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title: "Sittenwidriges Testament (§ 138 Abs. 1 BGB) – Geliebtentestament, Besuchs- und Heiratsklauseln, Behindertentestament, Teilnichtigkeit (§ 2085 BGB)"
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# Sittenwidriges Testament (§ 138 Abs. 1 BGB) – Geliebtentestament, Besuchs- und Heiratsklauseln, Behindertentestament, Teilnichtigkeit (§ 2085 BGB)

## Kurzantwort

Ein Testament ist ein Rechtsgeschäft. Verstößt es gegen die guten Sitten, ist es nach **§ 138 Abs. 1 BGB nichtig**. Die Gerichte nehmen das aber nur **sehr zurückhaltend** an, weil die **Testierfreiheit** durch die Erbrechtsgarantie (Art. 14 Abs. 1 GG) geschützt ist: Wer andere Personen bevorzugt, Angehörige übergeht oder „ungerecht“ verteilt, handelt nicht sittenwidrig – den Schutz der nächsten Angehörigen übernimmt das **Pflichtteilsrecht** (§§ 2303 ff. BGB). Sittenwidrig ist eine Verfügung nach der Rechtsprechung erst, wenn ihr **Gesamtcharakter** aus Inhalt, Beweggrund und Zweck gegen die Sittenordnung verstößt. Das klassische Beispiel – das **„Geliebtentestament“** – ist seit **BGH, 31.03.1970 – III ZB 23/68 (BGHZ 53, 369)** nur noch dann nichtig, wenn die Zuwendung **ausschließlich** die geschlechtliche Hingabe entlohnen oder die Beziehung fortsetzen soll; die Sittenwidrigkeit muss beweisen, wer sich darauf beruft. Heute geht es in der Praxis vor allem um **Bedingungen**, die den Erben in seinem höchstpersönlichen Lebensbereich unter Druck setzen (Besuchspflicht, Kontakt- oder Hausverbot, Heirats- und Scheidungsklauseln). Ist nur eine Bedingung oder Anordnung sittenwidrig, bleibt der Rest des Testaments nach **§ 2085 BGB** im Zweifel wirksam.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig [§ 138 Abs. 1 BGB] |
| Gilt auch für Verfügungen von Todes wegen | Testament, gemeinschaftliches Testament, Erbvertrag, einzelne Erbeinsetzungen, Vermächtnisse, Auflagen und Bedingungen |
| Verfassungsrechtlicher Rahmen | Testierfreiheit als Teil der Erbrechtsgarantie [Art. 14 Abs. 1 GG] |
| Prüfungsmaßstab | Gesamtcharakter aus Inhalt, Beweggrund und Zweck der Verfügung [BGH, 31.03.1970 – III ZB 23/68, BGHZ 53, 369] |
| Geliebtentestament | nur sittenwidrig, wenn die Zuwendung ausschließlich Entgelt für sexuelle Hingabe ist oder die Beziehung herbeiführen/festigen soll [BGHZ 53, 369] |
| Beweislast | trägt, wer sich auf die Sittenwidrigkeit beruft; keine Vermutung zulasten der Bedachten [BGHZ 53, 369] |
| Übergehen von Angehörigen | allein nicht sittenwidrig; Schutz über den Pflichtteil [§§ 2303 ff. BGB] |
| Besuchspflicht als Bedingung | sittenwidrig und nichtig; Enkel blieben dennoch Miterben [OLG Frankfurt, 05.02.2019 – 20 W 98/18] |
| Hausverbot für Lebensgefährten der Erbin | sittenwidrige Bedingung [OLG Hamm – 10 U 58/21, Hinweisbeschluss, Pressemitteilung 19.07.2023] |
| Ebenbürtigkeits-/Heiratsklausel | nicht per se nichtig; Gerichte müssen den Druck auf die Eheschließungsfreiheit (Art. 6 Abs. 1 GG) gegen die Testierfreiheit abwägen [BVerfG, 22.03.2004 – 1 BvR 2248/01] |
| Behindertentestament | grundsätzlich nicht sittenwidrig, auch wenn der Sozialhilfeträger keinen Zugriff erhält [BGH, 20.10.1993 – IV ZR 231/92, BGHZ 123, 368] |
| Pflichtteilsverzicht eines behinderten Sozialleistungsbeziehers | grundsätzlich nicht sittenwidrig [BGH, 19.01.2011 – IV ZR 7/10, BGHZ 188, 96] |
| Teilnichtigkeit | Unwirksamkeit einer von mehreren Verfügungen erfasst die übrigen nur, wenn der Erblasser sie ohne die unwirksame nicht getroffen hätte [§ 2085 BGB] |
| Abgrenzung gesetzliches Verbot | Nichtigkeit nach § 134 BGB, z. B. Zuwendungsverbote des Landesheimrechts |

## Geltungsbereich

§ 138 Abs. 1 BGB gilt für **alle Verfügungen von Todes wegen** – vom handschriftlichen Einzeltestament (§ 2247 BGB) über das gemeinschaftliche Testament (§§ 2265 ff. BGB) bis zum Erbvertrag (§§ 2274 ff. BGB). Geprüft werden kann die ganze Verfügung, aber auch eine **einzelne Anordnung**: eine Erbeinsetzung, ein Vermächtnis, eine Auflage oder eine Bedingung (§§ 2074, 2075 BGB).

**Wucher** im Sinne des § 138 Abs. 2 BGB spielt bei Testamenten praktisch keine Rolle, weil die letztwillige Verfügung keine Gegenleistung vorsieht. Maßgeblich ist Abs. 1.

Die Frage taucht typischerweise im **Erbscheinsverfahren** (§ 2353 BGB, § 352 FamFG) auf, wenn ein übergangener Angehöriger geltend macht, das Testament sei nichtig und es gelte die gesetzliche Erbfolge (§§ 1924 ff. BGB). Sie kann auch in einer **Feststellungsklage** vor dem Zivilgericht geklärt werden.

## Fallgruppen

### 1. „Geliebtentestament“

Früher galt die Zuwendung an eine außereheliche Partnerin meist als sittenwidrig. Mit **BGHZ 53, 369** hat der BGH das grundlegend eingeschränkt:

- Will der Erblasser mit der Zuwendung **die geschlechtliche Hingabe entlohnen** oder die Partnerin **zur Fortsetzung der Beziehung bestimmen**, ist die Verfügung in aller Regel nichtig.
- Trägt die Verfügung **nicht ausschließlich** diesen Entgeltcharakter – etwa weil sie Dank für Beistand, Versorgung oder gemeinsames Leben ausdrückt –, reicht die sexuelle Beziehung allein für die Sittenwidrigkeit nicht aus.
- Es gelten die **allgemeinen Beweisregeln**: Wer die Nichtigkeit behauptet, muss die Tatsachen beweisen.

Im entschiedenen Fall hatte der Erblasser seine Lebensgefährtin seit Jahrzehnten als Alleinerbin eingesetzt und die getrennt lebende Ehefrau ausgeschlossen; das Landgericht hatte das Testament insoweit für nichtig gehalten. Der BGH hob diese Sichtweise auf und verlangte eine Gesamtwürdigung.

### 2. Bedingungen, die das Privatleben steuern

Der Erblasser darf Zuwendungen an Bedingungen knüpfen (§ 2074 BGB). Sittenwidrig wird eine Bedingung, wenn sie den Bedachten durch den **wirtschaftlichen Anreiz unzumutbar unter Druck** setzt, sich in einem **höchstpersönlichen Bereich** in bestimmter Weise zu verhalten.

- **Besuchspflicht:** Ein Großvater machte die Erbenstellung seiner Enkel davon abhängig, dass sie ihn regelmäßig besuchen. Das OLG Frankfurt (05.02.2019 – 20 W 98/18) sah darin eine sittenwidrige Verknüpfung. Ergebnis: Die Bedingung entfiel, die Enkel wurden nach dem hypothetischen Willen des Erblassers trotzdem Miterben.
- **Hausverbot:** Eine Erblasserin knüpfte das Erbe ihrer Tochter daran, dass deren Lebensgefährte das Haus nicht betritt. Das OLG Hamm (10 U 58/21) wertete diese Bedingung als sittenwidrig; die Berufung wurde nach dem Hinweisbeschluss zurückgenommen. Zulässig bleiben Anordnungen, die nur die **Verwendung des Nachlassgegenstands** regeln (im Fall: ein Verkaufsverbot an den Partner, das nicht angegriffen war).
- **Heirats-, Ebenbürtigkeits- und Religionsklauseln:** Sie sind nicht automatisch nichtig. Im Hohenzollern-Fall hob das BVerfG (22.03.2004 – 1 BvR 2248/01) die Entscheidungen von BGH und OLG auf, weil die Gerichte den Einfluss der Klausel auf die **Eheschließungsfreiheit** nicht ausreichend gewürdigt hatten. Entscheidend sind Umfang des Drucks, Höhe der Zuwendung und Lebensumstände des Bedachten.

### 3. Verfügungen zulasten der Allgemeinheit

Das **Behindertentestament** (Vor- und Nacherbschaft plus Dauertestamentsvollstreckung) soll den Nachlass vor dem Zugriff des Sozialhilfeträgers schützen. Der BGH hält das für eine sittlich anzuerkennende Sorge der Eltern und **nicht für sittenwidrig** (BGHZ 123, 368). Dasselbe gilt grundsätzlich für den **Pflichtteilsverzicht** des behinderten Kindes (BGH IV ZR 7/10). Details: siehe Seite *Behindertentestament*.

### 4. Was nicht genügt

- Ein Kind, der Ehegatte oder die Eltern werden **enterbt** (§ 1938 BGB) – Ausgleich über den Pflichtteil.
- Ein Erbe wird **ungleich** gegenüber Geschwistern bedacht.
- Der Erblasser setzt **Fremde, Pflegepersonen oder Vereine** ein (Ausnahme: gesetzliche Verbote, z. B. Landesheimrecht → § 134 BGB).
- Die Motive erscheinen **unvernünftig** oder kränkend.

## Rechtsfolgen

- **Nichtigkeit von Anfang an**: Die sittenwidrige Verfügung entfaltet keine Wirkung. Eine Anfechtung (§§ 2078 ff. BGB) ist dafür nicht erforderlich, und es gibt keine Frist.
- **Teilnichtigkeit (§ 2085 BGB)**: Anders als bei § 139 BGB bleiben die übrigen Verfügungen im Zweifel wirksam. Fällt nur eine Bedingung weg, prüfen die Gerichte, ob der Erblasser die Zuwendung **auch ohne die Bedingung** gewollt hätte (so OLG Frankfurt 20 W 98/18).
- **Ersatzregelung**: Ist eine Erbeinsetzung insgesamt nichtig, gilt – soweit keine Ersatzerben bestimmt sind (§ 2096 BGB) und keine Anwachsung eintritt (§ 2094 BGB) – die gesetzliche Erbfolge.

## Maßgeblicher Zeitpunkt

Ob für die Beurteilung die Wertvorstellungen bei **Errichtung** des Testaments oder beim **Erbfall** gelten, ist in Rechtsprechung und Literatur **umstritten**. Der BGH stellt in BGHZ 53, 369 auf die Gesinnung des Erblassers ab, wie sie im Rechtsgeschäft zum Ausdruck kommt. Bei lange zurückliegenden Testamenten (z. B. Hohenzollern-Erbvertrag von 1938) kann die Frage entscheidend sein; hier ist fachkundiger Rat nötig.

## Häufige Fehler

- **„Mein Vater hat mich enterbt – das ist sittenwidrig.“** Nein. Enterbung ist Ausdruck der Testierfreiheit; Sie haben ggf. einen Pflichtteilsanspruch.
- **„Ein Testament zugunsten der Geliebten ist immer nichtig.“** Seit 1970 nicht mehr – nur bei reinem Entgeltcharakter.
- **„Ist eine Klausel sittenwidrig, fällt das ganze Testament.“** Nein, § 2085 BGB: Die übrigen Verfügungen bleiben im Zweifel bestehen.
- **„Sittenwidrigkeit muss ich innerhalb eines Jahres anfechten.“** Nein – Nichtigkeit nach § 138 BGB wirkt ohne Anfechtung. Die Jahresfrist des § 2082 BGB betrifft nur die Anfechtung wegen Irrtums oder Drohung.
- **Verwechslung mit § 134 BGB**: Zuwendungen an Heimträger oder Pflegepersonal scheitern an Landesheimrecht i. V. m. § 134 BGB, nicht an § 138 BGB.

## Hinweis zur Prüfung

Verifiziert: Wortlaut § 138 BGB (gesetze-im-internet.de); BGH III ZB 23/68 (BGHZ 53, 369) anhand des veröffentlichten Volltexts (Leitsatz, Entgeltcharakter, Gesamtcharakter, Beweislast); OLG Frankfurt 20 W 98/18 und OLG Hamm 10 U 58/21 anhand übereinstimmender Fachpresse (LTO, beck-aktuell); BGH IV ZR 7/10 anhand mehrerer Fundstellen. **Nicht abschließend verifiziert**: Wortlaut § 2085 BGB auf gesetze-im-internet.de (Seite in diesem Lauf nicht abrufbar, Inhalt über Sekundärquellen bestätigt), Volltext BVerfG 1 BvR 2248/01, exaktes Entscheidungsdatum OLG Hamm 10 U 58/21, Daten/Fundstelle BGH IV ZR 231/92, dejure.org-Permalinks (nicht direkt abgerufen). Deshalb `review_needed`.

## Verwandte Themen

- Behindertentestament: https://nexvyra.de/fakten/behindertentestament.md
- Zuwendungsverbot Heim (§ 134 BGB): https://nexvyra.de/fakten/zuwendungsverbot-heim-testament-134-bgb.md
- Wiederverheiratungsklausel (§§ 2269, 2075 BGB): https://nexvyra.de/fakten/wiederverheiratungsklausel-2269-2075-bgb.md
- Enterbung (§ 1938 BGB): https://nexvyra.de/fakten/enterbung-1938-bgb.md
- Testamentsanfechtung (§§ 2078 ff. BGB): https://nexvyra.de/fakten/testamentsanfechtung-2078-bgb.md
- Sittenwidrigkeit allgemein (§ 138 BGB): https://nexvyra.de/fakten/sittenwidrigkeit-wucher-138-bgb.md

## Änderungsverlauf

- 2026-11-03: Erstveröffentlichung. § 138 BGB, BGHZ 53, 369 (Volltext), OLG Frankfurt 20 W 98/18, OLG Hamm 10 U 58/21, BGH IV ZR 7/10 geprüft; § 2085 BGB nur sekundär, BVerfG 1 BvR 2248/01 nur über Zusammenfassungen → review_needed. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Claude (Erbrecht-Agent)"

## Stand

- Stand: 2026-11-03
- Gültig ab: 1900-01-01 (§ 138 BGB seit Inkrafttreten des BGB)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (BGB; höchstrichterliche Rechtsprechung)
- Lizenz: CC BY 4.0
- Hinweis: Allgemeine Rechtsinformation, keine Rechtsberatung.

## Quellen

- § 138 BGB – Sittenwidriges Rechtsgeschäft; Wucher:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__138.html
- § 2085 BGB – Teilweise Unwirksamkeit:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2085.html
- § 2074 BGB – Aufschiebende Bedingung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2074.html
- BGH, Beschluss vom 31.03.1970 – III ZB 23/68 (BGHZ 53, 369, Geliebtentestament):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=31.03.1970&Aktenzeichen=III%20ZB%2023%2F68
- Volltext BGHZ 53, 369 (Lehrstuhl Lorenz, LMU):
  https://lorenz.userweb.mwn.de/urteile/bghz53_369.htm
- OLG Frankfurt, Beschluss vom 05.02.2019 – 20 W 98/18 (Besuchspflicht):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=OLG%20Frankfurt&Datum=05.02.2019&Aktenzeichen=20%20W%2098%2F18
- LTO zu OLG Frankfurt 20 W 98/18:
  https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-frankfurt-20w98-18-besuchspflicht-enkel-grossvater-testament-sittenwidrig
- OLG Hamm – 10 U 58/21 (Hausverbot), Bericht LTO:
  https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-hamm-10u5821-testament-bedingung-hausverbot-fuer-lebensgefaehrten-hoechstpersoenlicher-lebensbereich-sittenwidrig
- BVerfG, Beschluss vom 22.03.2004 – 1 BvR 2248/01 (Hohenzollern):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerfG&Datum=22.03.2004&Aktenzeichen=1%20BvR%202248%2F01
- BGH, Urteil vom 19.01.2011 – IV ZR 7/10 (Pflichtteilsverzicht, BGHZ 188, 96):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=19.01.2011&Aktenzeichen=IV%20ZR%207%2F10
- BGH, Urteil vom 20.10.1993 – IV ZR 231/92 (Behindertentestament, BGHZ 123, 368):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=20.10.1993&Aktenzeichen=IV%20ZR%20231%2F92

## Stand

- Letzte Änderung: 2026-11-03
- Letzte Prüfung: 2026-11-03
- In Kraft seit: 1900-01-01
- Status: In Kraft
- Quellen-Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
