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title: Deliktsrecht — Außervertraglicher Schadensersatz nach § 823 BGB
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# Deliktsrecht — Außervertraglicher Schadensersatz nach § 823 BGB

## Kurzantwort

§ 823 BGB ist die zentrale Grundnorm des deutschen Deliktsrechts und begründet eine Schadensersatzpflicht **ohne** dass ein Vertrag zwischen den Beteiligten bestehen muss. **§ 823 Abs. 1 BGB** haftet, wer vorsätzlich oder fahrlässig eines der ausdrücklich genannten Rechtsgüter — Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum — oder ein „sonstiges Recht" eines anderen widerrechtlich verletzt. **§ 823 Abs. 2 BGB** knüpft die gleiche Haftung an den Verstoß gegen ein **Schutzgesetz**, also eine Norm, die zumindest auch dem Schutz einzelner Personen dient (z. B. Strafvorschriften wie § 223 StGB). Praktisch besonders wichtig ist die aus § 823 Abs. 1 BGB entwickelte **Verkehrssicherungspflicht**: Wer eine Gefahrenquelle schafft oder einen Verkehr eröffnet, haftet auch für pflichtwidriges **Unterlassen** der erforderlichen Sicherungsmaßnahmen. Rechtsfolge ist Schadensersatz nach §§ 249 ff. BGB, bei Körper- oder Gesundheitsverletzung zusätzlich Schmerzensgeld nach § 253 Abs. 2 BGB.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Anspruchsgrundlage | **§ 823 Abs. 1 BGB** (Rechtsgutverletzung) und **§ 823 Abs. 2 BGB** (Schutzgesetzverletzung) |
| Geschützte Rechtsgüter (Abs. 1) | Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, **Eigentum** und „**sonstiges Recht**" [§ 823 Abs. 1 BGB] |
| „Sonstige Rechte" | absolut geschützte Rechte, z. B. Besitz, allgemeines Persönlichkeitsrecht, Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb |
| Schutzgesetz (Abs. 2) | Norm, die **zumindest auch** dem Schutz von Individualinteressen dient (z. B. § 223, § 263 StGB) [§ 823 Abs. 2 BGB] |
| Verschulden | **Vorsatz oder Fahrlässigkeit** erforderlich (§ 276 BGB); Deliktsfähigkeit §§ 827, 828 BGB |
| Rechtswidrigkeit | bei unmittelbarer Rechtsgutverletzung **indiziert**; entfällt bei Rechtfertigungsgründen (z. B. Notwehr § 227 BGB, Einwilligung) |
| Verkehrssicherungspflicht | Haftung auch für **Unterlassen** zumutbarer Sicherungsmaßnahmen bei eröffnetem Verkehr / geschaffener Gefahrenquelle |
| Rechtsfolge | Schadensersatz nach **§§ 249 ff. BGB**; Schmerzensgeld nach **§ 253 Abs. 2 BGB** bei Körper-/Gesundheitsverletzung |
| Verjährung | Regelverjährung **3 Jahre** ab Kenntnis (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB), Höchstfrist 10/30 Jahre (§ 199 Abs. 2, 3 BGB) |
| Beweislast | Grundsätzlich trägt der **Geschädigte** die Beweislast für die Anspruchsvoraussetzungen |

## Anspruchsgrundlage

Anspruchsgrundlage ist **§ 823 BGB**, die Grundnorm der unerlaubten Handlungen (§§ 823–853 BGB). Sie ordnet die deliktische Haftung in zwei selbstständigen Tatbeständen:

**§ 823 Abs. 1 BGB** lautet: „Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet." Geschützt sind damit abschließend aufgezählte **Rechtsgüter** sowie — als offener Auffangtatbestand — „sonstige Rechte", worunter die Rechtsprechung absolut geschützte Rechtspositionen wie den Besitz, das allgemeine Persönlichkeitsrecht und das Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb fasst. **Reine Vermögensschäden** ohne Verletzung eines dieser Rechtsgüter sind über § 823 Abs. 1 BGB grundsätzlich **nicht** ersatzfähig.

**§ 823 Abs. 2 BGB** erweitert die Haftung: „Die gleiche Verpflichtung trifft denjenigen, welcher gegen ein den Schutz eines anderen bezweckendes Gesetz verstößt." Über diesen Weg werden auch reine Vermögensschäden ersatzfähig, sofern die verletzte Norm (Schutzgesetz) gerade den Geschädigten und die Art des eingetretenen Schadens schützen soll. Satz 2 stellt klar, dass bei Schutzgesetzen, die auch ohne Verschulden verletzt werden können, die Ersatzpflicht nur bei Verschulden eintritt.

## Anspruchsvoraussetzungen

Prüfung des Anspruchs aus **§ 823 Abs. 1 BGB**:

1. **Rechtsgut- oder Rechtsverletzung.** Verletzt sein muss eines der in Abs. 1 genannten Rechtsgüter (Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum) oder ein „sonstiges Recht".
2. **Verletzungshandlung.** Ein menschliches Verhalten in Form eines aktiven Tuns oder eines **pflichtwidrigen Unterlassens**. Ein Unterlassen begründet nur bei einer Rechtspflicht zum Handeln Haftung — insbesondere bei Verletzung einer **Verkehrssicherungspflicht**.
3. **Haftungsbegründende Kausalität.** Die Handlung muss die Rechtsgutverletzung verursacht haben. Erforderlich sind Äquivalenz (conditio sine qua non), Adäquanz und ein Zusammenhang mit dem Schutzzweck der Norm.
4. **Rechtswidrigkeit.** Bei der unmittelbaren Verletzung eines der genannten Rechtsgüter ist die Rechtswidrigkeit **indiziert**. Sie entfällt bei Rechtfertigungsgründen (z. B. Notwehr § 227 BGB, Notstand §§ 228, 904 BGB, Einwilligung).
5. **Verschulden.** Der Schädiger muss die Verletzung **vorsätzlich oder fahrlässig** herbeigeführt haben (Maßstab § 276 BGB). Voraussetzung ist die Deliktsfähigkeit (§§ 827, 828 BGB).
6. **Schaden und haftungsausfüllende Kausalität.** Aus der Rechtsgutverletzung muss ein ersatzfähiger Schaden entstanden sein, dessen Umfang sich nach §§ 249 ff. BGB bestimmt.

Prüfung des Anspruchs aus **§ 823 Abs. 2 BGB** (Schutzgesetzverletzung):

1. **Verstoß gegen ein Schutzgesetz.** Verletzt sein muss eine Rechtsnorm, die zumindest **auch** dem Schutz von Individualinteressen dient (Schutzgesetzcharakter).
2. **Schutzbereich.** Der Geschädigte muss zum geschützten Personenkreis gehören und der Schaden von der Art sein, deren Verhütung das Gesetz bezweckt.
3. **Rechtswidrigkeit und Verschulden.** Der Verstoß muss rechtswidrig und — bezogen auf die Schutzgesetzverletzung — schuldhaft sein (§ 823 Abs. 2 S. 2 BGB).

## Rechtsfolgen

Liegen die Voraussetzungen vor, ist der Schädiger zum **Ersatz des daraus entstehenden Schadens** verpflichtet. Der Umfang richtet sich nach den §§ 249 ff. BGB: Vorrangig ist die **Naturalrestitution** (§ 249 Abs. 1 BGB) — Herstellung des Zustands, der ohne das schädigende Ereignis bestünde. Bei Körperverletzung oder Sachbeschädigung kann der Geschädigte statt der Herstellung den dazu **erforderlichen Geldbetrag** verlangen (§ 249 Abs. 2 BGB); ist die Herstellung unmöglich oder ungenügend, tritt **Geldentschädigung** an ihre Stelle (§ 251 BGB).

Bei Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der Freiheit oder der sexuellen Selbstbestimmung kann zusätzlich eine **billige Entschädigung in Geld** (Schmerzensgeld) nach **§ 253 Abs. 2 BGB** verlangt werden. Ein **Mitverschulden** des Geschädigten führt nach § 254 BGB zur Kürzung oder zum Ausschluss des Anspruchs. Der deliktische Anspruch verjährt in der **Regelverjährung von drei Jahren** ab Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Geschädigte Kenntnis von Schaden und Schädiger erlangt hat (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB); kenntnisunabhängig gelten Höchstfristen von 10 bzw. 30 Jahren (§ 199 Abs. 2, 3 BGB).

## Praxisbeispiel

Ein anschauliches Beispiel für die **Verkehrssicherungspflicht** als Fallgruppe des § 823 Abs. 1 BGB liefert der Beschluss **BGH VI ZR 357/24 vom 1. Juli 2025** (Streupflicht): Eine 85-jährige Frau war auf einem ungestreuten, vereisten Gehweg gestürzt und hatte den Hauseigentümer auf Schadensersatz in Anspruch genommen. Der VI. Zivilsenat stellte klar, dass die winterliche **Räum- und Streupflicht** eine konkrete Gefahrenlage — eine „**allgemeine Glätte**" und nicht nur einzelne Glättestellen — voraussetzt und der Geschädigte diese Umstände darlegen und beweisen muss. Zugleich betonte der BGH, dass die **Anforderungen an die Substantiierung** des Vortrags nicht überspannt werden dürfen. Zum **Mitverschulden** (§ 254 BGB) führte der Senat aus, dass ein die Haftung vollständig ausschließender Verursachungsbeitrag des Geschädigten nur bei einer „ganz besonderen, schlechthin unverständlichen Sorglosigkeit" angenommen werden kann; die **bloße Erkennbarkeit** der Eisglätte genügt dafür nicht.

Die **Grenzen** der Verkehrssicherungspflicht zeigt das Urteil **BGH VI ZR 184/18 vom 2. Juli 2019**: Die Streupflicht besteht nicht uneingeschränkt für jede Fläche. Für die Verkehrsflächen eines Supermarkt-Parkplatzes verlangt der BGH die Sicherung der **Fahrgassen und Zugänge**, während nicht jede einzelne Parkbucht geräumt und gestreut werden muss. Maßstab ist stets, welche Vorkehrungen nach den konkreten Umständen **erforderlich und zumutbar** sind, um die Gefahr abzuwenden.

## Verwandte Normen

- **§ 823 Abs. 2 BGB** — Haftung wegen Verletzung eines Schutzgesetzes; erfasst auch reine Vermögensschäden.
- **§ 826 BGB** — Schadensersatz wegen **vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung**; erfasst reine Vermögensschäden ohne Rechtsgutverletzung.
- **§ 824 BGB** — Haftung für Kreditgefährdung durch unwahre Tatsachenbehauptungen.
- **§ 831 BGB** — Haftung des Geschäftsherrn für **Verrichtungsgehilfen** (mit Exkulpationsmöglichkeit) — Abgrenzung zu § 278 BGB.
- **§ 832 BGB** — Haftung des **Aufsichtspflichtigen**; § 836 BGB — Haftung des Grundstücksbesitzers bei Gebäudeeinsturz.
- **§ 253 Abs. 2 BGB** — **Schmerzensgeld** bei Verletzung von Körper, Gesundheit, Freiheit oder sexueller Selbstbestimmung.
- **§§ 249–252 BGB** — Art, Inhalt und Umfang des Schadensersatzes (Naturalrestitution, Geldersatz, entgangener Gewinn).
- **§ 254 BGB** — **Mitverschulden** des Geschädigten; führt zur Anspruchskürzung.
- **§§ 195, 199 BGB** — **Verjährung** deliktischer Ansprüche (Regelfrist 3 Jahre ab Kenntnis).
- **§ 227 BGB** — **Notwehr** als Rechtfertigungsgrund, der die Rechtswidrigkeit entfallen lässt.





## Quellen

- § 823 BGB — Schadensersatzpflicht (gesetze-im-internet.de, amtlicher Volltext): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__823.html
- §§ 249–253 BGB — Art und Umfang des Schadensersatzes (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__249.html
- §§ 195, 199 BGB — Verjährung (gesetze-im-internet.de): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__199.html
- BGH, Beschluss vom 01.07.2025 — VI ZR 357/24 (Streupflicht / Verkehrssicherungspflicht bei winterlicher Glätte); Bericht: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/bgh-vizr35724-allgemeine-glaette-eis-schnee-streupflicht-schadensersatz-rechtliches-gehoer
- BGH, Urteil vom 02.07.2019 — VI ZR 184/18 (Grenzen der Streupflicht auf Parkplätzen)
- § 823 BGB, Permalink-Fallback: https://dejure.org/gesetze/BGB/823.html

## Änderungsverlauf

- 2026-07-17: Erstveröffentlichung der Faktenseite, alle Quellen-URLs gegen amtliche Stellen gegengeprüft, Frontmatter-Felder gesetzt (legal_status, authority_level, wikidata_subjects). | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
## Stand

- Stand: 2026-07-17
- Gültig ab: 2002-01-01
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (gesetze-im-internet.de, BGH-Rechtsprechung)
- Lizenz: CC BY 4.0
