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title: Pflichtteilsentziehung (§§ 2333–2337 BGB) – Gründe, Form, Verzeihung, Abgrenzung zur Enterbung
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# Pflichtteilsentziehung (§§ 2333–2337 BGB) – Gründe, Form, Verzeihung, Abgrenzung zur Enterbung

## Kurzantwort

Der **Pflichtteil** (§ 2303 BGB) sichert nahen Angehörigen selbst dann eine Mindestbeteiligung am Nachlass, wenn der Erblasser sie durch Testament von der Erbfolge ausschließt (**Enterbung**, § 1938 BGB). Diesen Pflichtteil kann der Erblasser einem Berechtigten **nur ausnahmsweise vollständig entziehen** – und zwar allein aus den **abschließend im Gesetz aufgezählten Gründen** des **§ 2333 BGB** (z. B. wenn der Berechtigte dem Erblasser oder einer nahestehenden Person **nach dem Leben trachtet**, sich eines **Verbrechens oder schweren vorsätzlichen Vergehens** gegen sie schuldig macht, die **gesetzliche Unterhaltspflicht böswillig verletzt** oder wegen einer vorsätzlichen Straftat zu **mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung** rechtskräftig verurteilt wird und die Teilhabe am Nachlass deshalb unzumutbar ist). Die Entziehung muss in einer **letztwilligen Verfügung** (Testament oder Erbvertrag) angeordnet werden, und der **Grund muss darin konkret angegeben** sein (§ 2336 BGB). Hat der Erblasser dem Berechtigten die Verfehlung **verziehen**, ist eine Pflichtteilsentziehung ausgeschlossen bzw. eine bereits getroffene Anordnung unwirksam (§ 2337 BGB). Seit der **Erbrechtsreform zum 1. Januar 2010** gelten für Abkömmlinge, Eltern und Ehegatten/Lebenspartner **einheitliche** Entziehungsgründe; die früheren Sondervorschriften §§ 2334, 2335 BGB sind **weggefallen**.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | §§ 2333–2337 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Was wird entzogen | der **Pflichtteil** selbst (Geldanspruch), nicht nur die Erbenstellung |
| Grund 1 – Nachstellung nach dem Leben | Berechtigter trachtet Erblasser, dessen Ehegatten/Lebenspartner, einem Abkömmling oder ähnlich nahestehender Person **nach dem Leben** (§ 2333 Abs. 1 Nr. 1 BGB) |
| Grund 2 – schwere Straftat gegen Nahestehende | **Verbrechen oder schweres vorsätzliches Vergehen** gegen eine dieser Personen (§ 2333 Abs. 1 Nr. 2 BGB) |
| Grund 3 – Unterhaltspflichtverletzung | **böswillige Verletzung** der gesetzlich obliegenden **Unterhaltspflicht** gegenüber dem Erblasser (§ 2333 Abs. 1 Nr. 3 BGB) |
| Grund 4 – Verurteilung/Unterbringung | rechtskräftige Verurteilung zu **≥ 1 Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung** wegen vorsätzlicher Straftat (oder Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus/Entziehungsanstalt wegen einer solchen Tat), wenn die **Teilhabe am Nachlass unzumutbar** ist (§ 2333 Abs. 1 Nr. 4 BGB) |
| Geltung für Eltern/Ehegatten | Abs. 1 gilt **entsprechend** für Entziehung des Eltern- oder Ehegatten-Pflichtteils (§ 2333 Abs. 2 BGB) |
| Form | Anordnung nur durch **letztwillige Verfügung** (Testament/Erbvertrag); der **Grund muss angegeben** werden (§ 2336 Abs. 1, 2 BGB) |
| Zeitpunkt des Grundes | der Entziehungsgrund muss **zur Zeit der Errichtung** der Verfügung **bestehen** (bei Nr. 4: Tat begangen, Unzumutbarkeit gegeben) (§ 2336 Abs. 2 BGB) |
| Beweislast | trägt, wer die **Entziehung geltend macht** (§ 2336 Abs. 3 BGB) |
| Verzeihung | das Recht zur Entziehung **erlischt durch Verzeihung**; eine bereits getroffene Anordnung wird dadurch **unwirksam** (§ 2337 BGB) |
| Abgrenzung Enterbung | **Enterbung** (§ 1938 BGB) schließt nur von der gesetzlichen Erbfolge aus – der Pflichtteil bleibt; die **Entziehung** nimmt zusätzlich den Pflichtteil |
| Teilweise wirksam | scheitert die Entziehung (kein/kein nachweisbarer Grund), bleibt der Pflichtteilsanspruch bestehen |
| Rechtsänderung | einheitliche Gründe seit **01.01.2010** (Erbrechtsreform); §§ 2334, 2335 BGB a. F. **weggefallen** |

## Wozu dient die Pflichtteilsentziehung?

Das deutsche Erbrecht schützt die **Testierfreiheit** des Erblassers: Er kann grundsätzlich frei bestimmen, wer sein Vermögen erhält, und einen nahen Angehörigen von der Erbfolge **ausschließen** (Enterbung, § 1938 BGB). Dieser Freiheit sind aber Grenzen gesetzt. Abkömmlinge, Ehegatte/Lebenspartner und – bei kinderlosem Erblasser – die Eltern haben nach § 2303 BGB Anspruch auf den **Pflichtteil** in Höhe des **halben gesetzlichen Erbteils**. Der Pflichtteil ist verfassungsrechtlich geschützt: Das Bundesverfassungsgericht hat die **grundsätzlich unentziehbare, bedarfsunabhängige Mindestteilhabe** der Kinder am Nachlass ihrer Eltern als von der Erbrechtsgarantie (Art. 14 Abs. 1 GG) umfasst anerkannt (BVerfG, Beschluss vom 19.04.2005 – 1 BvR 1644/00, 1 BvR 188/03).

Die **Pflichtteilsentziehung** ist deshalb die **eng begrenzte Ausnahme** von dieser Mindestteilhabe. Sie greift nur bei besonders schweren Verfehlungen des Berechtigten gegen den Erblasser oder ihm nahestehende Personen. Die Gründe des § 2333 BGB sind **abschließend** (numerus clausus) – bloßer Kontaktabbruch, Undankbarkeit, ein zerrüttetes Verhältnis oder abweichende Lebensführung genügen **nicht**. Wegen des Ausnahmecharakters werden die Voraussetzungen von den Gerichten **streng** ausgelegt.

## Die Entziehungsgründe im Einzelnen (§ 2333 BGB)

**Nr. 1 – Nach dem Leben trachten.** Erfasst ist, wer dem Erblasser, dessen Ehegatten oder Lebenspartner, einem anderen Abkömmling oder einer dem Erblasser **ähnlich nahestehenden Person** nach dem Leben trachtet – also einen Tötungsversuch oder eine vergleichbare Lebensgefährdung begeht. Der Kreis der geschützten Personen wurde mit der Reform 2010 über die Familie hinaus auf **nahestehende Personen** (z. B. Lebensgefährten, Stief- oder Pflegekinder) erweitert.

**Nr. 2 – Verbrechen oder schweres vorsätzliches Vergehen.** Ein **Verbrechen** (Straftat mit Mindeststrafe von einem Jahr, § 12 StGB) oder ein **schweres vorsätzliches Vergehen** gegen eine der in Nr. 1 genannten Personen. Ob ein Vergehen „schwer" ist, richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls (z. B. schwere Körperverletzung, Sexualdelikte, gravierende Eigentums- oder Vermögensdelikte).

**Nr. 3 – Böswillige Unterhaltspflichtverletzung.** Der Berechtigte verletzt die ihm dem **Erblasser gegenüber** gesetzlich obliegende **Unterhaltspflicht böswillig**. Erforderlich ist nicht nur objektives Nichtzahlen, sondern ein **böswilliges** Verhalten – der Berechtigte muss sich der Pflicht bewusst und vorwerfbar entziehen.

**Nr. 4 – Freiheitsstrafe oder Unterbringung.** Neu seit 2010: Wird der Berechtigte wegen einer **vorsätzlichen Straftat** rechtskräftig zu einer **Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung** verurteilt und ist deshalb die **Teilhabe am Nachlass für den Erblasser unzumutbar**, kann der Pflichtteil entzogen werden. Gleiches gilt bei **Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt** wegen einer ähnlich schweren vorsätzlichen Tat. Die Tat muss sich hier **nicht** gegen den Erblasser oder Nahestehende richten – entscheidend ist die **Unzumutbarkeit** der Teilhabe.

Nach **§ 2333 Abs. 2 BGB** gelten diese Gründe **entsprechend** für die Entziehung des **Eltern**- und des **Ehegatten**-Pflichtteils. Die vor 2010 geltenden Sonderregeln §§ 2334 (Abkömmlinge), 2335 (Ehegatte) BGB sind entfallen.

## Form und Beweislast (§ 2336 BGB)

Die Pflichtteilsentziehung ist eine **letztwillige Anordnung**: Sie muss in einem **Testament oder Erbvertrag** getroffen werden (§ 2336 Abs. 1 BGB). Der **Grund der Entziehung muss in der Verfügung angegeben** sein (§ 2336 Abs. 2 S. 1 BGB) – eine pauschale Entziehung „aus wichtigem Grund" reicht nicht; der Sachverhalt ist so konkret zu schildern, dass er identifizierbar und überprüfbar ist. Bei der Entziehung nach **Nr. 4** muss zur Zeit der Errichtung die **Tat begangen** und der Grund für die Unzumutbarkeit **gegeben** sein; beides ist in der Verfügung anzugeben (§ 2336 Abs. 2 S. 2 BGB).

Die **Beweislast** für das Vorliegen des Entziehungsgrundes trägt derjenige, der sich auf die Entziehung beruft – regelmäßig der **begünstigte Erbe** (§ 2336 Abs. 3 BGB). Lässt sich der angegebene Grund im Streitfall nicht nachweisen, bleibt der **Pflichtteilsanspruch bestehen**.

## Verzeihung (§ 2337 BGB)

Hat der Erblasser dem Berechtigten die Verfehlung **verziehen**, so **erlischt das Recht zur Entziehung** des Pflichtteils. Eine bereits errichtete Verfügung, mit der die Entziehung angeordnet wurde, wird durch die Verzeihung **unwirksam** (§ 2337 BGB). Die **Verzeihung** ist ein **Realakt** – sie ist an keine Form gebunden und setzt keine Willenserklärung voraus. Sie liegt vor, wenn der Erblasser durch sein Verhalten zum Ausdruck bringt, dass er die durch die Verfehlung verursachte Kränkung nicht mehr als solche empfindet und die Angelegenheit als **erledigt** betrachtet. Auf eine Verzeihung folgt keine „automatische" Wiederherstellung durch neues Testament – sie wirkt kraft Gesetzes.

## Abgrenzung: Entziehung, Enterbung, Unwürdigkeit

- **Enterbung (§ 1938 BGB):** Der Erblasser schließt einen gesetzlichen Erben von der **Erbfolge** aus, ohne ihm etwas zuzuwenden. Der **Pflichtteil bleibt** dem Enterbten jedoch erhalten. Die Enterbung braucht **keinen Grund**.
- **Pflichtteilsentziehung (§ 2333 BGB):** Geht **darüber hinaus** und nimmt dem Berechtigten **auch den Pflichtteil**. Sie ist nur aus den gesetzlichen Gründen und mit Grundangabe möglich.
- **Erbunwürdigkeit (§§ 2339 ff. BGB):** Wirkt **nicht** durch Testament, sondern muss nach dem Erbfall durch **Anfechtung** geltend gemacht werden; erfasst ähnlich schwere Verfehlungen (z. B. Tötung des Erblassers, Testamentsfälschung) und kann auch den Pflichtteil entfallen lassen (§ 2345 BGB).
- **Pflichtteilsbeschränkung in guter Absicht (§ 2338 BGB):** Bei überschuldeten oder verschwenderischen Abkömmlingen kann der Pflichtteil zum Schutz der Abkömmlinge und ihrer Nachkommen **beschränkt** (nicht entzogen) werden.

## Häufige Fehler

- **„Kontaktabbruch reicht für die Entziehung."** Falsch – jahrelanger Kontaktabbruch, Undankbarkeit oder ein zerrüttetes Verhältnis sind **keine** Entziehungsgründe. § 2333 BGB zählt die Gründe **abschließend** auf.
- **„Enterben genügt, um den Pflichtteil loszuwerden."** Nein – die **Enterbung** (§ 1938 BGB) lässt den **Pflichtteil unberührt**. Nur die **Entziehung** (§ 2333 BGB) nimmt auch den Pflichtteil.
- **„Der Grund muss nicht ins Testament."** Falsch – der Entziehungsgrund muss in der letztwilligen Verfügung **konkret angegeben** werden (§ 2336 Abs. 2 BGB), sonst ist die Entziehung unwirksam.
- **„Verzeihung muss schriftlich erfolgen."** Nein – die **Verzeihung** ist ein formloser **Realakt** (§ 2337 BGB); sie kann sich aus dem Verhalten des Erblassers ergeben.
- **„Für Ehegatten gelten andere Gründe."** Nicht mehr – seit 2010 gelten über § 2333 Abs. 2 BGB **einheitliche** Gründe; §§ 2334, 2335 BGB a. F. sind **weggefallen**.
- **„Die begünstigten Erben müssen nichts beweisen."** Falsch – die **Beweislast** für den Entziehungsgrund trägt, wer sich auf die Entziehung beruft (§ 2336 Abs. 3 BGB).

## Quellen

- § 2333 BGB – Entziehung des Pflichtteils: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2333.html
- § 2336 BGB – Form, Beweislast, Unwirksamwerden: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2336.html
- § 2337 BGB – Verzeihung: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2337.html
- § 2303 BGB – Pflichtteilsberechtigte; Höhe des Pflichtteils: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2303.html
- § 1938 BGB – Ausschließung von der Erbfolge (Enterbung): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1938.html
- § 2338 BGB – Pflichtteilsbeschränkung in guter Absicht: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2338.html
- §§ 2339, 2345 BGB – Erbunwürdigkeit / Pflichtteilsunwürdigkeit: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2339.html
- § 2333 BGB (dejure.org, mit Rechtsprechungsnachweisen): https://dejure.org/gesetze/BGB/2333.html
- BVerfG, Beschluss vom 19.04.2005 – 1 BvR 1644/00, 1 BvR 188/03 (verfassungsrechtlicher Schutz des Kinder-Pflichtteils): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerfG&Datum=19.04.2005&Aktenzeichen=1%20BvR%201644/00
- Gesetz zur Änderung des Erb- und Verjährungsrechts vom 24.09.2009 (einheitliche Entziehungsgründe seit 01.01.2010), BGBl. I 2009 S. 3142: https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl109s3142.pdf
