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title: Einfaches vs. qualifiziertes Arbeitszeugnis (§ 109 GewO) – Wahlrecht, Unterschiede, Strategie 2026
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# Einfaches vs. qualifiziertes Arbeitszeugnis (§ 109 GewO) – Wahlrecht, Unterschiede, Strategie 2026

## Kurzantwort

Bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf ein **schriftliches Zeugnis** (§ 109 Abs. 1 Satz 1 GewO). Das Gesetz unterscheidet zwei Stufen: Das **einfache Zeugnis** enthält **mindestens** Angaben zu **Art und Dauer der Tätigkeit** (§ 109 Abs. 1 Satz 2 GewO) – also Personalien, Stellenbezeichnung, Aufgaben und Beschäftigungszeitraum, aber **keine Bewertung**. Der Arbeitnehmer kann darüber hinaus verlangen, dass sich das Zeugnis auch auf **Leistung und Verhalten** erstreckt – das ist das **qualifizierte Zeugnis** (§ 109 Abs. 1 Satz 3 GewO). Das **Wahlrecht** zwischen beiden Formen liegt **allein beim Arbeitnehmer**: Der Arbeitgeber darf weder ein qualifiziertes Zeugnis aufdrängen, wenn nur ein einfaches gewünscht ist, noch sich auf ein einfaches Zeugnis zurückziehen, wenn ein qualifiziertes verlangt wird. **In der Praxis ist fast immer das qualifizierte Zeugnis ratsam** – ein bloß einfaches Zeugnis nach längerer Beschäftigung wirkt auf Personaler wie ein stilles Alarmsignal, weil es den Verdacht weckt, es gebe eine Bewertung zu verbergen.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 109 GewO [gesetze-im-internet.de] |
| Anspruch entsteht bei | Beendigung des Arbeitsverhältnisses (§ 109 Abs. 1 S. 1 GewO) |
| Einfaches Zeugnis – Inhalt | Art und Dauer der Tätigkeit (§ 109 Abs. 1 S. 2 GewO) |
| Qualifiziertes Zeugnis – Inhalt | zusätzlich Leistung und Verhalten (§ 109 Abs. 1 S. 3 GewO) |
| Wahlrecht | liegt beim **Arbeitnehmer** |
| Bewertung im einfachen Zeugnis | keine – rein tatsächliche Angaben |
| Schlussformel (Dank/Bedauern) | nur im qualifizierten Zeugnis üblich; kein Anspruch |
| Form | schriftlich, Firmenpapier, eigenhändig unterschrieben (§ 109 Abs. 1 S. 4 GewO) |
| Elektronische Form | nur mit Einwilligung + QES (§ 109 Abs. 3 GewO, seit 01.01.2025) |
| Klarheits-/Wahrheitsgebot | gilt für beide Formen (§ 109 Abs. 2 GewO) |
| Geheimzeichen verboten | § 109 Abs. 2 S. 2 GewO |
| Nachträglicher Wechsel einfach → qualifiziert | möglich, solange nicht verwirkt/verjährt |
| Verjährung | 3 Jahre (§ 195 BGB); tarifl./vertragl. Ausschlussfristen beachten |
| Auszubildende | einfaches Zeugnis Pflicht, qualifiziertes auf Verlangen (§ 16 BBiG) |

## Geltungsbereich

§ 109 GewO gilt für **alle Arbeitsverhältnisse** in Deutschland – unabhängig von Betriebsgröße, Dauer oder Umfang der Beschäftigung. Auch **befristete Verträge**, **Teilzeit- und Minijobs**, **Probearbeitsverhältnisse** und **gekündigte** Arbeitsverhältnisse lösen den Zeugnisanspruch aus. Das Wahlrecht zwischen einfachem und qualifiziertem Zeugnis besteht in all diesen Fällen. Für **Auszubildende** gilt vorrangig § 16 BBiG: Hier ist der Ausbilder verpflichtet, bei Ausbildungsende **von sich aus** ein (einfaches) Zeugnis auszustellen; auf Verlangen des Auszubildenden ist es um Angaben über Verhalten, Leistung und besondere fachliche Fähigkeiten zu erweitern. **Beamte** unterliegen dem Beurteilungsrecht (BBG/LBG), nicht § 109 GewO. **Selbständige** und **freie Mitarbeiter** haben keinen Zeugnisanspruch, können aber eine **Tätigkeitsbescheinigung** verlangen, die dem einfachen Zeugnis ähnelt.

## Was gehört in welches Zeugnis?

**Einfaches Zeugnis** – rein tatsächliche, wertneutrale Angaben:

- vollständiger Name und (üblich) Geburtsdatum des Arbeitnehmers
- genaue Bezeichnung der ausgeübten Tätigkeit / Position
- **Art der Tätigkeit**: Beschreibung der übertragenen Aufgaben und Verantwortungsbereiche
- **Dauer der Tätigkeit**: Beginn und Ende des Arbeitsverhältnisses (taggenau)
- **keine** Leistungs- oder Verhaltensbewertung, **keine** Schlussformel

**Qualifiziertes Zeugnis** – alles aus dem einfachen Zeugnis **plus**:

- **Leistungsbeurteilung**: Arbeitsbefähigung, Arbeitsbereitschaft, Fachwissen, Arbeitsweise, Arbeitserfolg (mündet in die zusammenfassende Leistungsbewertung, z. B. „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit")
- **Verhaltensbeurteilung**: Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und – wo einschlägig – Kunden
- meist eine **Schlussformel** mit Dank, Bedauern und Zukunftswünschen (freiwillig, kein Anspruch – vgl. BAG, 11.12.2012 – 9 AZR 227/11)

Beide Zeugnisformen müssen **wahr** und – nach gefestigter Rechtsprechung des BAG – zugleich **wohlwollend** sein und dürfen keine versteckten Geheimzeichen enthalten (§ 109 Abs. 2 GewO). Die Wahrheitspflicht gilt uneingeschränkt auch für das einfache Zeugnis: Falsche oder unvollständige Tätigkeitsangaben sind unzulässig.

## Das Wahlrecht liegt beim Arbeitnehmer

Der Gesetzeswortlaut ist eindeutig: Das Zeugnis muss **mindestens** ein einfaches Zeugnis sein; der Arbeitnehmer **kann verlangen**, dass es zum qualifizierten Zeugnis erweitert wird (§ 109 Abs. 1 S. 2 und 3 GewO). Daraus folgt:

- Der **Arbeitgeber** darf nicht eigenmächtig ein qualifiziertes Zeugnis erteilen, wenn der Arbeitnehmer ausdrücklich nur ein **einfaches** wünscht – Leistungs- und Verhaltensbewertungen gegen den Willen des Arbeitnehmers sind ein Eingriff in dessen Persönlichkeitsrecht.
- Der Arbeitgeber darf sich umgekehrt **nicht** auf ein einfaches Zeugnis beschränken, wenn ein **qualifiziertes** verlangt wurde. Verweigert er die Bewertung, kann der Arbeitnehmer sie – notfalls per **Zeugnisklage** beim Arbeitsgericht – durchsetzen.
- Wer zunächst nur ein einfaches Zeugnis erhalten hat, kann **später** noch ein qualifiziertes nachfordern, solange der Anspruch nicht **verwirkt** oder **verjährt** (§ 195 BGB, drei Jahre) ist und keine kürzere **Ausschlussfrist** aus Arbeits- oder Tarifvertrag greift. Wegen der Verwirkungsgefahr sollte die Nachforderung **zügig** erfolgen.

## Strategie: Welches Zeugnis ist sinnvoll?

Für die weitere Karriere ist in aller Regel das **qualifizierte Zeugnis** die richtige Wahl:

- Personalverantwortliche erwarten bei jeder nennenswerten Beschäftigungsdauer ein qualifiziertes Zeugnis. Ein bloß einfaches Zeugnis erzeugt den **stillen Verdacht**, die Bewertung falle schlecht aus und werde deshalb weggelassen.
- Nur das qualifizierte Zeugnis dokumentiert **Leistung und Verhalten** und ist damit für die Bewerbung aussagekräftig.

Ein **einfaches Zeugnis** kann ausnahmsweise die bessere Wahl sein, wenn

- das Arbeitsverhältnis nur **sehr kurz** bestand (wenige Wochen), sodass eine belastbare Bewertung ohnehin kaum möglich ist, oder
- das Verhältnis stark **zerrüttet** war und ein realistisch **schlechtes** qualifiziertes Zeugnis droht – dann kann ein wertneutrales einfaches Zeugnis das kleinere Übel sein.

Wichtig: Der Arbeitnehmer sollte **aktiv** angeben, welche Zeugnisform er wünscht. Fehlt eine ausdrückliche Wahl, stellen Arbeitgeber in der Praxis meist ein qualifiziertes Zeugnis aus – rechtlich geschuldet ist im Zweifel jedoch zunächst nur das einfache Zeugnis.

## Häufige Fehler

- **„Ich bekomme automatisch ein qualifiziertes Zeugnis."** Nicht zwingend – geschuldet ist zunächst das einfache Zeugnis. Das qualifizierte muss man **verlangen** (§ 109 Abs. 1 S. 3 GewO).
- **„Ein einfaches Zeugnis ist neutral und schadet nicht."** In der Praxis oft doch – ein einfaches Zeugnis nach längerer Beschäftigung wird von Personalern häufig **negativ** gedeutet.
- **„Der Arbeitgeber entscheidet, welches Zeugnis ich erhalte."** Falsch – das **Wahlrecht liegt beim Arbeitnehmer**; der Arbeitgeber muss dem Wunsch folgen.
- **„Im einfachen Zeugnis darf der Arbeitgeber kurze Wertungen einbauen."** Falsch – das einfache Zeugnis ist auf **tatsächliche Angaben** beschränkt; verdeckte Wertungen sind unzulässig.
- **„Ein einmal gewähltes einfaches Zeugnis kann ich nicht mehr ändern."** Differenziert – ein Wechsel zum qualifizierten Zeugnis bleibt möglich, solange der Anspruch nicht **verjährt/verwirkt** ist.
- **„Für Auszubildende gilt dasselbe Wahlrecht."** Differenziert – hier greift vorrangig **§ 16 BBiG**: Das (einfache) Zeugnis ist Pflicht, die qualifizierte Erweiterung erfolgt auf Verlangen.











## Quellen

- § 109 GewO – Zeugnis: https://www.gesetze-im-internet.de/gewo/__109.html
- § 16 BBiG – Zeugnis für Auszubildende: https://www.gesetze-im-internet.de/bbig_2005/__16.html
- § 195 BGB – Regelmäßige Verjährungsfrist: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__195.html
- § 126a BGB – Elektronische Form: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__126a.html
- BAG, Urteil vom 11.12.2012 – 9 AZR 227/11 (kein Anspruch auf Schlussformel): https://www.bundesarbeitsgericht.de/
- BMAS – Arbeitsrecht/Arbeitszeugnis: https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/arbeitsrecht.html

## Änderungsverlauf

- 2026-08-08: Erstveröffentlichung. Wortlaut § 109 Abs. 1 GewO (einfaches/qualifiziertes Zeugnis) gegen gesetze-im-internet.de verifiziert. Wahlrecht des Arbeitnehmers, Inhaltsabgrenzung, nachträglicher Wechsel und Strategie dokumentiert. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-08-08
- Gültig ab: 2003-01-01 (§ 109 GewO heutige Fassung)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (GewO, BBiG, BGB, BAG)
- Lizenz: CC BY 4.0
