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title: "Wiederverheiratungsklausel im Testament (§§ 2269, 2074, 2075 BGB) – Folgen, Gestaltung, Vor- und Vollerbschaft"
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# Wiederverheiratungsklausel im Testament (§§ 2269, 2074, 2075 BGB) – Folgen, Gestaltung, Vor- und Vollerbschaft

## Kurzantwort

Eine **Wiederverheiratungsklausel** ist eine Anordnung in einem (meist gemeinschaftlichen) Testament oder Erbvertrag, nach der der **überlebende Ehegatte** seine Stellung als Erbe ganz oder teilweise **verliert oder einschränken lassen muss, wenn er erneut heiratet**. Sie soll verhindern, dass das Vermögen des Erstverstorbenen über einen neuen Ehegatten (und dessen Pflichtteils- oder Erbrecht) an Dritte statt an die gemeinsamen Kinder fällt. Das BGB regelt die Klausel nicht ausdrücklich; sie wird über die **Bedingungsregeln der §§ 2074, 2075 BGB** und die **Auslegungsregel des § 2269 BGB** (Berliner Testament) sowie das Recht der **Vor- und Nacherbschaft** (§§ 2100 ff. BGB) konstruiert. Üblich sind zwei Gestaltungen: der Überlebende ist **auflösend bedingter Vollerbe** und zugleich **aufschiebend bedingter Vorerbe**, oder er ist von Anfang an **(befreiter) Vorerbe** mit Verfügungsbeschränkungen. Welche Variante gewollt ist, ist **Auslegungsfrage** des Einzelfalls und häufig streitig – eine eindeutige Formulierung ist daher entscheidend.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | §§ 2074, 2075, 2269, 2100 ff. BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Gesetzliche Regelung der Klausel | Keine eigene Vorschrift; Konstruktion über Bedingungen und Vor-/Nacherbschaft |
| Auflösende Bedingung bei Erbeinsetzung | Zulässig (BGHZ 96, 198). Ist die Zuwendung daran geknüpft, dass der Bedachte während eines unbestimmten Zeitraums etwas unterlässt oder fortgesetzt tut, ist im Zweifel eine auflösende Bedingung anzunehmen: Die Zuwendung entfällt, wenn er die Handlung vornimmt oder das Tun einstellt [§ 2075 BGB] |
| Aufschiebende Bedingung | Im Zweifel nur wirksam, wenn der Bedachte den Bedingungseintritt erlebt [§ 2074 BGB] |
| Berliner Testament, Schlusserbe | Im Zweifel Erbe des Längerlebenden am gesamten Nachlass [§ 2269 Abs. 1 BGB] |
| Gestaltung 1 | Überlebender: auflösend bedingter Vollerbe + aufschiebend bedingter Vorerbe |
| Gestaltung 2 | Überlebender: Vorerbe von Anfang an, Kinder: Nacherben (Nacherbfall = Wiederheirat oder Tod) |
| Rechtsprechung | BGH, Beschl. v. 06.11.1985 – IVa ZB 5/85 (BGHZ 96, 198): Kombination aus auflösend bedingter Vollerbschaft und aufschiebend bedingter Vorerbschaft zulässig |
| Wirkung bei Wiederheirat | Bedingungseintritt: Überlebender verliert Vollerbenstellung bzw. Nacherbfall tritt ein (je nach Gestaltung) |
| Wirkung ohne Wiederheirat | Bedingung nicht eingetreten; Vollerbenstellung endgültig, Verfügungsbeschränkungen der §§ 2113 ff. BGB greifen insoweit nicht |
| Erbschein | Bei bedingter Vorerbschaft muss der Erbschein den Vorerben-/Nacherbenvermerk richtig abbilden; ein unrichtiger Erbschein ist einzuziehen [§ 2361 BGB] |

## Geltungsbereich

Wiederverheiratungsklauseln finden sich vor allem im **Berliner Testament** (§ 2269 BGB), in dem sich Ehegatten gegenseitig zu Alleinerben und die Kinder zu Schlusserben einsetzen. Die Klausel greift nur bei **ausdrücklicher oder durch Auslegung ermittelter Anordnung**; sie wird nicht stillschweigend unterstellt. Eingetragene Lebenspartner können ein gemeinschaftliches Testament errichten; die §§ 2266 bis 2272 BGB gelten entsprechend (§ 10 Abs. 4 LPartG). Ob eine **nichteheliche Lebensgemeinschaft** oder eine neue Partnerschaft ohne Heirat erfasst ist, hängt vom **Wortlaut** der Klausel ab; „Wiederverheiratung" erfasst eine bloße neue Beziehung nicht ohne Weiteres.

## Zwei Grundkonstruktionen

**1. Auflösend bedingter Vollerbe / aufschiebend bedingter Vorerbe.** Der Überlebende wird zunächst **Vollerbe**, verliert diese Stellung aber, wenn er wieder heiratet (**auflösende Bedingung**, § 2075 BGB). Für den Fall, dass er **nicht** wieder heiratet, bleibt er endgültig Vollerbe. Zugleich wird er für den Fall der Wiederheirat **Vorerbe** (**aufschiebende Bedingung**), die Kinder werden **Nacherben**. Der BGH hat diese Kombination für zulässig gehalten (BGH, Beschl. v. 06.11.1985 – IVa ZB 5/85, BGHZ 96, 198): Eine auflösend bedingte Erbeinsetzung ist nicht automatisch eine Vorerbschaft; heiratet der Überlebende bis zu seinem Tod nicht erneut, steht die Vollerbenstellung fest, und die **Verfügungsbeschränkungen der §§ 2113 ff. BGB** greifen nicht.

**2. Vorerbschaft von Anfang an.** Der Überlebende ist **Vorerbe**, die Kinder sind **Nacherben**. Der **Nacherbfall** tritt mit der Wiederheirat (und spätestens mit dem Tod des Vorerben) ein. Der Vorerbe unterliegt den **Beschränkungen der §§ 2113 ff. BGB** (z. B. bei Grundstücksverfügungen), sofern der Erblasser ihn nicht **befreit** hat (§ 2136 BGB); unentgeltliche Verfügungen (§ 2113 Abs. 2 BGB) bleiben auch dann beschränkt. Dies schützt die Nacherben besser, schränkt den Überlebenden aber schon zu Lebzeiten ein.

Das OLG Köln (Beschl. v. 10.11.2016 – 2 Wx 534/16) hielt bei einer Wiederverheiratungsklausel in der Kombination aus auflösend bedingter Vollerbschaft und aufschiebend bedingter Vorerbschaft den Nachweis der Verfügungsbefugnis der Witwe gegenüber dem Grundbuchamt für **nicht erbracht**. Zwar spreche grundsätzlich eine Vermutung für eine befreite Vorerbschaft; maßgeblich sei aber der durch Auslegung zu ermittelnde Erblasserwille. Im konkreten Testament sprach die Streichung einer Änderungsbefugnis eher **gegen eine Befreiung**; verbleibende Zweifel sind im Erbscheinsverfahren zu klären. Das zeigt: **Ob die Vorerbschaft befreit ist, folgt aus der Auslegung**, nicht aus der Wiederverheiratungsklausel selbst.

## Praktische Folgen

- **Bis zur Wiederheirat oder zum Tod des Überlebenden** bleibt unsicher, ob der Überlebende Voll- oder Vorerbe ist. Banken, Grundbuchamt und Käufer verlangen deshalb oft Nachweise (Erbschein mit Vorerbenvermerk, Eheschließungs- bzw. Ledigennachweis).
- **Verfügungen** des Überlebenden über Nachlassgegenstände (z. B. Verkauf einer Immobilie) können bei Eintritt der Bedingung gegenüber den Nacherben unwirksam sein (§ 2113 BGB), soweit keine Befreiung besteht.
- **Pflichtteil:** Die Klausel nimmt den gesetzlichen Pflichtteil nicht. Ob im Einzelfall ein Pflichtteil verlangt werden kann (etwa nach Ausschlagung gemäß § 2306 BGB), ist gesondert zu prüfen.
- **Bindungswirkung:** In einem gemeinschaftlichen Testament können die Verfügungen **wechselbezüglich** und damit nach dem Tod des Erstversterbenden **bindend** sein (§§ 2270, 2271 BGB). Der Überlebende kann die Klausel dann nicht einseitig ändern, wenn er das Erbe angenommen hat.
- **Erbschaftsteuer:** Vor- und Nacherbfall können jeweils steuerlich relevant sein; die Einzelheiten richten sich nach dem ErbStG und sollten mit Steuerberater geklärt werden.

## Häufige Fehler

- **„Wiederverheiratungsklausel = automatisch Vorerbschaft."** Falsch – eine auflösend bedingte Vollerbeinsetzung ist nicht per Definition Vorerbschaft (BGH, Beschl. v. 06.11.1985 – IVa ZB 5/85).
- **„Die Klausel gilt auch bei neuer Lebensgefährtin."** Nicht ohne Weiteres – sie knüpft nach Wortlaut an die **Heirat** an; für nichteheliche Partner muss sie ausdrücklich erweitert werden.
- **„Der Überlebende kann die Klausel jederzeit ändern."** Falsch – bei wechselbezüglichen Verfügungen im gemeinschaftlichen Testament besteht nach dem ersten Erbfall grundsätzlich Bindung (§§ 2270, 2271 BGB).
- **„Die Klausel ersetzt die Pflichtteilsstrafklausel."** Falsch – sie regelt nur die Folgen einer Wiederheirat; zum Schutz vor Pflichtteilsforderungen der Kinder nach dem ersten Erbfall dient die Pflichtteilsstrafklausel (siehe Berliner Testament).
- **„Ein handschriftlicher Satz genügt immer."** Gefährlich – unklare Formulierungen führen zu Auslegungsstreit und zu Erbscheinsverfahren; Gestaltung durch Notar oder Fachanwalt empfohlen.

## Änderungsverlauf

- 2026-10-11: Erstveröffentlichung. §§ 2074, 2075, 2269 BGB sinngemäß gegen dejure.org geprüft (gesetze-im-internet.de war für den automatisierten Abruf gesperrt); BGH IVa ZB 5/85 und OLG Köln 2 Wx 534/16 anhand der Besprechungen geprüft. Wortlaut der §§ 2100 ff., 2113, 2136 BGB nicht erneut am Gesetzestext verifiziert – daher factcheck_status review_needed. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Nexvyra Erbrecht-Agent (automatisiert)"
- 2026-10-12: Faktencheck – **freigegeben** (Status war review_needed). §§ 2074, 2075 BGB (dejure.org), § 2269, § 2113 BGB (lxgesetze.de), § 2136 BGB im Wortlaut geprüft; BGH, Beschl. v. 06.11.1985 – IVa ZB 5/85, BGHZ 96, 198 am Volltext (lorenz.userweb.mwn.de) bestätigt; OLG Köln 2 Wx 534/16 am Volltext (iww.de) geprüft. Korrigiert: (1) OLG Köln stellte nicht fest, dass die Vorerbschaft „nicht befreit“ war, sondern hielt den Nachweis der Verfügungsbefugnis im Grundbuchverfahren für nicht erbracht (Vermutung für Befreiung, Auslegung entscheidet, Klärung im Erbscheinsverfahren); (2) § 2075 BGB am Wortlaut präzisiert; (3) § 2136 BGB: Befreiung erfasst nicht § 2113 Abs. 2; (4) Ungewissheit besteht bis Wiederheirat oder Tod (BGHZ 96, 198); (5) § 10 LPartG → § 10 Abs. 4 LPartG (buzer); (6) unbelegte Pflichtteilsaussage vorsichtig umformuliert. field="legal_content" | change_type=factcheck field="factcheck_status" old="review_needed" new="ok" reviewed_by="Claude (Freigabe-Aufholer 12.10.2026)"

## Stand

- Stand: 2026-10-12
- Gültig ab: 1900-01-01 (BGB)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (BGB, BGH)
- Lizenz: CC BY 4.0

## Quellen

- § 2074 BGB – Aufschiebende Bedingung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2074.html
- § 2075 BGB – Auflösende Bedingung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2075.html
- § 2269 BGB – Gegenseitige Einsetzung:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2269.html
- §§ 2100 ff. BGB – Nacherbschaft:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2100.html
- §§ 2113 ff. BGB – Verfügungsbeschränkungen des Vorerben:
  https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2113.html
- BGH, Beschl. v. 06.11.1985 – IVa ZB 5/85 (BGHZ 96, 198):
  https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=06.11.1985&Aktenzeichen=IVa%20ZB%205/85
- BGHZ 96, 198 (Volltext):
  https://lorenz.userweb.mwn.de/urteile/bghz96_198.htm
- OLG Köln, Beschl. v. 10.11.2016 – 2 Wx 534/16 (Besprechung):
  https://www.iww.de/erbbstg/zivilrecht-aktuell/grundbuchamt-kombination-aus-aufloesend-bedingter-vollerbschaft-und-aufschiebend-bedingter-vorerbschaft-f103167

## Stand

- Letzte Änderung: 2026-10-12
- Letzte Prüfung: 2026-10-12
- In Kraft seit: 1900-01-01
- Status: In Kraft
- Quellen-Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
