchst. b] |
| Kosten der Hilfeleistung | ohne zusätzliche Kosten für den Fluggast [Art. 8 Abs. 1, Art. 10] |
| Mobilitätshilfen an Bord/Fracht | bis zu 2 Mobilitätshilfen pro Person, auch Elektrorollstühle; nicht auf Freigepäck anrechenbar [Anhang II; LBA] |
| Medizinische Geräte (z. B. CPAP) | kostenfrei, ohne Anrechnung auf die Freigepäckgrenze [LBA-FAQ] |
| Anerkannter Begleithund | Beförderung in der Kabine nach Voranmeldung [Art. 7 Abs. 2; Anhang II; LBA] |
| Nachweis der Behinderung | nicht erforderlich [LBA-FAQ zu VO 1107/2006] |
| Sitzplatzanspruch | kein Anspruch auf Wunschplatz; Bemühenspflicht nach besten Kräften [Anhang II; LBA] |
| Notausgangsreihe | Zuweisung an mobilitätseingeschränkte Fluggäste grundsätzlich unzulässig [VO (EU) 965/2012, CAT.OP.MPA.155] |
| Beschädigter/verlorener Rollstuhl | Entschädigung nach internationalem, EU- und nationalem Recht [Art. 12] |
| Qualitätsstandards | verpflichtend ab 150.000 gewerblichen Fluggästen/Jahr [Art. 9 Abs. 1] |
| Schulungspflicht | für Personal mit direktem Fluggastkontakt [Art. 11] |
| Haftungsausschluss unzulässig | Pflichten dürfen nicht beschränkt oder ausgeschlossen werden [Art. 13] |
| Beschwerdeweg | zuerst Flughafen/Airline, dann Durchsetzungsstelle [Art. 15] |
| Durchsetzungsstelle Deutschland | Luftfahrt-Bundesamt (LBA), Braunschweig [Art. 14; lba.de] |
| Verhältnis zu VO 261/2004 | Rechte aus VO 261/2004 bleiben unberührt [Art. 1 Abs. 4] |
| Verjährung zivilrechtlicher Ansprüche (DE) | regelmäßig 3 Jahre [§ 195 BGB] |

## Wer ist geschützt?

Geschützt ist nach **Art. 2 Buchst. a** jede Person, deren **Mobilität bei der Benutzung von Beförderungsmitteln** eingeschränkt ist – wegen einer **körperlichen** (sensorischen oder motorischen), **geistigen** oder sonstigen Behinderung **oder aufgrund des Alters** – und deren Zustand angemessene Unterstützung und eine Anpassung der Dienstleistungen an ihre besonderen Bedürfnisse erfordert.

Entscheidend sind damit **drei Punkte**, die in der Praxis häufig verkannt werden:

- Es kommt auf die **tatsächliche Mobilitätseinschränkung** an, nicht auf einen Schwerbehindertenausweis oder einen Grad der Behinderung. Auch **vorübergehende** Einschränkungen – etwa nach einer frischen Operation oder einem Beinbruch – fallen darunter.
- Auch **hohes Alter** allein kann die Verordnung auslösen, ohne dass eine Behinderung im sozialrechtlichen Sinn vorliegt.
- Ein **Nachweis** der Behinderung oder Mobilitätseinschränkung darf für die Hilfeleistung **nicht verlangt** werden; ebenso wenig dürfen Fluggesellschaften einen solchen Nachweis grundsätzlich zur Voraussetzung des Ticketkaufs machen (LBA-FAQ). Bei begründeten Zweifeln an der **Flugtauglichkeit** darf die Airline allerdings Informationen einholen.

**Unbegleitete Minderjährige** fallen nach Auffassung des Luftfahrt-Bundesamtes **nicht** unter die Verordnung; für sie bieten Airlines gesonderte, meist kostenpflichtige Betreuungsdienste an.

## Beförderungspflicht und ihre Grenzen (Art. 3, 4)

**Art. 3** verbietet es Luftfahrtunternehmen, ihren Erfüllungsgehilfen und Reiseunternehmen, **wegen der Behinderung oder eingeschränkten Mobilität**

- eine **Buchung** für einen von der Verordnung erfassten Flug abzulehnen oder
- die betreffende Person mit gültigem Flugschein und gültiger Buchung **nicht an Bord** zu nehmen.

**Art. 4 Abs. 1** lässt hiervon nur **zwei** Ausnahmen zu: die Einhaltung geltender **Sicherheitsanforderungen** aus internationalem, EU- oder nationalem Recht bzw. der Behörde, die das Luftverkehrsbetreiberzeugnis erteilt hat – und die **physische Unmöglichkeit** der Anbordnahme oder Beförderung wegen der **Größe des Luftfahrzeugs oder seiner Türen**. Wirtschaftliche Erwägungen, Personalmangel oder pauschale Quoten sind **keine** zulässigen Gründe.

Greift eine Ausnahme, treffen die Airline drei Folgepflichten:

1. Sie muss sich **nach besten Kräften** um eine **annehmbare Alternative** bemühen (Art. 4 Abs. 1 UAbs. 2).
2. Der betroffenen Person – **und einer sie begleitenden Person** – ist **Erstattung oder anderweitige Beförderung nach Art. 8 VO 261/2004** anzubieten (Art. 4 Abs. 1 UAbs. 3).
3. Die Gründe sind **unverzüglich** mitzuteilen und auf Verlangen **binnen fünf Werktagen schriftlich** zu übermitteln (Art. 4 Abs. 4).

Unter den Sicherheitsvoraussetzungen des Art. 4 Abs. 1 Buchst. a darf die Airline außerdem verlangen, dass der Fluggast von einer **Begleitperson** begleitet wird, die die benötigte Hilfe leisten kann (Art. 4 Abs. 2). Ein Anspruch auf **kostenlose Beförderung** dieser Begleitperson ergibt sich aus der Verordnung **nicht** – die Konditionen sind dort schlicht nicht geregelt (LBA-FAQ).

## Anmeldung des Hilfebedarfs: die 48-Stunden-Frist

Die praktisch wichtigste Obliegenheit ist die **Voranmeldung**. Nach **Art. 7 Abs. 1** muss der Hilfebedarf **mindestens 48 Stunden vor der veröffentlichten Abflugzeit** dem **Luftfahrtunternehmen**, seinem Erfüllungsgehilfen oder dem **Reiseunternehmen** gemeldet werden – nicht dem Flughafen. Die Meldung gilt **auch für den Rückflug**, wenn Hin- und Rückflug bei **derselben** Fluggesellschaft gebucht wurden.

Die Airline bzw. das Reiseunternehmen ist verpflichtet, Meldungen **an allen Verkaufsstellen** entgegenzunehmen, ausdrücklich auch telefonisch und im Internet (Art. 6 Abs. 1). Sie muss die Information dann **mindestens 36 Stunden vor Abflug** an die **Leitungsorgane** des Abflug-, Ziel- und Transitflughafens sowie – bei Buchung über Dritte – an das **ausführende Luftfahrtunternehmen** weiterleiten (Art. 6 Abs. 2). Nach dem Abflug meldet das ausführende Luftfahrtunternehmen dem Zielflughafen **Zahl und Art** der benötigten Hilfeleistungen (Art. 6 Abs. 4).

Wird die Frist **versäumt**, entfällt der Anspruch nicht ersatzlos: Das Leitungsorgan des Flughafens muss sich dann **„im Rahmen des Möglichen nach besten Kräften"** bemühen, die Hilfe dennoch zu leisten (Art. 7 Abs. 3). In der Praxis führt eine fehlende oder fehlerhafte Anmeldung aber regelmäßig zu **Wartezeiten** oder dazu, dass die passende Hilfe nicht bereitsteht.

Zusätzlich muss sich der Fluggast **rechtzeitig einfinden** (Art. 7 Abs. 4): zur schriftlich vorab angegebenen Zeit, andernfalls **spätestens eine Stunde vor der veröffentlichten Abflugzeit** an der Abfertigung – oder **spätestens zwei Stunden vorher** an einem nach Art. 5 ausgewiesenen Ankunfts-/Abfahrtsort.

### IATA-Betreuungscodes

Für die Anmeldung werden international standardisierte **IATA-Codes** verwendet. Der richtige Code entscheidet darüber, welche Hilfe tatsächlich bereitgestellt wird (Quelle: LBA-FAQ):

| Code | Bedeutung |
|---|---|
| WCHR | Wheelchair Ramp – keine längeren Strecken zu Fuß; Treppen und Vorfeldbus ohne Hilfe möglich |
| WCHS | Wheelchair Stairs – keine Treppen, kurze Strecken zu Fuß möglich |
| WCHC | Wheelchair Cabin – Rollstuhl auch in der Kabine, keine Bewegung ohne fremde Hilfe |
| BLND | blinde oder sehbehinderte Fluggäste |
| DEAF | gehörlose oder hörgeschädigte Fluggäste |
| DEAF-BLND | gehörlose und zugleich blinde Fluggäste |
| DPNA | Fluggäste mit geistiger oder Entwicklungs-Beeinträchtigung, die Assistenz benötigen |

Bei der Wahl des Codes sind die **örtlichen Gegebenheiten** zu berücksichtigen – etwa lange Wege im Terminal, Fluggastbrücken oder Treppen und die Beförderung per Bus zu einer Außenposition.

## Hilfe am Flughafen (Art. 5, 7, 8, Anhang I)

Verantwortlich für die Hilfe **am Flughafen** ist nicht die Airline, sondern das **Leitungsorgan des Flughafens** (Art. 8 Abs. 1). Es kann die Leistung selbst erbringen oder **Dritte beauftragen**, bleibt aber zuständig und muss die Qualitätsstandards einhalten (Art. 8 Abs. 2). Für den Fluggast ist die Hilfe **ohne zusätzliche Kosten**; finanziert wird sie über eine **diskriminierungsfreie Umlage** auf die Flughafennutzer, die angemessen, kostenabhängig und transparent sein muss (Art. 8 Abs. 3, 4).

Nach **Art. 5** muss der Flughafen innerhalb und außerhalb der Abfertigungsgebäude **ausgewiesene Ankunfts- und Abfahrtsorte** einrichten, an denen Reisende ihre Ankunft melden und um Hilfe bitten können; sie sind deutlich auszuweisen und mit grundlegenden Informationen **in zugänglicher Form** zu versehen.

Die Hilfe nach **Anhang I** umfasst nach der Zusammenfassung des Luftfahrt-Bundesamtes insbesondere die Unterstützung,

- vom **Ankunftsort** auf dem Flughafengelände (Terminaleingang, Parkplatz, Übergang vom Bahnhof) **zur Gepäckabgabe** zu gelangen,
- **Zoll- und Sicherheitskontrollen** zu durchlaufen und zum **Boarding-Gate** zu kommen,
- **an Bord** und **auf den Sitzplatz** zu gelangen – erforderlichenfalls mit Rollstuhl oder Hublift,
- nach der Landung das **Flugzeug zu verlassen**,
- im **Transit Anschlussflüge** zu erreichen,
- **Gepäck und Mobilitätsausrüstung** nach der Ankunft abzuholen und den Abfahrtsort zu erreichen (Art. 7 Abs. 6).

Die Hilfe muss **soweit möglich auf die besonderen Bedürfnisse** des einzelnen Fluggastes zugeschnitten sein (Art. 7 Abs. 7).

## Hilfe an Bord (Art. 10, Anhang II)

Das **Luftfahrtunternehmen** leistet die in **Anhang II** genannte Hilfe **ohne Aufpreis**, sofern die Bedingungen des Art. 7 Abs. 1, 2 und 4 (Anmeldung und rechtzeitiges Einfinden) erfüllt sind. Dazu gehören nach der Darstellung des LBA insbesondere:

- die **kostenlose Beförderung medizinischer Geräte** sowie von **bis zu zwei Mobilitätshilfen** pro Reisendem, einschließlich **elektrischer Rollstühle** – ohne Anrechnung auf die Freigepäckgrenze,
- die Beförderung **anerkannter Begleithunde in der Kabine** (Art. 7 Abs. 2 verlangt hierfür eine Voranmeldung nach den geltenden nationalen Bestimmungen),
- das **Bemühen nach besten Kräften** um einen den Bedürfnissen entsprechenden **Sitzplatz**,
- erforderlichenfalls **Hilfe, um zur Toilette zu gelangen**,
- die Bereitstellung **wesentlicher Fluginformationen in zugänglicher Form**.

**Sitzplatz:** Einen Anspruch auf einen **Wunschsitzplatz** gibt die Verordnung nicht. Aus den Flugbetriebsvorschriften der **VO (EU) Nr. 965/2012** und dem zugehörigen interpretativen Material (**CAT.OP.MPA.155**) folgt vielmehr, dass mobilitätseingeschränkten Fluggästen **keine Plätze in Notausgangsreihen** zugewiesen werden dürfen und Gangplätze nur unter bestimmten Bedingungen in Betracht kommen – damit die Evakuierung im Notfall nicht behindert wird.

**Elektrorollstühle:** Praktische Grenzen ergeben sich aus dem **Gefahrgutrecht**. Bei Lithium-Ionen-Batterien nennt das LBA als Regelgrenzen **300 Wh** bei einer eingebauten Batterie bzw. **160 Wh je Stück** bei zwei Batterien; die Batterie muss den **UN-Test 38.3** bestanden haben, die Pole müssen gegen Kurzschluss gesichert und der Stromkreis unterbrochen sein. Bei konstruktiv entnehmbaren Batterien (z. B. faltbare Rollstühle) **muss** die Batterie entfernt werden. Anzumelden sind Marke/Modell, Batterieart, Gewicht, Abmessungen und Leistung in Wh.

## Beschädigte oder verlorene Rollstühle (Art. 12)

Gehen **Rollstühle, sonstige Mobilitätshilfen oder Hilfsgeräte** während der Abfertigung am Flughafen oder während der Beförderung an Bord **verloren** oder werden sie **beschädigt**, ist der Eigentümer nach **Art. 12** „gemäß den internationalen, gemeinschaftsrechtlichen und nationalen Rechtsvorschriften" zu entschädigen. Art. 12 begründet also **keine eigenständige Haftungshöhe**, sondern verweist auf das sonst geltende Recht.

Praktisch bedeutet das: Bei aufgegebenem Gepäck – und dazu zählt der verladene Rollstuhl – greift regelmäßig die **Gefährdungshaftung des Montrealer Übereinkommens** (Art. 17 Abs. 2 MÜ) mit der Höchstgrenze von **1.519 SZR je Fluggast** (seit 28.12.2024) und den kurzen **Anzeigefristen** des Art. 31 MÜ. Weil Rollstühle diesen Betrag häufig deutlich übersteigen, ist die **Wertdeklaration mit Zuschlag** nach **Art. 22 Abs. 2 Halbsatz 2 MÜ** bei der Aufgabe der praktisch wichtigste Schutz. Einzelheiten zu Fristen und Haftung siehe die Themenseite „Fluggepäck – Montrealer Übereinkommen".

## Qualitätsstandards, Schulung und Umlage

**Art. 9** verpflichtet die Leitungsorgane von Flughäfen **ab 150.000 gewerblichen Fluggästen im Jahr**, gemeinsam mit den Flughafennutzern und mit Behindertenverbänden **Qualitätsstandards** für die Hilfe nach Anhang I festzulegen, dabei den **ECAC-Code of Good Conduct in Ground Handling for Persons with Reduced Mobility** zu berücksichtigen und die Standards zu **veröffentlichen**.

**Art. 11** verlangt eine **Schulung** des Personals: Mitarbeitende, die unmittelbar Hilfe leisten, müssen über einschlägige Kenntnisse verfügen; Beschäftigte mit direktem Fluggastkontakt sind in **Gleichstellungs- und Behindertenfragen** zu schulen; **neue Beschäftigte** werden bei der Einstellung geschult, das übrige Personal ggf. in **Auffrischungskursen**.

Über die **Umlage** nach Art. 8 Abs. 3 führt das Leitungsorgan **getrennt Buch** (Art. 8 Abs. 5) und legt den Flughafennutzern sowie der Durchsetzungsstelle einen **geprüften Jahresbericht** über Einnahmen und Kosten vor (Art. 8 Abs. 6).

## Beschwerde und Durchsetzung

**Art. 13** stellt klar, dass die Pflichten aus der Verordnung **nicht eingeschränkt oder ausgeschlossen** werden dürfen – abweichende Klauseln in Beförderungsbedingungen sind unwirksam.

Das **Beschwerdeverfahren** ist zweistufig (Art. 15):

1. Zunächst wendet sich die betroffene Person an das **Leitungsorgan des Flughafens** oder das betreffende **Luftfahrtunternehmen**.
2. Bleibt das erfolglos, kann sie Beschwerde bei der nach Art. 14 benannten **Durchsetzungsstelle** einlegen. Geht eine Beschwerde bei der falschen nationalen Stelle ein, ist sie **von Amts wegen weiterzuleiten** (Art. 15 Abs. 3).

In **Deutschland** ist das **Luftfahrt-Bundesamt (LBA)** in Braunschweig die benannte Durchsetzungs- und Beschwerdestelle – zuständig für Vorkommnisse an deutschen Flughäfen, bei deutschen Luftfahrtunternehmen und bei von deutschen Flughäfen abfliegenden Nicht-EU-Airlines. Anzeigen sind über das **Online-Formular** des Verwaltungsportals, per Post (Luftfahrt-Bundesamt, Stichwort: Fluggastrechte, 38144 Braunschweig) oder per E-Mail möglich.

Wichtig für die Erwartungshaltung: Das LBA prüft **Verstöße** und kann nach **Art. 16** i. V. m. dem nationalen Recht **Sanktionen** verhängen – es macht aber **keine individuellen Schadensersatzansprüche** geltend. Zivilrechtliche Ansprüche müssen Betroffene selbst durchsetzen, wahlweise über die **Schlichtung** (söp – Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr bzw. die behördliche Schlichtungsstelle Luftverkehr beim Bundesamt für Justiz) oder vor den **Zivilgerichten**. Die **Verjährung** richtet sich nach deutschem Recht, regelmäßig **drei Jahre** (§ 195 BGB).

## Verhältnis zu anderen Regelwerken

- **VO (EG) Nr. 261/2004:** Die Rechte bei Verspätung, Annullierung und Nichtbeförderung bleiben **unberührt** (Art. 1 Abs. 4). Beide Verordnungen können **nebeneinander** greifen – etwa wenn ein Fluggast nach Art. 4 Abs. 1 nicht befördert wird und ihm deshalb ausdrücklich Erstattung oder anderweitige Beförderung nach **Art. 8 VO 261/2004** anzubieten ist.
- **Pauschalreiserecht (§§ 651a ff. BGB):** Ist der Flug Teil einer **Pauschalreise**, kann das Fehlen zugesagter Assistenzleistungen zusätzlich einen **Reisemangel** begründen (§ 651i BGB) und zur **Minderung** (§ 651m BGB) führen. Die Verordnung nimmt Reiseunternehmen ausdrücklich in die Pflicht (Art. 3, 4, 6).
- **Montrealer Übereinkommen:** maßgeblich für die Höhe der Entschädigung bei beschädigten Mobilitätshilfen (über Art. 12).
- **VO (EU) Nr. 965/2012:** liefert die **Sicherheitsvorgaben**, auf die sich Ausnahmen nach Art. 4 Abs. 1 Buchst. a und Sitzplatzbeschränkungen stützen.
- **Andere Verkehrsträger:** Für Bahn, Bus und Schiff gelten eigene Regelwerke mit vergleichbaren Assistenzrechten (VO (EU) 2021/782, VO (EU) 181/2011, VO (EU) 1177/2010).

## Häufige Irrtümer

- **„Ich brauche einen Schwerbehindertenausweis."** Nein. Maßgeblich ist die tatsächliche Mobilitätseinschränkung; ein Nachweis darf für die Hilfeleistung nicht verlangt werden.
- **„Die Fluggesellschaft muss meinen Rollstuhl-Service organisieren."** Am Flughafen ist das **Leitungsorgan des Flughafens** verantwortlich (Art. 8) – die Anmeldung läuft aber über die **Airline** oder das Reisebüro (Art. 7 Abs. 1).
- **„Assistenz kostet Aufpreis."** Nein, die Hilfe nach Anhang I und II ist für den Fluggast **kostenlos** (Art. 8 Abs. 1, Art. 10). Kosten trägt die Umlage nach Art. 8 Abs. 3.
- **„Meine Begleitperson fliegt kostenlos mit."** Die Verordnung regelt die Konditionen der Begleitperson **nicht**; ein Anspruch auf kostenfreie Beförderung folgt aus ihr nicht.
- **„Ich bekomme meinen Wunschsitzplatz."** Es besteht nur eine Bemühenspflicht; Sicherheitsvorgaben (Notausgangsreihen) gehen vor.
- **„Bei einem beschädigten Rollstuhl gibt es 250 bis 600 €."** Diese Pauschalen stammen aus Art. 7 VO 261/2004 und gelten hier nicht. Art. 12 verweist auf das allgemeine Haftungsrecht – regelmäßig das Montrealer Übereinkommen.
- **„Meldung 24 Stunden vorher reicht."** Der Anspruch aus Art. 7 Abs. 1 setzt **48 Stunden** voraus; danach besteht nur noch die Bemühenspflicht.

## Quellen

- Verordnung (EG) Nr. 1107/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. Juli 2006 über die Rechte von behinderten Flugreisenden und Flugreisenden mit eingeschränkter Mobilität, ABl. L 204 vom 26.07.2006, S. 1 – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32006R1107 (Autorität A)
- Konsolidierte Fassung 02006R1107-20060815 – https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2006/1107/2006-08-15/deu (Autorität A)
- Luftfahrt-Bundesamt, Rechte für Flugreisende mit Mobilitätseinschränkungen – https://www.lba.de/DE/Fluggastrechte/Mobilitaetseinschraenkung/Mobilitaetseinschraenkung_node.html (nationale Durchsetzungsstelle, Autorität A)
- Luftfahrt-Bundesamt, FAQ „Eingeschränkte Mobilität" (IATA-Codes, Elektrorollstühle, Begleitperson, Sitzplatz, Nachweis) – https://www.lba.de/DE/Fluggastrechte/FAQFluggastrechte/FAQ_Mobilit%C3%A4t/FAQ_node.html (Autorität A)
- Luftfahrt-Bundesamt, Schlichtung – https://www.lba.de/DE/Fluggastrechte/Schlichtung/Schlichtung_node.html
- Verordnung (EG) Nr. 261/2004, Art. 8 (Erstattung/anderweitige Beförderung) – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32004R0261 (Autorität A)
- Verordnung (EU) Nr. 965/2012 (Flugbetrieb, CAT.OP.MPA.155) – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32012R0965 (Autorität A)
- § 195 BGB (Regelmäßige Verjährungsfrist) – https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__195.html (Autorität A)
- §§ 651i, 651m BGB (Reisemangel, Minderung) – https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__651i.html (Autorität A)

## Änderungsverlauf

- 2026-08-10: Erstveröffentlichung der Faktenseite. Artikelwortlaut (Art. 1–18) der VO (EG) 1107/2006 sowie Anwendungsbeginn 26.07.2008 / 26.07.2007 (Art. 18) geprüft; Fristen 48 h (Art. 7 Abs. 1), 36 h (Art. 6 Abs. 2), 1 h / 2 h (Art. 7 Abs. 4) und 5 Werktage (Art. 4 Abs. 4) sowie Kostenfreiheit (Art. 8 Abs. 1, Art. 10), Schwelle 150.000 Fluggäste (Art. 9 Abs. 1) und Abdingbarkeitsverbot (Art. 13) verifiziert. IATA-Betreuungscodes, Elektrorollstuhl-Grenzwerte (300 Wh / 160 Wh, UN-Test 38.3), Nachweisfreiheit, Begleitperson und Sitzplatzvergabe gegen Luftfahrt-Bundesamt gegengeprüft. Keine unbelegten Aktenzeichen verwendet. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
