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title: Zwischenzeugnis – Anspruch, berechtigtes Interesse und Bindungswirkung
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last_reviewed: 2026-07-04
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# Zwischenzeugnis – Anspruch, berechtigtes Interesse und Bindungswirkung

## Kurzantwort

Ein **Zwischenzeugnis** ist ein Arbeitszeugnis, das **während des laufenden Arbeitsverhältnisses** ausgestellt wird. § 109 GewO regelt nur das **Endzeugnis** bei Beendigung; einen unmittelbaren gesetzlichen Anspruch auf ein Zwischenzeugnis enthält die Vorschrift nicht. Der Anspruch folgt vielmehr aus der **Rücksichtnahme- und Fürsorgepflicht** des Arbeitgebers (§ 241 Abs. 2 BGB) und setzt ein **berechtigtes (triftiges) Interesse** des Arbeitnehmers voraus (LAG Hamm, 07.07.2006 – 10 Sa 332/06). Ein solches Interesse wird bei **wesentlichen Änderungen** im Arbeitsverhältnis angenommen – etwa **Vorgesetztenwechsel**, **Betriebsübergang** (§ 613a BGB), **Umstrukturierung**, bevorstehende **Elternzeit**, **interne oder externe Bewerbung** oder eine drohende Kündigung. Inhaltlich gelten dieselben Maßstäbe wie beim Endzeugnis: **wahr und wohlwollend**. Entscheidend: Ein qualifiziertes Zwischenzeugnis entfaltet **Bindungswirkung** – das spätere Endzeugnis darf ohne neue, belegbare Gründe **nicht schlechter** ausfallen (BAG, 06.06.2023 – 9 AZR 272/22).

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage Endzeugnis | § 109 GewO [gesetze-im-internet.de] |
| Rechtsgrundlage Zwischenzeugnis | § 241 Abs. 2 BGB (Rücksichtnahmepflicht) [LAG Hamm 10 Sa 332/06] |
| Voraussetzung | Berechtigtes / triftiges Interesse des Arbeitnehmers |
| Typische Anlässe | Vorgesetztenwechsel, Betriebsübergang (§ 613a BGB), Umstrukturierung, Elternzeit, interne/externe Bewerbung, drohende Kündigung |
| Form | Schriftlich, Firmenpapier, Unterschrift Arbeitgeber |
| Elektronische Form | Ausgeschlossen (§ 109 Abs. 3 GewO, analog) |
| Inhaltsmaßstab | Wahr und wohlwollend (§ 109 Abs. 2 GewO, analog) |
| Bindungswirkung | Endzeugnis darf ohne neue Gründe nicht schlechter sein [BAG 9 AZR 272/22] |
| Reichweite Bindung | Je kürzer der Abstand, desto stärker die Bindung |
| Verschlechterung wegen Änderungswunsch | Verboten (Maßregelungsverbot § 612a BGB) [BAG 9 AZR 272/22] |
| Anspruch bei Ausbildung | § 16 BBiG (Zwischenzeugnis analog bei berechtigtem Interesse) |
| Durchsetzung | Aufforderung mit Frist → Klage beim Arbeitsgericht |

## Geltungsbereich

Der Zwischenzeugnisanspruch besteht in **allen Arbeitsverhältnissen** in Deutschland, sofern ein berechtigtes Interesse vorliegt – unabhängig von Betriebsgröße oder Beschäftigungsdauer. Er gilt auch in **befristeten Verhältnissen**, in der **Probezeit** und bei **Minijobs**. **Auszubildende** können sich auf § 16 BBiG i.V.m. § 241 Abs. 2 BGB stützen. Für **Beamte** gelten stattdessen dienstrechtliche Beurteilungsregeln. **Freie Mitarbeiter** und **Selbständige** haben keinen Zeugnisanspruch, können aber eine **Tätigkeitsbescheinigung** verlangen. Ein tarifvertraglicher oder arbeitsvertraglicher Anspruch kann weiter reichen als der gesetzliche Mindeststandard und ist vorrangig zu prüfen.

## Berechtigtes Interesse — wann der Anspruch entsteht

Ein Zwischenzeugnis muss ausgestellt werden, wenn der Arbeitnehmer einen **triftigen Grund** darlegt. Anerkannt sind insbesondere:

- **Wechsel des Vorgesetzten** — der bisherige Beurteiler steht später nicht mehr zur Verfügung.
- **Betriebsübergang** nach § 613a BGB, **Fusion**, **Umstrukturierung** oder **Massenentlassung**.
- **Eigene Bewerbung** — intern auf eine andere Stelle oder extern bei einem anderen Arbeitgeber.
- **Längere Unterbrechung** — Elternzeit, Pflegezeit, Sabbatical, längere Erkrankung.
- **Drohende Kündigung** oder eingeleitetes Kündigungsverfahren.
- **Versetzung** in eine andere Abteilung oder wesentliche Änderung des Aufgabengebiets.

Bei einem solchen Anlass wird das berechtigte Interesse regelmäßig **vermutet** (LAG Köln, 02.02.2000 – 3 Sa 1296/99). Ohne konkreten Anlass — allein „zur Sicherheit" — besteht dagegen kein durchsetzbarer Anspruch; der Arbeitgeber kann die Ausstellung dann verweigern.

## Bindungswirkung — der eigentliche Wert des Zwischenzeugnisses

Der praktisch wichtigste Effekt: Ein **qualifiziertes Zwischenzeugnis bindet** den Arbeitgeber. Hat er Leistung und Verhalten einmal mit einer bestimmten Note bewertet, darf er im späteren **Endzeugnis nicht ohne Weiteres schlechter** urteilen. Eine Verschlechterung ist nur zulässig, wenn er **konkrete Tatsachen** oder eine **nachweisbare Leistungsänderung** aus der Zeit **nach** Ausstellung des Zwischenzeugnisses belegt (BAG, 06.06.2023 – 9 AZR 272/22; Grundsatz von Treu und Glauben, § 242 BGB). Je **kürzer** der Zeitraum zwischen Zwischen- und Endzeugnis, desto **stärker** die Bindung.

Zusätzlich schützt das **Maßregelungsverbot** (§ 612a BGB): Der Arbeitgeber darf ein Zeugnis nicht deshalb verschlechtern oder eine bereits enthaltene Dank- und Schlussformel streichen, weil der Arbeitnehmer zuvor eine Berichtigung verlangt hat (BAG, 06.06.2023 – 9 AZR 272/22). Für Arbeitnehmer ist das Zwischenzeugnis damit ein **Absicherungsinstrument** vor einem Betriebs- oder Vorgesetztenwechsel.

## Häufige Fehler

- **„§ 109 GewO gibt mir direkt Anspruch auf ein Zwischenzeugnis."** Falsch — die Norm regelt nur das Endzeugnis. Der Zwischenzeugnisanspruch folgt aus § 241 Abs. 2 BGB und setzt ein berechtigtes Interesse voraus.
- **„Ich bekomme jederzeit ohne Grund ein Zwischenzeugnis."** Falsch — ohne triftigen Anlass (Vorgesetztenwechsel, Bewerbung, Umstrukturierung etc.) besteht kein durchsetzbarer Anspruch.
- **„Das Zwischenzeugnis hat keine Bedeutung fürs Endzeugnis."** Falsch — es entfaltet Bindungswirkung; das Endzeugnis darf ohne neue, belegbare Gründe nicht schlechter ausfallen (BAG 9 AZR 272/22).
- **„Ein Zwischenzeugnis kann elektronisch erteilt werden."** Falsch — die elektronische Form ist ausgeschlossen (§ 109 Abs. 3 GewO analog); erforderlich ist ein unterschriebenes Papierzeugnis.
- **„Der Arbeitgeber darf mein Zeugnis verschlechtern, wenn ich Korrekturen verlange."** Falsch — das verstößt gegen das Maßregelungsverbot (§ 612a BGB).

## Quellen

- § 109 GewO – Arbeitszeugnis: https://www.gesetze-im-internet.de/gewo/__109.html
- § 241 BGB – Pflichten aus dem Schuldverhältnis (Rücksichtnahmepflicht): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__241.html
- § 613a BGB – Rechte und Pflichten bei Betriebsübergang: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__613a.html
- § 612a BGB – Maßregelungsverbot: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__612a.html
- § 16 BBiG – Zeugnis für Auszubildende: https://www.gesetze-im-internet.de/bbig_2005/__16.html
- BAG, Urteil vom 06.06.2023 – 9 AZR 272/22 (Bindungswirkung, Maßregelungsverbot): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/9-azr-272-22/
- LAG Hamm, Urteil vom 07.07.2006 – 10 Sa 332/06 (Anspruchsgrundlage § 241 Abs. 2 BGB): https://www.justiz.nrw.de/
- LAG Köln, Urteil vom 02.02.2000 – 3 Sa 1296/99 (berechtigtes Interesse): https://www.justiz.nrw.de/

## Änderungsverlauf

- 2026-07-04: Erstveröffentlichung. Anspruchsgrundlage § 241 Abs. 2 BGB, Bindungswirkung BAG 9 AZR 272/22 (06.06.2023) und Maßregelungsverbot § 612a BGB verifiziert. Abgrenzung zum Endzeugnis (§ 109 GewO) dokumentiert. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-07-04
- Gültig ab: 2003-01-01 (§ 109 GewO heutige Fassung)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (GewO, BGB, BBiG, BAG)
- Lizenz: CC BY 4.0
