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title: "EU-Insolvenzverordnung (VO 2015/848) – Grenzüberschreitende Insolvenz, COMI, Anerkennung & Forderungsanmeldung im EU-Ausland"
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# EU-Insolvenzverordnung (VO 2015/848) – Grenzüberschreitende Insolvenz, COMI, Anerkennung & Forderungsanmeldung im EU-Ausland

## Kurzantwort

Die **Verordnung (EU) 2015/848 (EuInsVO)** regelt, **welches Gericht** ein Insolvenzverfahren mit Auslandsbezug eröffnen darf, **welches Insolvenzrecht** gilt und dass die Eröffnung **in allen anderen EU-Staaten automatisch anerkannt** wird (Ausnahme: Dänemark). Zuständig für das **Hauptinsolvenzverfahren** ist der Staat, in dem der Schuldner den **Mittelpunkt seiner hauptsächlichen Interessen (COMI)** hat (Art. 3 Abs. 1). Für Gesellschaften wird der **Sitz** vermutet, für Selbständige die **Hauptniederlassung**, für übrige natürliche Personen der **gewöhnliche Aufenthalt**.

Als **EU-Verordnung gilt sie unmittelbar in Deutschland** – ein Umsetzungsgesetz ist nicht nötig; Deutschland hat lediglich Durchführungsvorschriften in **Art. 102c EGInsO** erlassen. Gläubiger mit Sitz in der EU können ihre Forderungen in **jedem** EU-Insolvenzverfahren anmelden, auch in Deutschland. Für ausländische Gläubiger beträgt die Anmeldefrist **mindestens 30 Tage** ab Veröffentlichung der Eröffnung im Insolvenzregister des Eröffnungsstaats (Art. 55 Abs. 6).

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsakt | Verordnung (EU) 2015/848 vom 20.05.2015, ABl. L 141 vom 05.06.2015, S. 19 [EUR-Lex, CELEX:32015R0848] |
| Rechtsnatur | EU-Verordnung → unmittelbar anwendbar; Neufassung der VO (EG) 1346/2000 |
| Anwendung | Gilt ab 26.06.2017 (Art. 92; Art. 24 Abs. 1 ab 26.06.2018, Art. 25 ab 26.06.2019); anzuwenden auf Verfahren, die nach dem 26.06.2017 eröffnet wurden (Art. 84 Abs. 1); für vorher eröffnete Verfahren gilt weiter VO (EG) 1346/2000 (Art. 84 Abs. 2) |
| Zuständigkeit Hauptverfahren | Staat des COMI des Schuldners (Art. 3 Abs. 1) |
| Vermutung Gesellschaft | Satzungsmäßiger Sitz; gilt nicht, wenn der Sitz in den 3 Monaten vor Antrag verlegt wurde |
| Vermutung Selbständige | Hauptniederlassung; ebenfalls 3-Monats-Sperre nach Verlegung |
| Vermutung übrige natürliche Personen | Gewöhnlicher Aufenthalt; 6-Monats-Sperre nach Verlegung |
| Partikularverfahren | Nur bei Niederlassung im anderen Staat; Wirkung auf dortiges Vermögen beschränkt (Art. 3 Abs. 2) |
| Anwendbares Recht | Recht des Eröffnungsstaats (lex fori concursus, Art. 7) |
| Dingliche Rechte Dritter | Bleiben durch Eröffnung unberührt (Art. 8) |
| Aufrechnung | Bleibt nach dem Recht der Forderung des Schuldners zulässig (Art. 9) |
| Annexverfahren | Anfechtungsklagen u. ä.: Gerichte des Eröffnungsstaats (Art. 6) |
| Anerkennung | Automatisch, ohne Förmlichkeiten (Art. 19, 20) |
| Forderungsanmeldung | Standardformular „Forderungsanmeldung“ (Art. 55, 88); Frist für ausländische Gläubiger mind. 30 Tage |
| Rechtsbehelf | Schuldner/Gläubiger können die Eröffnung wegen fehlender internationaler Zuständigkeit anfechten (Art. 5) |
| Ausgenommen | Versicherungen, Kreditinstitute, bestimmte Wertpapierfirmen, Organismen für gemeinsame Anlagen (Art. 1 Abs. 2) |
| Sanktionen | Keine eigenen Bußgelder; Folge fehlerhafter Anmeldung: Forderung wird im Verfahren nicht berücksichtigt |

## Geltungsbereich

Erfasst sind **öffentliche Gesamtverfahren** auf gesetzlicher Grundlage – Liquidation, Sanierung, Schuldenanpassung, auch vorläufige Verfahren (Art. 1 Abs. 1). Welche nationalen Verfahren konkret zählen, listet **Anhang A** (zuletzt vollständig ersetzt durch VO (EU) 2025/2073, in Kraft seit 06.11.2025). Für Deutschland nennt er das **Insolvenzverfahren** (einschließlich seiner Formen wie Eigenverwaltung und Verbraucherinsolvenz), die **öffentliche Restrukturierungssache** nach StaRUG sowie die Altverfahren Konkurs-, Vergleichs- und Gesamtvollstreckungsverfahren. Voraussetzung ist ein **grenzüberschreitender Bezug** innerhalb der EU; Dänemark nimmt nicht teil. Das Verhältnis zu Drittstaaten richtet sich nach nationalem Recht (in Deutschland §§ 335 ff. InsO).

## Detail: COMI und Verlagerung

Der COMI ist der Ort, an dem der Schuldner **gewöhnlich seine Interessen verwaltet** und der für **Dritte feststellbar** ist (Art. 3 Abs. 1 UAbs. 1; Erwägungsgrund 28 ff.). Die Sitzvermutung ist **widerlegbar**: Liegt die tatsächliche Verwaltung erkennbar in einem anderen Staat, kann dieser zuständig sein. Das Gericht prüft seine Zuständigkeit **von Amts wegen** (Art. 4) und muss in der Eröffnungsentscheidung die Zuständigkeitsgründe nennen. Wer kurz vor der Antragstellung seinen Sitz oder Wohnsitz verlegt („Forum Shopping“), kann sich wegen der 3- bzw. 6-Monats-Sperrfrist nicht auf die Vermutung stützen. Zur Auslegung des COMI-Begriffs siehe EuGH, Urteil vom 02.05.2006, **C-341/04 (Eurofood IFSC)** (Sitzvermutung nur durch objektive, für Dritte feststellbare Umstände widerlegbar; Kontrolle durch eine Muttergesellschaft im Ausland genügt nicht), und Urteil vom 20.10.2011, **C-396/09 (Interedil)** (COMI unionsrechtlich auszulegen; Vorrang des für Dritte feststellbaren Orts der Hauptverwaltung). Beide Urteile ergingen zur Vorgängerverordnung (EG) 1346/2000.

## Detail: Wirkung der Eröffnung und lex concursus

Das Recht des Eröffnungsstaats regelt Voraussetzungen, Durchführung und Beendigung des Verfahrens, Verwalterbefugnisse, Aufrechnung, Rechtshandlungen und Anfechtbarkeit sowie die Verteilung des Erlöses (Art. 7 Abs. 2 lit. a–m). Ausnahmen schützen Vertrauen und Sicherheiten: dingliche Rechte (Art. 8), Eigentumsvorbehalt (Art. 10), Immobilien (Art. 11), Arbeitsverträge (Art. 13: Recht des Arbeitsvertragsstatuts) und anhängige Rechtsstreitigkeiten (Art. 18).

## Detail: Gläubiger im Ausland – Forderungsanmeldung

Gläubiger mit gewöhnlichem Aufenthalt, Wohnsitz oder Sitz in einem anderen EU-Staat können Forderungen **in jeder zulässigen Sprache der EU** anmelden; das Gericht oder der Verwalter kann eine **Übersetzung** verlangen (Art. 55). Zu nennen sind: Gläubigerdaten, Betrag (Hauptforderung und Zinsen), Entstehungszeitpunkt, Rang, Sicherheiten, Aufrechnungen und beizufügende Belege. Bankverbindung und Ausweisdaten sind **nicht Pflichtangaben**. Bei Zweifeln muss dem Gläubiger Gelegenheit zur Nachreichung gegeben werden. Die Eröffnung wird im **Insolvenzregister** des Eröffnungsstaats veröffentlicht; in Deutschland unter www.insolvenzbekanntmachungen.de. Die Mitgliedstaaten müssen Insolvenzregister mit Pflichtinformationen führen (Art. 24, seit 26.06.2018); die europäische Vernetzung der Register läuft über das **Europäische Justizportal (e-Justice)** (Art. 25, seit 26.06.2019).

## Detail: Konzerninsolvenz

Für Unternehmensgruppen sieht die Verordnung **Kooperation und Kommunikation** zwischen Verwaltern und Gerichten sowie ein **Gruppen-Koordinationsverfahren** mit Koordinator vor (Art. 56 ff.). Das Verfahren ist **freiwillig**: Verwalter können binnen 30 Tagen Einwand gegen die Einbeziehung erheben (Art. 64, 65). Übersteigen die Kosten die Kostenschätzung um mehr als 10 %, muss der Koordinator die Genehmigung des Gerichts einholen (Art. 72 Abs. 6). Deutsche Durchführung: Art. 102c §§ 22 ff. EGInsO; daneben gilt das nationale Konzerninsolvenzrecht (§§ 3a ff., 269a ff. InsO).

## Häufige Fehler

- „Es gilt automatisch deutsches Insolvenzrecht, weil die GmbH deutsche Gläubiger hat." Maßgeblich ist der **COMI**, nicht der Gläubigerkreis.
- „Eine kurzfristige Sitzverlegung ins EU-Ausland rettet vor deutschen Gläubigern." Innerhalb von **3 Monaten** vor Antrag greift die Sitzvermutung nicht; Missbrauch wird geprüft.
- „Die Anmeldefrist ist überall gleich." Die Frist bestimmt das **Recht des Eröffnungsstaats**; Mindestfrist für Auslandsgläubiger sind aber **30 Tage** ab Registerveröffentlichung.
- „Pfandrechte im Ausland gehen mit Eröffnung unter." Dingliche Rechte bleiben nach **Art. 8** unberührt.
- „Die Verordnung gilt für Banken und Versicherer." Diese sind **ausgenommen** (Art. 1 Abs. 2).
- Anmeldung ohne Formular: zulässig, muss aber **dieselben Angaben** enthalten wie das Formular.

## Änderungsverlauf

- 2026-10-14: Erstveröffentlichung. Gegen EUR-Lex-Volltext geprüft: Art. 1–20 (Anwendungsbereich, COMI-Vermutungen und 3/6-Monatsfristen, Art. 4–9, Anerkennung) sowie Art. 55 (30-Tage-Mindestfrist). Nicht verifiziert: Art. 24 ff. (Register), Art. 56 ff. (Konzern), Art. 84/92 (Anwendungsdaten), Fundstellen im EGInsO, EuGH-Aktenzeichen C-341/04 und C-396/09 → daher factcheck_status review_needed.
- 2026-10-14: Faktencheck (Status war review_needed). Offene Punkte gegen Amtsblatt-Volltext VO (EU) 2015/848 (Publications Office, CELEX 32015R0848), konsolidierte Fassung 09.01.2022, VO (EU) 2025/2073 (Ersetzung Anhänge A/B), EuGH-Urteilstexte (CELEX 62004CJ0341, 62009CJ0396) und Art. 102c EGInsO (gesetze-im-internet.de, buzer.de) geprüft. Art. 1, 3–9, 19, 20, 24, 25, 55, 56 ff., 64, 72, 84, 92 bestätigt; Eurofood (Urteil 02.05.2006, Große Kammer) und Interedil (Urteil 20.10.2011) bestätigt. Korrekturen: Anwendung „ab 26.06.2017 eröffnet“ -> Geltung ab 26.06.2017 (Art. 92), anwendbar auf nach dem 26.06.2017 eröffnete Verfahren (Art. 84 Abs. 1), Art. 24 Abs. 1 ab 26.06.2018, Art. 25 ab 26.06.2019; Anhang A Deutschland „Regelinsolvenz, Eigenverwaltung, Verbraucherinsolvenz, Restschuldbefreiung“ -> Insolvenzverfahren, öffentliche Restrukturierungssache, Altverfahren (Stand VO 2025/2073); 10-%-Kostengrenze „Erwägungsgründe“ -> Art. 72 Abs. 6; deutsche Durchführung Konzern „§§ 3a ff. InsO“ -> Art. 102c §§ 22 ff. EGInsO (daneben §§ 3a ff., 269a ff. InsO); EGInsO-Fundstelle präzisiert auf Art. 102c. | change_type=factcheck field="factcheck_status" old="review_needed" new="ok" reviewed_by="Claude (Freigabe-Aufholer 14.10.2026)"
- 2026-10-15: Quellen-URL EGInsO ersetzt: alter Pfad „inso_einfg“ (404) -> https://www.gesetze-im-internet.de/eginso/ (200, „EGInsO - nichtamtliches Inhaltsverzeichnis“). Keine inhaltliche Änderung. | change_type=urlfix reviewed_by="Claude (Faktencheck 15.10.2026)"

## Stand

- Stand: 2026-10-14
- Gültig ab: 2017-06-26 (Geltungsbeginn Art. 92; anwendbar auf Verfahren, die nach dem 26.06.2017 eröffnet wurden, Art. 84 Abs. 1)
- Status: in Kraft (EU-Verordnung, unmittelbar anwendbar)
- Quellenautorität: A (EUR-Lex CELEX:32015R0848)
- Lizenz: CC BY 4.0

## Quellen

- Verordnung (EU) 2015/848 (Volltext, deutsch):
  https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32015R0848
- EUR-Lex – Rechtsakt (ELI):
  https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2015/848/oj/eng
- EU-Kommission / e-Justice-Portal – Insolvenzverfahren und Register:
  https://e-justice.europa.eu/
- Art. 55 EuInsVO (Forderungsanmeldung):
  https://dejure.org/gesetze/EuInsVO/55.html
- Insolvenzordnung (DE, §§ 335 ff., 3a ff.):
  https://www.gesetze-im-internet.de/inso/
- Einführungsgesetz zur Insolvenzordnung (EGInsO, Durchführungsvorschriften):
  https://www.gesetze-im-internet.de/eginso/
- Insolvenzbekanntmachungen (Deutschland):
  https://www.insolvenzbekanntmachungen.de/

## Stand

- Letzte Änderung: 2026-10-15
- Letzte Prüfung: 2026-10-15
- In Kraft seit: 2017-06-26
- Status: In Kraft
- Quellen-Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
