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title: Tarifbindung und Günstigkeitsprinzip (§ 4 TVG) – unmittelbare und zwingende Wirkung, Sachgruppenvergleich, Verzichts- und Verwirkungsverbot
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# Tarifbindung und Günstigkeitsprinzip (§ 4 TVG) – unmittelbare und zwingende Wirkung, Sachgruppenvergleich, Verzichts- und Verwirkungsverbot

## Kurzantwort

Die Rechtsnormen eines Tarifvertrags, die den Inhalt, den Abschluss oder die Beendigung von Arbeitsverhältnissen ordnen, gelten **unmittelbar und zwingend zwischen den beiderseits Tarifgebundenen**, die unter den Geltungsbereich des Tarifvertrags fallen (§ 4 Absatz 1 Satz 1 TVG). Tarifgebunden sind die **Mitglieder der Tarifvertragsparteien** und der Arbeitgeber, der selbst Partei des Tarifvertrags ist (§ 3 Absatz 1 TVG). Abweichende Abmachungen im Arbeitsvertrag sind nur zulässig, soweit der Tarifvertrag sie gestattet oder sie eine **Änderung zugunsten des Arbeitnehmers** enthalten (§ 4 Absatz 3 TVG – Günstigkeitsprinzip); andernfalls wird die vertragliche Abrede für die Dauer der Wirksamkeit des Tarifvertrags **verdrängt**. Ob die vertragliche Regelung günstiger ist, ermittelt das Bundesarbeitsgericht nicht durch einen Gesamtvergleich, sondern durch einen **Sachgruppenvergleich** der in einem inneren sachlichen Zusammenhang stehenden Teilkomplexe (BAG, Urteil vom 15. April 2015 – 4 AZR 587/13). Auf entstandene tarifliche Rechte kann nur in einem von den Tarifvertragsparteien **gebilligten Vergleich** verzichtet werden, ihre Verwirkung ist ausgeschlossen, und Ausschlussfristen für tarifliche Rechte können **nur im Tarifvertrag** vereinbart werden (§ 4 Absatz 4 TVG).

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | **Tarifvertragsgesetz (TVG)** in der Fassung der Bekanntmachung vom **25. August 1969 (BGBl. I S. 1323)**, zuletzt geändert durch **Artikel 7 des Gesetzes vom 27. April 2026 (BGBl. 2026 I Nr. 119)** [amtliches Vollzitat, gesetze-im-internet.de] |
| Letzte Änderung betrifft § 4 **nicht** | Artikel 7 des Gesetzes vom 27. April 2026 hat ausschließlich **§ 6 TVG (Tarifregister)** neu gefasst; §§ 3 und 4 TVG sind unverändert [BGBl. 2026 I Nr. 119, Artikel 7] |
| Wer ist tarifgebunden | die **Mitglieder der Tarifvertragsparteien** und der Arbeitgeber, der **selbst Partei** des Tarifvertrags ist [§ 3 Absatz 1 TVG] |
| Betriebliche und betriebsverfassungsrechtliche Normen | gelten **für alle Betriebe, deren Arbeitgeber tarifgebunden ist** – unabhängig von der Gewerkschaftsmitgliedschaft der Beschäftigten [§ 3 Absatz 2 TVG] |
| Nachbindung | die Tarifgebundenheit **bleibt bestehen, bis der Tarifvertrag endet** [§ 3 Absatz 3 TVG] |
| Normwirkung | **unmittelbar und zwingend** zwischen den **beiderseits Tarifgebundenen**, die unter den **Geltungsbereich** des Tarifvertrags fallen [§ 4 Absatz 1 Satz 1 TVG] |
| Erfasste Regelungsgegenstände | Rechtsnormen über **Inhalt, Abschluss und Beendigung** von Arbeitsverhältnissen sowie über **betriebliche und betriebsverfassungsrechtliche** Fragen [§ 1 Absatz 1, § 4 Absatz 1 TVG] |
| Formerfordernis | Tarifverträge bedürfen der **Schriftform** [§ 1 Absatz 2 TVG] |
| Gemeinsame Einrichtungen | tarifliche Regelungen über Lohnausgleichs-, Urlaubskassen usw. gelten **unmittelbar und zwingend auch für die Satzung** der Einrichtung [§ 4 Absatz 2 TVG] |
| Günstigkeitsprinzip | abweichende Abmachungen nur zulässig, soweit **durch den Tarifvertrag gestattet** oder **zugunsten des Arbeitnehmers** [§ 4 Absatz 3 TVG] |
| Vergleichsmethode | **Sachgruppenvergleich** – Gegenüberstellung der durch Auslegung zu ermittelnden Teilkomplexe, die in einem **inneren sachlichen Zusammenhang** stehen [BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 1] |
| Arbeitszeit und Entgelt | bilden **grundsätzlich eine einheitliche Sachgruppe**, weil beide Hauptleistungspflichten in engem inneren sachlichen Zusammenhang stehen [BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 2] |
| Zweifelsregel | ist **nicht zweifelsfrei feststellbar**, dass die einzelvertragliche Regelung günstiger ist, bleibt es bei der zwingenden normativen Geltung des Tarifvertrags [BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 3] |
| Darlegungslast | trägt die Partei, die geltend macht, die vertragliche Regelung sei günstiger [BAG 12.06.2024 – 4 AZR 202/23, Rn. 44; BAG 12.12.2018 – 4 AZR 123/18, Leitsatz 2] |
| Verzichtsverbot | Verzicht auf **entstandene** tarifliche Rechte nur in einem **von den Tarifvertragsparteien gebilligten Vergleich** [§ 4 Absatz 4 Satz 1 TVG] |
| Verwirkungsverbot | die **Verwirkung** tariflicher Rechte ist **ausgeschlossen** [§ 4 Absatz 4 Satz 2 TVG] |
| Ausschlussfristen | für die Geltendmachung tariflicher Rechte **nur im Tarifvertrag** vereinbar [§ 4 Absatz 4 Satz 3 TVG] |
| Folge einer zu weiten Verfallklausel im Arbeitsvertrag | eine formularmäßige Verfallklausel, die auch die von § 4 Absatz 4 Satz 3 TVG und § 77 Absatz 4 Satz 4 BetrVG geschützten Ansprüche erfasst, ist **insoweit teilnichtig (§ 139 BGB)**; allein dieser Verstoß führt **nicht** zur Gesamtunwirksamkeit nach § 307 Absatz 1 Satz 2 BGB [BAG 30.01.2019 – 5 AZR 43/18, Leitsatz 2] |
| Nachwirkung | nach Ablauf des Tarifvertrags gelten seine Rechtsnormen weiter, **bis sie durch eine andere Abmachung ersetzt werden** [§ 4 Absatz 5 TVG] |
| Erstreckung auf Außenseiter | nur über die **Allgemeinverbindlicherklärung** durch das BMAS im Einvernehmen mit dem Tarifausschuss; dann erfassen die Tarifnormen auch bisher **nicht tarifgebundene** Arbeitgeber und Arbeitnehmer [§ 5 Absatz 1 und Absatz 4 Satz 1 TVG] |
| Tarifkollision im Betrieb | bei sich überschneidenden, nicht inhaltsgleichen Tarifverträgen verschiedener Gewerkschaften gilt der **Mehrheitstarifvertrag**; § 4a TVG ist **nicht** auf Tarifverträge anzuwenden, die am **10. Juli 2015** galten [§ 4a Absatz 2, § 13 Absatz 3 TVG] |
| Arbeitnehmerähnliche Personen | die Vorschriften des TVG gelten **entsprechend** [§ 12a Absatz 1 TVG] |
| Leitentscheidung Sachgruppenvergleich | **BAG, Urteil vom 15. April 2015 – 4 AZR 587/13** |
| Leitentscheidung Verdrängung der Vertragsabrede | **BAG, Urteil vom 20. Mai 2026 – 4 AZR 98/25** |
| Leitentscheidung Bezugnahmeklausel und Günstigkeitsvergleich | **BAG, Urteil vom 12. Juni 2024 – 4 AZR 202/23** |

## Geltungsbereich

Die zwingende Wirkung des § 4 Absatz 1 Satz 1 TVG setzt **beiderseitige** Tarifgebundenheit voraus: Arbeitgeber **und** Arbeitnehmer müssen nach § 3 Absatz 1 TVG gebunden sein, und das Arbeitsverhältnis muss unter den **Geltungsbereich** des Tarifvertrags fallen. Tarifgebunden sind die Mitglieder der Tarifvertragsparteien – auf Arbeitnehmerseite also die Gewerkschaftsmitglieder – sowie der Arbeitgeber, der selbst Partei eines Haus- oder Firmentarifvertrags ist. Tarifvertragsparteien sind Gewerkschaften, einzelne Arbeitgeber und Vereinigungen von Arbeitgebern (§ 2 Absatz 1 TVG).

Ob ein Arbeitsverhältnis vom **persönlichen Geltungsbereich** erfasst wird, ist eine Frage der Tarifauslegung. Das Bundesarbeitsgericht hat mit Urteil vom **20. Mai 2026 – 4 AZR 98/25** entschieden: „Der Geltungsbereich des TV-Ärzte/VKA (Marburger Bund) erstreckt sich neben approbierten Ärzten auch auf solche, die über eine auf bestimmte Tätigkeiten beschränkte Erlaubnis zur vorübergehenden Ausübung des ärztlichen Berufs verfügen.“ In den Gründen stellt der Senat den Prüfungsweg klar: Beide Parteien waren tarifgebunden (§ 4 Absatz 1, § 3 Absatz 1 TVG), der Kläger fiel unter den Geltungsbereich – und die im Arbeitsvertrag vereinbarte Vergütung wurde durch die unmittelbar und zwingend geltenden Vergütungsregelungen des Tarifvertrags **verdrängt**.

**Ohne beiderseitige Tarifbindung** greift § 4 Absatz 1 TVG nicht. Der Tarifvertrag kann dann nur auf zwei anderen Wegen wirken: über eine **arbeitsvertragliche Bezugnahmeklausel** (dann gilt er als Vertragsrecht, nicht als Norm) oder über eine **Allgemeinverbindlicherklärung** nach § 5 TVG, mit der die Tarifnormen auch bisher nicht tarifgebundene Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Geltungsbereich erfassen (§ 5 Absatz 4 Satz 1 TVG).

Eine wichtige Ausnahme vom Erfordernis der beiderseitigen Bindung enthält **§ 3 Absatz 2 TVG**: Rechtsnormen über **betriebliche und betriebsverfassungsrechtliche** Fragen gelten für alle Betriebe, deren Arbeitgeber tarifgebunden ist – hier kommt es auf die Gewerkschaftsmitgliedschaft der einzelnen Beschäftigten nicht an.

## Der Günstigkeitsvergleich als Sachgruppenvergleich

§ 4 Absatz 3 TVG lässt abweichende Abmachungen zu, soweit sie durch den Tarifvertrag gestattet sind (Öffnungsklausel) **oder** eine Änderung der Regelungen **zugunsten des Arbeitnehmers** enthalten. Wie dieser Vergleich zu führen ist, hat der Vierte Senat des Bundesarbeitsgerichts im Urteil vom **15. April 2015 – 4 AZR 587/13** in drei Leitsätzen festgelegt:

1. „Eine Kollision zwischen den kraft beiderseitiger Tarifgebundenheit für das Arbeitsverhältnis normativ geltenden und den aufgrund arbeitsvertraglicher Bezugnahme anwendbaren Tarifvorschriften ist nach dem Günstigkeitsprinzip (§ 4 Abs. 3 TVG) zu lösen. Danach hat ein Vergleich der in einem inneren sachlichen Zusammenhang stehenden Teilkomplexe der unterschiedlichen Regelungen zu erfolgen (sog. Sachgruppenvergleich).“
2. „Die Dauer der vom Arbeitnehmer zu erbringenden Arbeitsleistung und das ihm dafür zustehende Arbeitsentgelt bilden bei der Durchführung des Günstigkeitsvergleichs grundsätzlich eine einheitliche Sachgruppe, da beide Hauptleistungspflichten in einem engen, inneren sachlichen Zusammenhang stehen.“
3. „Ist nicht zweifelsfrei feststellbar, dass die einzelvertragliche Regelung für den Arbeitnehmer günstiger ist, bleibt es bei der zwingenden, normativen Geltung des Tarifvertrags.“

Diese Linie führt der Senat fort. Im Urteil vom **12. Juni 2024 – 4 AZR 202/23** heißt es: Unmittelbar und zwingend geltende Tarifbestimmungen treten hinter einzelvertraglichen Vereinbarungen mit für den Arbeitnehmer günstigeren Bedingungen zurück; beim Günstigkeitsvergleich sind die durch Auslegung zu ermittelnden Teilkomplexe gegenüberzustellen, die in einem inneren Zusammenhang stehen – sogenannter Sachgruppenvergleich (Rn. 42 unter Verweis auf BAG 25. Januar 2023 – 4 AZR 180/22 – Rn. 21). Die **Darlegungslast** trägt nach den allgemeinen zivilprozessualen Grundsätzen die Partei, die geltend macht, die vertragliche Regelung sei günstiger (Rn. 44). Für in Bezug genommene tarifliche Entgeltregelungen hat der Senat das bereits mit Urteil vom **12. Dezember 2018 – 4 AZR 123/18** (BAGE 164, 345) präzisiert: Wer sich auf die Günstigkeit beruft, muss **sowohl den Inhalt der Bezugnahmeklausel als auch die in Bezug genommenen Entgeltregelungen darlegen**, damit das Gericht den Günstigkeitsvergleich für die maßgebende Sachgruppe überhaupt vornehmen kann.

## Verzicht, Verwirkung und Ausschlussfristen (§ 4 Absatz 4 TVG)

§ 4 Absatz 4 TVG schützt bereits **entstandene** tarifliche Rechte dreifach:

- **Satz 1 – Verzichtsverbot:** Ein Verzicht ist nur in einem von den Tarifvertragsparteien **gebilligten Vergleich** zulässig. Ein einseitiger Verzicht oder eine Ausgleichsquittung ohne diese Billigung erfasst tarifliche Ansprüche nicht.
- **Satz 2 – Verwirkungsverbot:** Die Verwirkung tariflicher Rechte ist **ausgeschlossen**. Das Rechtsinstitut der Verwirkung – die Kombination aus Zeit- und Umstandsmoment – greift für tarifliche Ansprüche also nicht.
- **Satz 3 – Ausschlussfristen:** Ausschlussfristen für die Geltendmachung tariflicher Rechte können **nur im Tarifvertrag** vereinbart werden. Eine im Arbeitsvertrag vereinbarte Verfallklausel kann tarifliche Ansprüche daher nicht wirksam ausschließen.

Für formularmäßige Verfallklauseln hat der Fünfte Senat mit Urteil vom **30. Januar 2019 – 5 AZR 43/18** die Rechtsfolge geklärt: „Eine als Allgemeine Geschäftsbedingung gestellte Verfallklausel, welche die von § 77 Abs. 4 Satz 4 BetrVG und § 4 Abs. 4 Satz 3 TVG geschützten Ansprüche umfasst, ist insoweit teilnichtig (§ 139 BGB). Allein dieser Verstoß und eine sich nur daraus ergebende unzureichende Transparenz führen aber nicht zur Gesamtunwirksamkeit der Verfallklausel nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB.“ Die Klausel bleibt also für nicht-tarifliche Ansprüche wirksam, verfehlt aber ihr Ziel gegenüber tariflichen Ansprüchen.

## Ausnahmen

- **Öffnungsklausel:** Erlaubt der Tarifvertrag selbst die Abweichung, ist eine auch ungünstigere Abmachung zulässig (§ 4 Absatz 3 Alternative 1 TVG).
- **Günstigere Abrede:** Eine für den Arbeitnehmer günstigere einzelvertragliche Regelung setzt sich gegen die Tarifnorm durch (§ 4 Absatz 3 Alternative 2 TVG) – aber nur, wenn die Günstigkeit im maßgeblichen Sachgruppenvergleich zweifelsfrei feststeht (BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 3).
- **Vergleich mit Billigung der Tarifvertragsparteien:** Nur in dieser Form ist ein Verzicht auf entstandene tarifliche Rechte möglich (§ 4 Absatz 4 Satz 1 TVG).
- **Tarifliche Ausschlussfristen:** Der Tarifvertrag selbst darf Ausschlussfristen setzen; das Verbot des § 4 Absatz 4 Satz 3 TVG richtet sich nur gegen Fristen außerhalb des Tarifvertrags.
- **Nachwirkung ist abdingbar:** Die nach § 4 Absatz 5 TVG weitergeltenden Normen sind **nicht mehr zwingend**; sie können durch eine andere Abmachung – auch eine ungünstigere einzelvertragliche – ersetzt werden.
- **§ 4a TVG gilt nicht rückwirkend:** Die Kollisionsregel des § 4a TVG ist nicht auf Tarifverträge anzuwenden, die am **10. Juli 2015** galten (§ 13 Absatz 3 TVG).
- **Betriebliche Normen ohne Arbeitnehmer-Tarifbindung:** Für Normen über betriebliche und betriebsverfassungsrechtliche Fragen genügt die Tarifbindung des Arbeitgebers (§ 3 Absatz 2, § 4 Absatz 1 Satz 2 TVG).

## Häufige Fehler

**Verbreitete Annahme: Wer im tarifgebundenen Betrieb arbeitet, hat automatisch Anspruch auf Tariflohn.** § 4 Absatz 1 Satz 1 TVG verlangt **beiderseitige** Tarifgebundenheit. Ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft des Arbeitnehmers wirkt der Tarifvertrag normativ nur, wenn er allgemeinverbindlich erklärt ist (§ 5 Absatz 4 Satz 1 TVG) oder arbeitsvertraglich in Bezug genommen wurde. Anders liegt es nur bei betrieblichen und betriebsverfassungsrechtlichen Normen (§ 3 Absatz 2 TVG).

**Verbreitete Annahme: Der Günstigkeitsvergleich ist ein Gesamtvergleich aller Arbeitsbedingungen.** Das Bundesarbeitsgericht führt einen **Sachgruppenvergleich** durch und stellt nur die Teilkomplexe gegenüber, die in einem inneren sachlichen Zusammenhang stehen (BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 1). Arbeitszeit und Entgelt bilden dabei grundsätzlich **eine** Sachgruppe (Leitsatz 2).

**Verbreitete Annahme: Im Zweifel gilt die individuell ausgehandelte Regelung.** Das Gegenteil ist der Fall: Lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, dass die einzelvertragliche Regelung günstiger ist, bleibt es bei der zwingenden normativen Geltung des Tarifvertrags (BAG 15.04.2015 – 4 AZR 587/13, Leitsatz 3). Wer sich auf die Günstigkeit beruft, trägt zudem die Darlegungslast (BAG 12.06.2024 – 4 AZR 202/23, Rn. 44).

**Verbreitete Annahme: Eine Ausgleichsquittung erledigt auch tarifliche Ansprüche.** Ein Verzicht auf entstandene tarifliche Rechte ist nur in einem von den Tarifvertragsparteien **gebilligten Vergleich** zulässig (§ 4 Absatz 4 Satz 1 TVG).

**Verbreitete Annahme: Wer seine tariflichen Ansprüche jahrelang nicht geltend macht, verwirkt sie.** § 4 Absatz 4 Satz 2 TVG schließt die **Verwirkung** tariflicher Rechte ausdrücklich aus. Die allgemeine Verjährung bleibt davon unberührt.

**Verbreitete Annahme: Eine Verfallklausel im Arbeitsvertrag lässt auch Tarifansprüche verfallen.** Ausschlussfristen für tarifliche Rechte können nach § 4 Absatz 4 Satz 3 TVG **nur im Tarifvertrag** vereinbart werden. Eine formularmäßige Verfallklausel, die solche Ansprüche mit erfasst, ist insoweit **teilnichtig (§ 139 BGB)**, bleibt im Übrigen aber wirksam und wird nicht allein deshalb intransparent im Sinne des § 307 Absatz 1 Satz 2 BGB (BAG 30.01.2019 – 5 AZR 43/18, Leitsatz 2).

**Verbreitete Annahme: Mit dem Verbandsaustritt endet die Tarifbindung sofort.** Nach § 3 Absatz 3 TVG bleibt die Tarifgebundenheit bestehen, **bis der Tarifvertrag endet** (Nachbindung). Danach greift die Nachwirkung des § 4 Absatz 5 TVG, bis eine andere Abmachung an die Stelle der Tarifnormen tritt.

**Verbreitete Annahme: Nach Ablauf des Tarifvertrags gelten seine Normen unverändert zwingend weiter.** § 4 Absatz 5 TVG ordnet nur eine Weitergeltung an, „bis sie durch eine andere Abmachung ersetzt werden“ – die zwingende Wirkung des § 4 Absatz 1 TVG entfällt insoweit.

## Beispiel

Ein Krankenhausträger ist Mitglied eines Kommunalen Arbeitgeberverbands, der der VKA angehört; der Arbeitnehmer tritt der zuständigen Gewerkschaft bei. Der Arbeitsvertrag sieht eine monatliche Bruttovergütung von **4.000,00 Euro** für eine Vollzeittätigkeit vor, die tarifliche Eingruppierung führt für denselben Zeitraum zu einem höheren Tabellenentgelt.

- **Schritt 1 – Tarifbindung:** Mit dem Gewerkschaftsbeitritt ist die beiderseitige Tarifgebundenheit hergestellt (§ 3 Absatz 1 TVG); die Bindung des Arbeitgebers folgt aus seiner Verbandsmitgliedschaft.
- **Schritt 2 – Geltungsbereich:** Das Arbeitsverhältnis muss vom persönlichen Geltungsbereich erfasst sein (§ 4 Absatz 1 Satz 1 TVG). Im Fall des Bundesarbeitsgerichts genügte dafür eine auf bestimmte Tätigkeiten beschränkte Erlaubnis zur vorübergehenden Ausübung des ärztlichen Berufs nach § 10 Absatz 1 BÄO – eine Approbation war nicht erforderlich (BAG 20.05.2026 – 4 AZR 98/25, Leitsatz).
- **Schritt 3 – Vergleich:** Die vertragliche Vergütungsabrede ist gegenüber dem tariflichen Tabellenentgelt **nicht** günstiger; eine Öffnungsklausel greift nicht.
- **Schritt 4 – Rechtsfolge:** Die vertragliche Abrede wird durch die unmittelbar und zwingend geltende Tarifnorm **verdrängt** (§ 4 Absatz 1, Absatz 3 TVG). Im entschiedenen Fall sprach das Bundesarbeitsgericht für den Zeitraum vom 1. bis 8. Februar 2022 eine **Differenzvergütung von 243,43 Euro brutto** nebst Verzugszinsen zu (BAG 20.05.2026 – 4 AZR 98/25).
- **Schritt 5 – Geltendmachung:** Eine im Arbeitsvertrag vereinbarte Verfallklausel könnte diesen tariflichen Anspruch nicht ausschließen (§ 4 Absatz 4 Satz 3 TVG); maßgeblich wären allein die **tariflichen** Ausschlussfristen. Verwirkung scheidet nach § 4 Absatz 4 Satz 2 TVG aus.

## Quellen

- § 1 TVG (Inhalt und Form des Tarifvertrags): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__1.html
- § 2 TVG (Tarifvertragsparteien): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__2.html
- § 3 TVG (Tarifgebundenheit): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__3.html
- § 4 TVG (Wirkung der Rechtsnormen): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__4.html
- § 4a TVG (Tarifkollision): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__4a.html
- § 5 TVG (Allgemeinverbindlichkeit): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__5.html
- § 6 TVG (Tarifregister, Fassung seit dem Gesetz vom 27.04.2026): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__6.html
- § 12a TVG (Arbeitnehmerähnliche Personen): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/__12a.html
- Tarifvertragsgesetz, amtliche Gesamtfassung mit Vollzitat und Standangabe: https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/BJNR700550949.html
- Tarifvertragsgesetz, amtliche Gesamtfassung (PDF): https://www.gesetze-im-internet.de/tvg/TVG.pdf
- § 77 BetrVG (Durchführung gemeinsamer Beschlüsse, Betriebsvereinbarungen – Absatz 4 Satz 4): https://www.gesetze-im-internet.de/betrvg/__77.html
- § 139 BGB (Teilnichtigkeit): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__139.html
- § 307 BGB (Inhaltskontrolle): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__307.html
- BAG, Urteil vom 20.05.2026 – 4 AZR 98/25 (Geltungsbereich des Tarifvertrags, Verdrängung der Vergütungsabrede): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/4-azr-98-25/
- BAG, Urteil vom 15.04.2015 – 4 AZR 587/13 (Sachgruppenvergleich, BAGE 151, 221): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/4-azr-587-13/
- BAG, Urteil vom 12.06.2024 – 4 AZR 202/23 (Bezugnahmeklausel, Günstigkeitsvergleich, Darlegungslast): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/4-azr-202-23/
- BAG, Urteil vom 12.12.2018 – 4 AZR 123/18 (Darlegung der in Bezug genommenen Entgeltregelungen, BAGE 164, 345): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/4-azr-123-18/
- BAG, Urteil vom 25.01.2023 – 4 AZR 180/22 (Sachgruppenvergleich, Rn. 21): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/4-azr-180-22/
- BAG, Urteil vom 30.01.2019 – 5 AZR 43/18 (Teilnichtigkeit zu weiter Verfallklauseln): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/5-azr-43-18/
- BMAS, Tarifverträge (Allgemeinverbindliche Tarifverträge, Tarifregister, Sozialkassen): https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Arbeitsrecht/Tarifvertraege/tarifvertraege.html
- Bundesgesetzblatt 2026 I Nr. 119 (Tariftreuegesetz, Artikel 7 – Änderung des Tarifvertragsgesetzes), Übersicht: https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/119/VO.html
- Bundesgesetzblatt 2026 I Nr. 119, Regelungstext (PDF, Artikel 7 auf Seite 10): https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/119/regelungstext.pdf?__blob=publicationFile&v=1
- Gesetz zur Sicherung der Tariftreue bei der Vergabe und Ausführung öffentlicher Aufträge und Konzessionen des Bundes (BTTG), Gesamtfassung: https://www.gesetze-im-internet.de/bttg/BJNR0770B0026.html

## Änderungsverlauf

- 2026-08-31: Seite neu angelegt. Normwortlaute der §§ 1, 2, 3, 4, 4a, 5, 6, 12a und 13 TVG verbatim aus den amtlichen Einzelnorm-Seiten und der Gesamtfassung von gesetze-im-internet.de übernommen (alle Abrufe HTTP 200); amtliche Leitsätze aus den Entscheidungsseiten des Bundesarbeitsgerichts zu 4 AZR 98/25, 4 AZR 587/13, 4 AZR 123/18 und 5 AZR 43/18; die Ausführungen zu Sachgruppenvergleich und Darlegungslast aus den Entscheidungsgründen von 4 AZR 202/23 (Rn. 42, 44); der Umfang der letzten TVG-Änderung aus Artikel 7 des Gesetzes vom 27.04.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 119, Regelungstext S. 10). | change_type=fact_update reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-08-31
- Gültig ab: 1969-08-25
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
