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title: Zugewinnausgleich im Todesfall (§ 1371 BGB) – erbrechtliche und güterrechtliche Lösung, großer und kleiner Pflichtteil
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# Zugewinnausgleich im Todesfall (§ 1371 BGB) – erbrechtliche und güterrechtliche Lösung, großer und kleiner Pflichtteil

## Kurzantwort

Lebten Ehegatten im gesetzlichen Güterstand der **Zugewinngemeinschaft** und stirbt einer von ihnen, wird der Zugewinnausgleich in der Regel **pauschal** verwirklicht: Der **gesetzliche Erbteil** des überlebenden Ehegatten **erhöht sich um ein Viertel der Erbschaft** (§ 1371 Abs. 1 BGB). Dabei ist **unerheblich, ob im Einzelfall überhaupt ein Zugewinn erzielt** wurde. Diese sogenannte **erbrechtliche Lösung** führt dazu, dass der Ehegatte **neben Kindern** (Verwandte 1. Ordnung) statt 1/4 die **Hälfte (1/2)** und **neben Eltern/Geschwistern** (2. Ordnung) bzw. Großeltern statt 1/2 **drei Viertel (3/4)** der Erbschaft erhält. Wird der Ehegatte **nicht Erbe** und erhält auch **kein Vermächtnis** (z. B. weil er enterbt wurde oder die Erbschaft ausschlägt), greift die **güterrechtliche Lösung**: Er kann den **konkret berechneten Zugewinnausgleich** (§§ 1373–1383, 1390 BGB) verlangen **plus** den **kleinen Pflichtteil**, der sich nach dem **nicht erhöhten** gesetzlichen Erbteil bemisst (§ 1371 Abs. 2, Abs. 3 BGB). § 1371 steht systematisch im **Familienrecht**, wirkt aber unmittelbar auf die **Erbquote** und den **Pflichtteil** des Ehegatten.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 1371 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Anwendungsvoraussetzung | Güterstand der Zugewinngemeinschaft (§ 1363 BGB), beendet durch Tod |
| Erbrechtliche Lösung (Abs. 1) | Gesetzlicher Erbteil des Ehegatten + **1/4 der Erbschaft**, pauschal [§ 1371 Abs. 1 BGB] |
| Zugewinn im Einzelfall | Unerheblich – Pauschale gilt auch ohne tatsächlichen Zugewinn [§ 1371 Abs. 1 BGB] |
| Erbteil neben Kindern (1. Ordnung) | 1/4 (§ 1931 Abs. 1) + 1/4 (§ 1371 Abs. 1) = **1/2** |
| Erbteil neben Eltern/Geschwistern, Großeltern (2. Ordnung) | 1/2 (§ 1931 Abs. 1) + 1/4 (§ 1371 Abs. 1) = **3/4** |
| Verweis im Erbrecht | § 1931 Abs. 3 BGB: „Die Vorschrift des § 1371 bleibt unberührt." |
| Güterrechtliche Lösung (Abs. 2) | Ehegatte nicht Erbe/kein Vermächtnis → konkreter Zugewinnausgleich §§ 1373–1383, 1390 + Pflichtteil nach **nicht erhöhtem** Erbteil |
| Ausschlagung (Abs. 3) | Ehegatte schlägt aus → konkreter Zugewinnausgleich + Pflichtteil, auch wenn erbrechtlich nicht zustünde [§ 1371 Abs. 3 BGB] |
| Ausnahme Abs. 3 | Gilt nicht bei vertraglichem Erb- oder Pflichtteilsverzicht (§ 2346 BGB) |
| Großer Pflichtteil | 1/2 des um 1/4 **erhöhten** Erbteils (erbrechtliche Lösung) |
| Kleiner Pflichtteil | 1/2 des **nicht erhöhten** Erbteils + konkreter Zugewinnausgleich (güterrechtliche Lösung) |
| Gütertrennung | Kein pauschales Viertel; neben 1–2 Kindern gleiche Teile [§ 1931 Abs. 4 BGB] |
| Stief-Abkömmlinge (Abs. 4) | Ausbildungsmittel aus dem zusätzlichen Viertel, wenn bedürftig [§ 1371 Abs. 4 BGB] |
| Steuer | Fiktive Ausgleichsforderung bleibt erbschaftsteuerfrei [§ 5 ErbStG] |
| EU-Bezug | Pauschalviertel des Abs. 1 ist erbrechtlich zu qualifizieren (EuGH „Mahnkopf") |

## Geltungsbereich

§ 1371 BGB greift **nur** im gesetzlichen Güterstand der **Zugewinngemeinschaft** (§ 1363 BGB) – also wenn die Ehegatten **keinen Ehevertrag** geschlossen haben, der Gütertrennung oder Gütergemeinschaft vereinbart. Die Norm gilt über § 6 LPartG entsprechend für **eingetragene Lebenspartnerschaften** (Bestandspartnerschaften). Bei **Gütertrennung** entfällt das pauschale Viertel vollständig; stattdessen ordnet § 1931 Abs. 4 BGB an, dass der überlebende Ehegatte neben **einem oder zwei** Kindern zu **gleichen Teilen** erbt (bei drei oder mehr Kindern bleibt es beim Viertel nach § 1931 Abs. 1). Bei **Gütergemeinschaft** gelten die allgemeinen Erbquoten des § 1931 ohne Zugewinnzuschlag. § 1371 setzt außerdem voraus, dass **deutsches Güterrecht** auf die Ehe anwendbar ist; in grenzüberschreitenden Fällen entscheidet die EU-Güterrechtsverordnung (VO 2016/1103) bzw. das internationale Privatrecht.

## Erbrechtliche vs. güterrechtliche Lösung

**Erbrechtliche Lösung (§ 1371 Abs. 1 BGB).** Der Regelfall. Wird der Ehegatte gesetzlicher (oder testamentarischer) **Erbe**, erhält er sein pauschales Viertel als Zugewinnausgleich zusätzlich zum Erbteil des § 1931 Abs. 1 BGB – **ohne** Rücksicht darauf, ob tatsächlich ein Zugewinn erwirtschaftet wurde. Vorteil: einfache, streitfreie Abwicklung ohne Berechnung von Anfangs- und Endvermögen.

**Güterrechtliche Lösung (§ 1371 Abs. 2 BGB).** Wird der Ehegatte **weder Erbe noch Vermächtnisnehmer** – etwa weil er **enterbt** wurde –, kann er den **konkret berechneten** Zugewinnausgleich nach §§ 1373–1383, 1390 BGB fordern. Zusätzlich steht ihm der **kleine Pflichtteil** zu, der sich nach dem **nicht erhöhten** gesetzlichen Erbteil (also ohne das Viertel) bemisst. Diese Variante lohnt sich, wenn der Erblasser einen **hohen tatsächlichen Zugewinn** erzielt hat, der das pauschale Viertel übersteigt.

**Ausschlagung als Wahlrecht (§ 1371 Abs. 3 BGB).** Ist der Ehegatte als Erbe eingesetzt, kann er die Erbschaft **ausschlagen** und dann – wie in der güterrechtlichen Lösung – den konkreten Zugewinnausgleich **plus** den (kleinen) Pflichtteil verlangen, selbst wenn ihm der Pflichtteil erbrechtlich sonst nicht zustünde. Das eröffnet dem Ehegatten faktisch ein **Wahlrecht** zwischen pauschalem Viertel (annehmen) und konkretem Ausgleich (ausschlagen). Das Wahlrecht ist **ausgeschlossen**, wenn der Ehegatte durch Vertrag mit dem Erblasser auf sein Erb- oder Pflichtteilsrecht **verzichtet** hat (§ 2346 BGB).

## Großer und kleiner Pflichtteil — Beispiel

Der Unterschied wird beim **enterbten Ehegatten** praktisch relevant. Beispiel: Erblasser hinterlässt Ehefrau (Zugewinngemeinschaft) und zwei Kinder.

**Großer Pflichtteil (erbrechtliche Lösung):** Der Ehegatten-Erbteil beträgt hier 1/2 (1/4 nach § 1931 + 1/4 nach § 1371 Abs. 1). Der große Pflichtteil ist die Hälfte davon = **1/4** des Nachlasses. Er kommt zum Tragen, wenn der Ehegatte Erbe/Vermächtnisnehmer geworden **wäre** und lediglich enterbt ist, ohne dass ein konkreter Zugewinnausgleich verlangt wird.

**Kleiner Pflichtteil (güterrechtliche Lösung):** Hier zählt der **nicht erhöhte** Erbteil von 1/4. Der kleine Pflichtteil ist die Hälfte = **1/8** des Nachlasses – **zusätzlich** zum konkret berechneten Zugewinnausgleich nach §§ 1373 ff. BGB.

Faustregel: **Kleiner Pflichtteil + konkreter Zugewinnausgleich** ist günstiger, wenn der Erblasser während der Ehe einen deutlich höheren Zugewinn als der überlebende Ehegatte erzielt hat; sonst ist der **große Pflichtteil** meist vorteilhafter.

## Steuer und grenzüberschreitende Fälle

**Erbschaftsteuer:** Nach § 5 ErbStG bleibt die (fiktive) **Ausgleichsforderung steuerfrei** – auch bei der erbrechtlichen Lösung wird der Betrag, der als konkreter Zugewinnausgleich hätte geltend gemacht werden können, nicht besteuert. Das pauschale Viertel selbst unterliegt dagegen grundsätzlich der Erbschaftsteuer (nach Abzug des Ehegattenfreibetrags von 500.000 € gemäß § 16 ErbStG).

**EU-Erbfälle:** Der Europäische Gerichtshof hat in der Entscheidung **„Mahnkopf" (C-558/16, Urteil vom 1. März 2018)** klargestellt, dass die pauschale Erhöhung des Erbteils nach § 1371 Abs. 1 BGB **erbrechtlich** zu qualifizieren ist und damit in den Anwendungsbereich der **EU-Erbrechtsverordnung (VO 650/2012)** fällt. Das Pauschalviertel kann daher im **Europäischen Nachlasszeugnis** ausgewiesen werden.

## Häufige Fehler

- **„Das Viertel gibt es nur, wenn wirklich ein Zugewinn entstanden ist."** Falsch – § 1371 Abs. 1 BGB gewährt die Pauschale **unabhängig** vom tatsächlichen Zugewinn.
- **„§ 1371 gilt für jede Ehe."** Falsch – die Pauschale greift **nur** in der Zugewinngemeinschaft. Bei Gütertrennung gilt § 1931 Abs. 4 BGB (gleiche Teile neben 1–2 Kindern), bei Gütergemeinschaft nur § 1931 Abs. 1.
- **„Enterbter Ehegatte bekommt den großen Pflichtteil und den Zugewinnausgleich."** Falsch – wer nicht Erbe/Vermächtnisnehmer wird, erhält den **konkreten** Zugewinnausgleich **plus kleinen** Pflichtteil (§ 1371 Abs. 2 BGB), nicht den großen.
- **„Ausschlagen ist immer nachteilig."** Nicht zwingend – § 1371 Abs. 3 BGB macht die Ausschlagung zum **Wahlrecht**; bei hohem Zugewinn des Erblassers kann konkreter Ausgleich + kleiner Pflichtteil mehr einbringen.
- **„Nach einem Erbverzicht kann der Ehegatte trotzdem ausschlagen und Zugewinn verlangen."** Falsch – § 1371 Abs. 3 Halbsatz 2 BGB schließt das bei vertraglichem Erb-/Pflichtteilsverzicht (§ 2346 BGB) aus.
- **„Das Pauschalviertel ist Familienrecht und zählt im EU-Nachlasszeugnis nicht."** Falsch – der EuGH („Mahnkopf") qualifiziert es erbrechtlich; es fällt unter die VO 650/2012.



## Quellen

- § 1371 BGB – Zugewinnausgleich im Todesfall: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1371.html
- § 1371 BGB – Zugewinnausgleich im Todesfall (dejure.org, mit Rechtsprechung): https://dejure.org/gesetze/BGB/1371.html
- § 1931 BGB – Gesetzliches Erbrecht des Ehegatten: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1931.html
- § 1931 BGB – Gesetzliches Erbrecht des Ehegatten (dejure.org): https://dejure.org/gesetze/BGB/1931.html
- § 1363 BGB – Zugewinngemeinschaft: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1363.html
- §§ 1373–1383 BGB – Berechnung des Zugewinns/Ausgleichsforderung: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1373.html
- § 1390 BGB – Ansprüche des Ausgleichsberechtigten gegen Dritte: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1390.html
- § 2303 BGB – Pflichtteil: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2303.html
- § 2346 BGB – Erb- und Pflichtteilsverzicht: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2346.html
- § 5 ErbStG – Zugewinngemeinschaft (Steuerfreiheit der Ausgleichsforderung): https://www.gesetze-im-internet.de/erbstg_1974/__5.html
- § 16 ErbStG – Freibeträge: https://www.gesetze-im-internet.de/erbstg_1974/__16.html
- EuGH, Urteil vom 01.03.2018 – C-558/16 (Mahnkopf): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=EuGH&Datum=01.03.2018&Aktenzeichen=C-558/16

## Änderungsverlauf

- 2026-07-09: Erstveröffentlichung. Wortlaut § 1371 Abs. 1–4 BGB gegen dejure.org und gesetze-im-internet.de verifiziert; § 1931 Abs. 1, 3, 4 BGB bestätigt; großer/kleiner Pflichtteil, § 5 ErbStG und EuGH „Mahnkopf" (C-558/16) geprüft. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"

## Stand

- Stand: 2026-07-09
- Gültig ab: 1958-07-01 (Gleichberechtigungsgesetz; Zugewinngemeinschaft als gesetzlicher Güterstand)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (BGB, ErbStG, EuGH)
- Lizenz: CC BY 4.0
