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title: Besitz im BGB — Erwerb, Verlust und Schutz nach §§ 854 ff. BGB
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last_reviewed: 2026-07-25
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# Besitz im BGB — Erwerb, Verlust und Schutz nach §§ 854 ff. BGB

## Kurzantwort

**Besitz** ist die **tatsächliche Sachherrschaft** über eine Sache (**§ 854 BGB**) — anders als das **Eigentum**, das die rechtliche Zuordnung beschreibt. Der Besitz wird durch **Erlangung der tatsächlichen Gewalt** erworben und endet, wenn der Besitzer diese Gewalt **aufgibt oder verliert** (**§ 856 BGB**). Das Gesetz unterscheidet **unmittelbaren** Besitz (§ 854 BGB), **mittelbaren** Besitz (**§ 868 BGB**, z. B. der Vermieter über den Mieter) und den bloßen **Besitzdiener** (**§ 855 BGB**), der selbst kein Besitzer ist. Wird der Besitz durch **verbotene Eigenmacht** (**§ 858 BGB**) entzogen oder gestört, schützt das Gesetz den Besitzer mit den **possessorischen Ansprüchen** aus **§ 861 BGB** (Wiedereinräumung) und **§ 862 BGB** (Beseitigung/Unterlassung) — und zwar **unabhängig davon, ob er ein Recht zum Besitz hat**.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Regelungsort | **§§ 854–872 BGB**, Buch 3 (Sachenrecht), Abschnitt 1 (Besitz) |
| Definition Besitz | **tatsächliche Gewalt** (Sachherrschaft) über eine Sache [§ 854 Abs. 1 BGB] |
| Abgrenzung zum Eigentum | Besitz = tatsächliche Herrschaft; Eigentum = rechtliche Zuordnung (§ 903 BGB) |
| Erwerb | Erlangung der tatsächlichen Gewalt; Einigung genügt, wenn Erwerber die Gewalt ausüben kann [§ 854 Abs. 2 BGB] |
| Beendigung | Aufgabe oder Verlust der tatsächlichen Gewalt [§ 856 Abs. 1 BGB] |
| Unmittelbarer Besitz | eigene tatsächliche Sachherrschaft [§ 854 BGB] |
| Mittelbarer Besitz | Besitz über ein Besitzmittlungsverhältnis (Miete, Pacht, Pfand, Verwahrung) [§ 868 BGB] |
| Besitzdiener | übt Gewalt weisungsgebunden für einen anderen aus — **kein** Besitzer [§ 855 BGB] |
| Eigenbesitz | wer eine Sache **als ihm gehörend** besitzt [§ 872 BGB] |
| Verbotene Eigenmacht | widerrechtliche Besitzentziehung oder ‑störung ohne Willen des Besitzers [§ 858 Abs. 1 BGB] |
| Anspruch bei Entziehung | Wiedereinräumung des Besitzes [§ 861 BGB] |
| Anspruch bei Störung | Beseitigung, bei Wiederholungsgefahr Unterlassung [§ 862 BGB] |
| Ausschluss petitorischer Einwendungen | im Besitzschutzprozess nur fehlerhafte Eigenmacht relevant [§ 863 BGB] |
| Erlöschen der Ansprüche | ein Jahr nach Verübung der verbotenen Eigenmacht [§ 864 Abs. 1 BGB] |
| Selbsthilfe des Besitzers | Besitzwehr und Besitzkehr [§ 859 BGB] |

## Anspruchsgrundlage

**§ 854 Abs. 1 BGB** lautet: „Der Besitz einer Sache wird durch die Erlangung der tatsächlichen Gewalt über die Sache erworben." Der Besitz ist damit **kein Recht, sondern ein tatsächliches Herrschaftsverhältnis** — er entsteht und vergeht mit der realen Sachherrschaft, nicht mit einem Rechtsgeschäft. Deshalb kann auch ein **Dieb** Besitzer sein, und selbst sein Besitz ist gegen eigenmächtige Eingriffe Dritter geschützt.

Die zentralen **Anspruchsgrundlagen des Besitzschutzes** sind **§ 861 BGB** (Anspruch wegen Besitzentziehung) und **§ 862 BGB** (Anspruch wegen Besitzstörung). Beide setzen eine **verbotene Eigenmacht** nach **§ 858 Abs. 1 BGB** voraus: die widerrechtliche Entziehung oder Störung des Besitzes ohne den Willen des Besitzers. Diese sogenannten **possessorischen** Ansprüche dienen dem Schutz des **Rechtsfriedens**: Sie stellen den ursprünglichen Besitzstand vorläufig wieder her, ohne dass geklärt werden muss, wem die Sache „eigentlich" zusteht (das ist Sache des **petitorischen** Rechtsstreits, § 985 BGB).

## Anspruchsvoraussetzungen

Der Anspruch auf **Wiedereinräumung des Besitzes** nach § 861 Abs. 1 BGB wird in vier Schritten geprüft:

1. **Ursprünglicher Besitz des Anspruchstellers.** Der Anspruchsteller muss vor dem Eingriff **unmittelbarer Besitzer** (§ 854 BGB) gewesen sein. Ein **Besitzdiener** (§ 855 BGB) ist nicht anspruchsberechtigt, wohl aber der **mittelbare Besitzer** in den Grenzen des § 869 BGB.
2. **Besitzentziehung durch verbotene Eigenmacht.** Dem Besitzer muss **ohne seinen Willen** und **widerrechtlich** der Besitz entzogen worden sein (§ 858 Abs. 1 BGB). Widerrechtlich ist die Entziehung, wenn sie nicht ausnahmsweise gesetzlich gestattet ist (z. B. Selbsthilfe, § 859 BGB; behördliche Befugnis).
3. **Fehlerhafter Besitz des Anspruchsgegners.** Der in Anspruch Genommene muss dem früheren Besitzer gegenüber **fehlerhaft** besitzen (§ 861 Abs. 1 i. V. m. § 858 Abs. 2 BGB) — also selbst durch verbotene Eigenmacht oder als Nachfolger eines fehlerhaften Besitzers, der die Fehlerhaftigkeit kannte.
4. **Kein Ausschluss.** Der Anspruch ist ausgeschlossen, wenn der entzogene Besitz seinerseits dem jetzigen Gegner gegenüber **fehlerhaft** war und im letzten Jahr erlangt wurde (§ 861 Abs. 2 BGB). Zudem erlischt der Anspruch **ein Jahr** nach der Verübung der verbotenen Eigenmacht (§ 864 Abs. 1 BGB).

Für den **Störungsanspruch** nach § 862 BGB gilt Entsprechendes, nur dass statt der Entziehung eine **Besitzstörung** (sonstige Beeinträchtigung der Sachherrschaft) vorliegt; bei Wiederholungsgefahr besteht ein **Unterlassungsanspruch**.

## Rechtsfolgen

Liegen die Voraussetzungen des § 861 BGB vor, kann der frühere Besitzer die **Wiedereinräumung des Besitzes** verlangen — die Sache ist ihm also zurückzugeben, ohne Rücksicht auf die materielle Rechtslage. Bei der Besitzstörung (§ 862 BGB) richtet sich der Anspruch auf **Beseitigung der Störung** und, bei drohender Wiederholung, auf **Unterlassung**.

Ein wesentliches Merkmal ist der **Ausschluss petitorischer Einwendungen** (**§ 863 BGB**): Gegen die possessorischen Ansprüche kann der Gegner grundsätzlich **nicht** einwenden, er sei Eigentümer oder sonst zum Besitz berechtigt. Über solche Rechte ist in einem gesonderten (petitorischen) Verfahren zu streiten. Der Besitzer darf sich außerdem durch **Selbsthilfe** wehren: **Besitzwehr** (Abwehr der Störung) und **Besitzkehr** (sofortige Wiederbeschaffung frisch entzogenen Besitzes) nach **§ 859 BGB**. Neben dem Besitzschutz können **deliktische Ansprüche** (§ 823 Abs. 1 BGB — der berechtigte Besitz ist ein „sonstiges Recht") und Ansprüche aus **Geschäftsführung ohne Auftrag** (§§ 677 ff. BGB) treten, etwa auf Ersatz von Abschleppkosten.

## Praxisbeispiel

**BGH, Urteil vom 17.11.2023 – V ZR 192/22** (Falschparken auf Privatgrund): Ein unbefugt auf einem privaten Grundstück abgestelltes Fahrzeug wurde auf Veranlassung des Grundstücksbesitzers abgeschleppt. Der BGH bestätigte, dass das **unbefugte Abstellen eines Fahrzeugs verbotene Eigenmacht** (§ 858 Abs. 1 BGB) gegen den unmittelbaren Grundstücksbesitzer darstellt, gegen die sich dieser durch Abschleppen wehren darf. Zu den nach den Grundsätzen der **berechtigten Geschäftsführung ohne Auftrag** ersatzfähigen Kosten gehören dabei nicht nur die reinen Abschleppkosten, sondern auch die **Kosten der Verwahrung** des Fahrzeugs — allerdings nur **bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Fahrzeughalter die Herausgabe verlangt**. Das Urteil knüpft an die ständige Rechtsprechung an, wonach der Besitzer eines Grundstücks Falschparker als verbotene Eigenmacht behandeln darf (grundlegend **BGH, Urteil vom 05.06.2009 – V ZR 144/08**: Abschleppen ist zulässige Selbsthilfe nach § 859 BGB, die Abschleppkosten sind vom Fahrzeugführer als Schaden zu ersetzen).

## Verwandte Normen

- **§ 855 BGB** — Besitzdiener: übt die Gewalt weisungsgebunden für einen anderen aus (z. B. Angestellter), ist selbst kein Besitzer.
- **§ 856 BGB** — Beendigung des Besitzes durch Aufgabe oder Verlust der tatsächlichen Gewalt.
- **§ 857 BGB** — Vererblichkeit des Besitzes: Der Besitz geht auf den Erben über.
- **§ 859 BGB** — Selbsthilfe des Besitzers (Besitzwehr und Besitzkehr).
- **§ 860 BGB** — Selbsthilfe des Besitzdieners für den Besitzer.
- **§ 863 BGB** — Ausschluss petitorischer Einwendungen im Besitzschutzprozess.
- **§ 864 BGB** — Erlöschen der Besitzschutzansprüche ein Jahr nach der Tat.
- **§ 868 BGB** — Mittelbarer Besitz über ein Besitzmittlungsverhältnis (Miete, Pacht, Pfand, Verwahrung).
- **§ 869 BGB** — Ansprüche des mittelbaren Besitzers bei Besitzentziehung.
- **§ 872 BGB** — Eigenbesitz: wer eine Sache als ihm gehörend besitzt.
- **§ 985 BGB** — Herausgabeanspruch des Eigentümers (petitorischer Anspruch, Gegenstück zum possessorischen Besitzschutz).
- **§ 1007 BGB** — Ansprüche des früheren Besitzers aus früherem Besitz.





## Quellen

- Primärquelle: § 854 BGB — Erwerb des Besitzes, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__854.html
- Primärquelle: § 855 BGB — Besitzdiener, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__855.html
- Primärquelle: § 858 BGB — Verbotene Eigenmacht, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__858.html
- Primärquelle: § 861 BGB — Anspruch wegen Besitzentziehung, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__861.html
- Primärquelle: § 862 BGB — Anspruch wegen Besitzstörung, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__862.html
- Primärquelle: § 868 BGB — Mittelbarer Besitz, gesetze-im-internet.de: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__868.html
- Rechtsprechung: BGH, Urteil vom 17.11.2023 – V ZR 192/22 (Verwahrkosten abgeschleppter Fahrzeuge, verbotene Eigenmacht bei Falschparken)
- Rechtsprechung: BGH, Urteil vom 05.06.2009 – V ZR 144/08 (Abschleppen als Selbsthilfe gegen verbotene Eigenmacht, Ersatz der Abschleppkosten)
- Permalink-Fallback: § 854 BGB bei dejure.org: https://dejure.org/gesetze/BGB/854.html

## Änderungsverlauf

- 2026-07-25: Erstveröffentlichung der Faktenseite, alle Quellen-URLs gegen amtliche Stellen gegengeprüft, Frontmatter-Felder gesetzt (legal_status, authority_level, wikidata_subjects). | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
## Stand

- Stand: 2026-07-25
- Gültig ab: 2002-01-01
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
