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title: EU-Mindestlohn-Richtlinie (RL 2022/2041) – Angemessene Mindestlöhne, 60-%-Referenzwert & EuGH-Urteil C-19/23
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# EU-Mindestlohn-Richtlinie (RL 2022/2041) – Angemessene Mindestlöhne, 60-%-Referenzwert & EuGH-Urteil C-19/23

## Kurzantwort

Die **Richtlinie (EU) 2022/2041** vom **19. Oktober 2022** über **angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union** verpflichtet die Mitgliedstaaten **nicht**, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen oder eine bestimmte Höhe festzusetzen. Sie schafft vielmehr einen **Rahmen**: Länder mit gesetzlichem Mindestlohn müssen ein transparentes Verfahren zur Festlegung und regelmäßigen Aktualisierung angemessener Mindestlöhne einrichten (Art. 5), und **alle** Mitgliedstaaten müssen **Tarifverhandlungen fördern** – bei einer **Tarifbindung unter 80 %** ist ein **nationaler Aktionsplan** vorzulegen (Art. 4). Als Orientierung nennt die Richtlinie **indikative Referenzwerte** wie **60 % des Brutto-Medianlohns** und **50 % des Brutto-Durchschnittslohns** (Art. 5 Abs. 4).

Als **Richtlinie** ist RL 2022/2041 **nicht unmittelbar anwendbar**; die **Umsetzungsfrist endete am 15. November 2024** (Art. 17). **Deutschland** hat **kein neues Umsetzungsgesetz** erlassen, sondern am **17. Oktober 2024** im Bundesgesetzblatt (BGBl. 2024 I Nr. 313) bekannt gegeben, dass die Richtlinie bereits durch **Mindestlohngesetz (MiLoG), Tarifvertragsgesetz (TVG), Arbeitsgerichtsgesetz (ArbGG) und BGB** umgesetzt sei.

**Wichtig – EuGH-Urteil vom 11. November 2025 (C-19/23, Dänemark/Parlament und Rat):** Der Gerichtshof hat die Richtlinie **weitgehend bestätigt**, aber **Art. 5 Abs. 2** (die für die Festlegung/Aktualisierung gesetzlicher Mindestlöhne **zwingend zu berücksichtigenden Kriterien**) **insgesamt** sowie **Teile von Art. 5 Abs. 1 Satz 5 und Art. 5 Abs. 3** für **nichtig** erklärt – wegen Verstoßes gegen den Kompetenzausschluss beim „Arbeitsentgelt" (**Art. 153 Abs. 5 AEUV**). Die übrigen Vorschriften – insbesondere die Pflicht zur Förderung von Tarifverhandlungen (Art. 4) und die indikativen Referenzwerte – bleiben **wirksam**.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsakt | Richtlinie (EU) 2022/2041 [eur-lex.europa.eu, CELEX:32022L2041] |
| Titel | Über angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union |
| Datum des Rechtsakts | **19. Oktober 2022** [EUR-Lex, CELEX:32022L2041] |
| Veröffentlichung | ABl. L 275 vom **25.10.2022** |
| Inkrafttreten | **14. November 2022** |
| Umsetzungsfrist (Mitgliedstaaten) | **15. November 2024** [Art. 17 RL 2022/2041] |
| Rechtsnatur | **Richtlinie** → nationale Umsetzung nötig (nicht unmittelbar anwendbar) |
| Keine Pflicht | **kein** unionsweiter Mindestlohn, **keine** verpflichtende Einführung/Höhe |
| Tarifverhandlungen (Art. 4) | Förderpflicht; bei **Tarifbindung < 80 %** → **nationaler Aktionsplan** |
| Verfahren gesetzl. Mindestlohn (Art. 5) | transparente, regelmäßige Festlegung & Aktualisierung |
| Indikative Referenzwerte (Art. 5 Abs. 4) | **60 %** des Brutto-Medianlohns / **50 %** des Brutto-Durchschnittslohns |
| Wirksamer Zugang (Art. 8) | Kontrollen, Durchsetzung, Beschwerderechte |
| EuGH-Urteil | **C-19/23**, **11.11.2025** (Dänemark/Parlament und Rat) |
| Nichtig erklärt | **Art. 5 Abs. 2** insgesamt; **Teile** von Art. 5 Abs. 1 S. 5 und Art. 5 Abs. 3 [EuGH C-19/23] |
| Grund der Teilnichtigkeit | Verstoß gegen **Art. 153 Abs. 5 AEUV** (Kompetenzausschluss „Arbeitsentgelt") |
| Rest der Richtlinie | **gültig** (Rechtsgrundlage Art. 153 Abs. 1 lit. b AEUV bestätigt) |
| DE-Umsetzung | **Bekanntmachung** BMAS, **17.10.2024**, BGBl. 2024 I Nr. 313 – durch **MiLoG, TVG, ArbGG, BGB** |
| DE-Mindestlohn 2025 | **12,82 €**/Std. |
| DE-Mindestlohn 2026 | **13,90 €**/Std. (ab 1.1.2026) [Fünfte MiLoAV] |
| DE-Mindestlohn 2027 | **14,60 €**/Std. (ab 1.1.2027) [Fünfte MiLoAV] |
| Betroffener Kreis | Arbeitnehmer:innen mit Anspruch auf gesetzl. Mindestlohn (DE: MiLoG) |

## Geltungsbereich

Die Richtlinie richtet sich an die **Mitgliedstaaten**, nicht direkt an Arbeitgeber. Zu unterscheiden sind zwei Gruppen:

- **Länder mit gesetzlichem Mindestlohn** (wie Deutschland): Sie müssen ein **transparentes Verfahren** zur Festlegung und **mindestens alle zwei Jahre** (bzw. bei automatischer Indexierung alle vier Jahre) erfolgenden **Aktualisierung** des Mindestlohns einrichten und dabei die **Angemessenheit** anhand nationaler Kriterien und indikativer Referenzwerte beurteilen.
- **Alle Mitgliedstaaten**: Sie müssen die **Tarifbindung** stärken. Liegt die **Tarifvertragsabdeckung unter 80 %**, ist ein **nationaler Aktionsplan** mit klarem Zeitplan zur Förderung von Kollektivverhandlungen aufzustellen (Art. 4). Deutschland liegt deutlich unter dieser Schwelle und hat einen entsprechenden Aktionsplan angekündigt.

Für **Arbeitnehmer:innen** wirkt die Richtlinie **mittelbar**: In Deutschland ergibt sich der konkrete Anspruch weiterhin aus dem **Mindestlohngesetz (MiLoG)**, nicht direkt aus der Richtlinie.

## Detail: Verfahren und Referenzwerte (Art. 5)

Für Staaten mit gesetzlichem Mindestlohn verlangt Art. 5 ein **klares, verlässliches Verfahren**. Die Mitgliedstaaten sollen sich bei der **Angemessenheitsprüfung** an **indikativen Referenzwerten** orientieren – international gebräuchlich sind **60 % des Brutto-Medianlohns** und **50 % des Brutto-Durchschnittslohns** (Art. 5 Abs. 4). Diese Werte sind **nicht rechtsverbindlich**, setzen aber einen starken normativen Maßstab. In Deutschland orientiert sich die **Mindestlohnkommission** im Rahmen einer Gesamtabwägung (§ 9 MiLoG) nachlaufend an der Tarifentwicklung und berücksichtigt den 60-%-Referenzwert.

Der **ursprüngliche Art. 5 Abs. 2** schrieb zusätzlich **zwingend zu berücksichtigende Kriterien** vor (u. a. Kaufkraft, allgemeines Lohnniveau, Wachstumsrate und Produktivität). Genau diese Vorgabe hat der **EuGH mit Urteil vom 11.11.2025 für nichtig erklärt** (siehe unten) – die **indikativen Referenzwerte des Abs. 4 bleiben** hingegen bestehen.

## Detail: EuGH-Urteil C-19/23 vom 11. November 2025

**Dänemark** – unterstützt von **Schweden** – erhob am **18. Januar 2023** Nichtigkeitsklage und rügte, der EU fehle für Regelungen zum **Arbeitsentgelt** die Kompetenz (**Art. 153 Abs. 5 AEUV**). Generalanwalt **Emiliou** empfahl am 14.1.2025 sogar die **vollständige** Nichtigkeit.

Der **EuGH** folgte dem nur **teilweise**:

- **Nichtig:** **Art. 5 Abs. 2** (zwingende Kriterien für Festlegung/Aktualisierung) **insgesamt** sowie **Teile von Art. 5 Abs. 1 Satz 5** (der auf Abs. 2 verweisende Satzteil) und **Art. 5 Abs. 3** (die Klausel „sofern die Anwendung dieses Mechanismus nicht zu einer Senkung des gesetzlichen Mindestlohns führt" – ein faktisches Verschlechterungsverbot).
- **Gültig:** Der **übrige** Teil der Richtlinie, insbesondere die **Förderung von Tarifverhandlungen** (Art. 4) und die **indikativen Referenzwerte**. Der Gerichtshof bestätigte die **Rechtsgrundlage** Art. 153 Abs. 1 lit. b AEUV („Arbeitsbedingungen") und sah **keinen** unzulässigen Eingriff in das **Koalitionsrecht**.

**Begründung:** Der Kompetenzausschluss für „Arbeitsentgelt" greift nur bei einem **unmittelbaren** Eingriff des Unionsrechts in die Lohnfestsetzung (z. B. Vereinheitlichung von Lohnbestandteilen oder ein EU-Mindestlohn). Die zwingenden Kriterien des Art. 5 Abs. 2 stellten einen solchen unmittelbaren Eingriff dar; die übrigen Rahmenvorgaben nicht. **Praktische Folge für Deutschland:** gering – das MiLoG-Verfahren beruht ohnehin auf nationalen Kriterien; wegfallende EU-Vorgaben betreffen v. a. die Verfahren anderer Mitgliedstaaten.

## Häufige Fehler

- **„Die EU schreibt einen Mindestlohn von 60 % vor."** Nein – die Richtlinie verpflichtet **weder** zur Einführung eines Mindestlohns **noch** zu einer bestimmten Höhe. Die 60 % / 50 % sind **indikative Referenzwerte**, keine bindende Untergrenze.
- **„Der deutsche Mindestlohn ergibt sich direkt aus der EU-Richtlinie."** Nein – Anspruchsgrundlage ist das **MiLoG**. Die Richtlinie wirkt nur mittelbar über die nationale Umsetzung.
- **„Deutschland musste ein neues Umsetzungsgesetz beschließen."** Nein – Deutschland hat die Umsetzung durch **bestehende Gesetze** (MiLoG, TVG, ArbGG, BGB) im BGBl. bekannt gemacht (17.10.2024).
- **„Der EuGH hat die ganze Mindestlohn-Richtlinie gekippt."** Nein – nur **Art. 5 Abs. 2** sowie **Teile** von Art. 5 Abs. 1 S. 5 und Abs. 3 sind nichtig; der Rest gilt fort.
- **„13,90 € gelten schon 2025."** Nein – **2025 = 12,82 €**; **13,90 €** ab **1.1.2026**, **14,60 €** ab **1.1.2027**.













## Quellen

- Richtlinie (EU) 2022/2041 (Volltext, deutsch):
  https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32022L2041
- Richtlinie (EU) 2022/2041 (ELI):
  https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2022/2041/oj
- EUR-Lex – Zusammenfassung „Mindestlöhne in der EU":
  https://eur-lex.europa.eu/DE/legal-content/summary/minimum-wages-in-the-eu.html
- EuGH, Urteil vom 11.11.2025, C-19/23 (Dänemark/Parlament und Rat) – Übersicht:
  https://curia.europa.eu/juris/liste.jsf?num=C-19/23
- Deutscher Bundestag, Fachbereich Europa – „Das Urteil des EuGH vom 11.11.2025 zur Mindestlohnrichtlinie" (Nr. 09/25):
  https://www.bundestag.de/resource/blob/1127460/urteil-eugh-mindestlohnrichtlinie.pdf
- Bekanntmachung zur Umsetzung der RL 2022/2041, BGBl. 2024 I Nr. 313 (17.10.2024):
  https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2024/313/VO.html
- Mindestlohngesetz (MiLoG) – DE-Umsetzung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/milog/
- BMAS – Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1.1.2026 (13,90 € / 14,60 €):
  https://www.bmas.de/DE/Service/Presse/Pressemitteilungen/2025/mindestlohn-steigt-zum-ersten-januar-2026.html

## Änderungsverlauf

- 2026-07-23: Erstveröffentlichung. Kerndaten (Datum 19.10.2022, Inkrafttreten 14.11.2022, Umsetzungsfrist 15.11.2024, CELEX:32022L2041) sowie EuGH-Urteil C-19/23 vom 11.11.2025 (Nichtigkeit Art. 5 Abs. 2 u. Teile Art. 5 Abs. 1 S. 5 / Abs. 3) gegen den amtlichen Bundestags-Fachbereich-Europa-Vermerk und die BGBl.-Bekanntmachung 2024 I Nr. 313 geprüft; DE-Mindestlohnsätze gegen BMAS geprüft. Artikelgenaue Zuordnung der indikativen Referenzwerte (Art. 5 Abs. 4) über EUR-Lex-Zusammenfassung/Sekundärquellen belegt, Primärtext EUR-Lex noch nicht Wort für Wort abgeglichen → factcheck_status=review_needed. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-07-23
- Gültig ab: 2022-11-14 (Inkrafttreten der Richtlinie)
- Umsetzungsfrist: 2024-11-15 (Deutschland: durch MiLoG/TVG/ArbGG/BGB umgesetzt, BGBl. 2024 I Nr. 313)
- EuGH: Art. 5 Abs. 2 u. Teile Art. 5 Abs. 1 S. 5 / Abs. 3 nichtig (C-19/23, 11.11.2025); Rest gültig
- Status: in Kraft (Richtlinie – national umgesetzt)
- Quellenautorität: A (EUR-Lex CELEX:32022L2041; EuGH C-19/23; BGBl. 2024 I Nr. 313)
- Lizenz: CC BY 4.0
