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title: EuGH C-21/23 (Lindenapotheke) – Gesundheitsdaten im Online-Shop & Mitbewerber-Klage bei DSGVO-Verstößen (VO 2016/679)
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# EuGH C-21/23 (Lindenapotheke) – Gesundheitsdaten im Online-Shop & Mitbewerber-Klage bei DSGVO-Verstößen (VO 2016/679)

## Kurzantwort

Mit Urteil vom **4. Oktober 2024** (Große Kammer, Rechtssache **C-21/23 „Lindenapotheke"**, ECLI:EU:C:2024:846) hat der **Europäische Gerichtshof (EuGH)** zwei praktisch hochrelevante Fragen zur **Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO, VO 2016/679)** entschieden:

1. **Mitbewerber-Klagebefugnis:** Die DSGVO steht einer nationalen Regelung **nicht entgegen**, die **Mitbewerbern** eines mutmaßlichen Datenschutz-Verletzers das Recht gibt, den Verstoß **wettbewerbsrechtlich** vor den **Zivilgerichten** zu verfolgen – in Deutschland über das **Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)**. Das Rechtsschutzsystem der DSGVO (Kapitel VIII, Art. 77–84) ist **nicht abschließend**; nationale Klagerechte dürfen ergänzend hinzutreten.
2. **Gesundheitsdaten im Bestellprozess:** Bestelldaten, die Kundinnen und Kunden beim **Online-Kauf apothekenpflichtiger Arzneimittel** eingeben (Name, Lieferadresse, für die Individualisierung des Arzneimittels nötige Angaben), sind **Gesundheitsdaten** im Sinne des **Art. 9 Abs. 1 DSGVO** – **auch dann, wenn die Arzneimittel nicht verschreibungspflichtig sind**. Denn aus der Kombination von Identität und bestelltem Präparat lassen sich **Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand** ziehen.

Praktische Folge: Der **Online-Verkauf apothekenpflichtiger Produkte** verarbeitet **besondere Kategorien personenbezogener Daten**. Dafür braucht es eine **Ausnahme nach Art. 9 Abs. 2 DSGVO** – in der Regel die **ausdrückliche Einwilligung** (Art. 9 Abs. 2 lit. a). Fehlt sie, drohen nicht nur **Bußgelder** der Aufsichtsbehörde, sondern auch **Unterlassungs- und Abmahnrisiken durch Wettbewerber**.

Das Urteil erging auf **Vorlage des Bundesgerichtshofs (BGH)** im Rahmen des Verfahrens **I ZR 223/19** (Parallelverfahren I ZR 222/19). Der BGH hat die Verfahren nach dem EuGH-Urteil mit Entscheidung vom **27. März 2025** fortgeführt.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Gericht | Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH), **Große Kammer** |
| Aktenzeichen | **C-21/23** [curia.europa.eu, ECLI:EU:C:2024:846] |
| Urteilsdatum | **4. Oktober 2024** [EUR-Lex, CELEX:62023CJ0021] |
| Bezeichnung | „Lindenapotheke" (ND / DR) |
| Vorlegendes Gericht | **Bundesgerichtshof (BGH)**, Vorabentscheidungsersuchen [Verfahren I ZR 223/19] |
| Ausgelegte Norm | **DSGVO (VO 2016/679)**, insbes. **Art. 9 Abs. 1** und **Kapitel VIII (Art. 77–84)** |
| Kernaussage 1 | DSGVO-Rechtsschutz **nicht abschließend** → nationale **Mitbewerber-Klage** zulässig |
| Rechtsgrundlage DE | **§ 3a i. V. m. § 8 Abs. 3 UWG** (Rechtsbruch, Klagebefugnis Mitbewerber) |
| Kernaussage 2 | Bestelldaten bei **apothekenpflichtigen Arzneimitteln** = **Gesundheitsdaten (Art. 9 Abs. 1)** |
| Reichweite | gilt **auch für nicht verschreibungspflichtige**, apothekenpflichtige Produkte |
| Erforderliche Rechtsgrundlage | **Ausnahme nach Art. 9 Abs. 2 DSGVO** – i. d. R. **ausdrückliche Einwilligung** (lit. a) |
| Betroffener Nutzerkreis | Online-Apotheken, **Online-Shops mit apothekenpflichtigen/gesundheitsbezogenen Waren**, Plattform-Verkäufer (z. B. Marktplätze) |
| Sanktions-/Haftungsrisiko | **DSGVO-Bußgeld** (Art. 83) **+** wettbewerbsrechtliche **Unterlassung/Abmahnung** durch Mitbewerber |
| Bußgeldrahmen (Art. 83 Abs. 5) | bis zu **20 Mio. €** oder **4 % des weltweiten Jahresumsatzes** (der höhere Wert) |
| Bindungswirkung | EuGH-Auslegung ist für **alle mitgliedstaatlichen Gerichte** verbindlich |
| Nationale Folgeentscheidung | **BGH, 27. März 2025 – I ZR 222/19 / I ZR 223/19** (Fortführung nach EuGH) |

## Geltungsbereich / Wer ist betroffen?

Das Urteil betrifft **jeden Verantwortlichen**, der **gesundheitsbezogene Produkte online** vertreibt, insbesondere:

- **Online-Apotheken** und Versandapotheken,
- **Händler apothekenpflichtiger oder gesundheitsbezogener Waren** (auch nicht verschreibungspflichtig),
- **Plattform- und Marktplatz-Verkäufer** (im Ausgangsfall: Vertrieb über einen Online-Marktplatz),
- mittelbar **alle Shop-Betreiber**, die aus Warenkorb und Kundendaten **Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand** ermöglichen.

Zwei Schutzebenen greifen kumulativ:

- **Datenschutzrecht:** Verarbeitung besonderer Kategorien (Art. 9) erfordert eine ausdrückliche Rechtsgrundlage; Aufsichtsbehörden können Bußgelder verhängen.
- **Wettbewerbsrecht:** **Mitbewerber** (und – nach paralleler EuGH-Linie – **Verbraucherschutzverbände**) können denselben Datenschutzverstoß als **unlautere geschäftliche Handlung** (§ 3a UWG) abmahnen und auf **Unterlassung** klagen (§ 8 UWG).

## Detail 1: Mitbewerber-Klage trotz DSGVO-Rechtsschutzsystem

Der Beklagte hatte argumentiert, das in **Kapitel VIII DSGVO** (Art. 77–84) geregelte Rechtsschutz- und Sanktionssystem sei **abschließend** und verdränge nationale Klagerechte Dritter. Dem ist der EuGH **nicht** gefolgt: Die DSGVO harmonisiert die **Durchsetzung nicht vollständig**. Mitgliedstaaten dürfen **ergänzende Rechtsbehelfe** vorsehen, solange diese das **Ziel und die Wirksamkeit** der DSGVO nicht beeinträchtigen. Eine **Mitbewerber-Klage** über das UWG stärke die praktische Wirksamkeit des Datenschutzes und sei daher zulässig.

Für die deutsche Praxis bedeutet das: Ein **materieller DSGVO-Verstoß** kann als **Rechtsbruch nach § 3a UWG** verfolgt werden; **Mitbewerber** sind nach **§ 8 Abs. 3 Nr. 1 UWG** klagebefugt. Datenschutzverstöße werden damit zum **Abmahn- und Unterlassungsrisiko** – zusätzlich zum aufsichtsbehördlichen Bußgeld.

## Detail 2: Gesundheitsdaten schon bei apothekenpflichtigen Produkten

Der EuGH legt **Art. 9 Abs. 1 DSGVO** weit aus. Entscheidend ist nicht die **Verschreibungspflicht**, sondern ob sich aus den Daten ein **Bezug zum Gesundheitszustand** herstellen lässt. Bei der Bestellung eines apothekenpflichtigen Arzneimittels verbindet sich die **Identität** der Person mit einem Produkt, das **therapeutische Indikationen** nahelegt – selbst wenn das Mittel (etwa) „nur für eine andere Person" oder vorsorglich gekauft wird, genügt die **potenzielle Zuordnung**.

Folge: Für diese Verarbeitung reicht eine „normale" Rechtsgrundlage nach **Art. 6 DSGVO nicht aus**. Es muss zusätzlich eine **Ausnahme nach Art. 9 Abs. 2 DSGVO** vorliegen – im E-Commerce praktisch nur die **ausdrückliche Einwilligung** (Art. 9 Abs. 2 lit. a). Diese muss **freiwillig, informiert, unmissverständlich und ausdrücklich** sein; eine bloße AGB-Zustimmung genügt nicht.

## Häufige Fehler

- **Annahme, nur Rezept-Arzneimittel seien „Gesundheitsdaten".** Falsch – der EuGH erfasst **apothekenpflichtige, auch nicht verschreibungspflichtige** Produkte.
- **Verarbeitung nur auf Art. 6 DSGVO gestützt.** Bei Gesundheitsdaten ist zusätzlich **Art. 9 Abs. 2** nötig (i. d. R. ausdrückliche Einwilligung).
- **Einwilligung im AGB-Paket versteckt.** Art. 9 verlangt eine **ausdrückliche, gesonderte** Einwilligung.
- **DSGVO-Verstoß als „nur aufsichtsrechtliches" Risiko unterschätzt.** Seit Lindenapotheke drohen zusätzlich **Abmahnungen und Unterlassungsklagen von Mitbewerbern** (§ 3a, § 8 UWG).
- **Verwechslung mit dem Bußgeld-Verschuldensurteil.** Lindenapotheke betrifft **Klagebefugnis + Gesundheitsdaten**, nicht die Frage des Verschuldens bei Bußgeldern (dazu C-807/21 „Deutsche Wohnen").
















## Quellen

- **EuGH, Urteil vom 04.10.2024 – C-21/23 (Lindenapotheke)**, Volltext (amtlich): EUR-Lex, CELEX:62023CJ0021 – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:62023CJ0021
- **EuGH-Pressemitteilung Nr. 159/24** vom 04.10.2024 (curia.europa.eu) – https://curia.europa.eu/site/upload/docs/application/pdf/2024-10/cp240159de.pdf
- **DSGVO (VO 2016/679)**, Art. 9 und Art. 77–84 (amtlich): EUR-Lex, CELEX:32016R0679 – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016R0679
- **BGH, 04.10.2024 / Fortführung 27.03.2025 – I ZR 222/19 und I ZR 223/19** (Lindenapotheke / App-Zentrum), Nachweis via dejure.org – https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=I+ZR+223/19
- **§ 3a UWG (Rechtsbruch)** – https://dejure.org/gesetze/UWG/3a.html
- **§ 8 UWG (Beseitigung und Unterlassung; Klagebefugnis)** – https://dejure.org/gesetze/UWG/8.html

## Änderungsverlauf

- **2026-08-07:** Erstveröffentlichung der Themenseite zum EuGH-Urteil C-21/23 (Lindenapotheke); Einordnung von Mitbewerber-Klagebefugnis (UWG) und Gesundheitsdaten-Begriff (Art. 9 DSGVO). Einzelne Detailangaben (genauer Warentyp im Ausgangsverfahren, exakte BGH-Aktenzeichen der Fortführung) als `review_needed` gekennzeichnet.

## Stand

Stand: 07.08.2026. Diese Seite gibt die Rechtslage nach dem EuGH-Urteil C-21/23 vom 04.10.2024 wieder und ersetzt keine Rechtsberatung. Verbindlich sind die amtlichen Fassungen bei EUR-Lex und curia.europa.eu.
