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title: BFH VIII R 38/23 — Festsetzungsverjährung sperrt den Freistellungsbescheid nach § 32 Abs. 5 Satz 6 KStG, keine Anlaufhemmung für ausländische Dividendenempfänger
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topic: steuerrecht
event_date: 2026-08-27
published: 2026-08-29
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# BFH VIII R 38/23 — Festsetzungsverjährung sperrt den Freistellungsbescheid nach § 32 Abs. 5 Satz 6 KStG, keine Anlaufhemmung für ausländische Dividendenempfänger

## Kurzmeldung

Der **VIII. Senat des Bundesfinanzhofs** hat mit Urteil vom **23. Juni 2026 (VIII R 38/23)** entschieden: Ein **Freistellungsbescheid nach § 32 Abs. 5 Satz 6 KStG i.V.m. § 155 Abs. 1 Satz 3 AO** kann nicht mehr ergehen, wenn die Festsetzungsfrist für die zu erstattende Kapitalertragsteuer bereits vor der Antragstellung abgelaufen ist. Eine **Anlaufhemmung entsprechend § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO** ist in diesem Erstattungsverfahren **nicht** zu berücksichtigen; das ist mit dem unionsrechtlichen Effektivitäts- und Äquivalenzprinzip vereinbar. Die Revision einer zyprischen Kapitalgesellschaft gegen das Urteil des FG Köln wurde zurückgewiesen. Veröffentlicht wurde die Entscheidung am **27. August 2026**.

## Kernfakten

| Punkt | Wert |
|---|---|
| Datum | Urteil: 2026-06-23 — BFH-Veröffentlichung: 2026-08-27 |
| Gericht/Institution | Bundesfinanzhof, VIII. Senat |
| Aktenzeichen | VIII R 38/23 (ECLI:DE:BFH:2026:U.230626.VIIIR38.23.0) |
| Rechtsgrundlage | § 155 Abs. 1 Satz 3, § 169 Abs. 1 Satz 1, § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, § 170 Abs. 1, § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1, § 171 Abs. 3, § 218 Abs. 1 AO; § 31 Abs. 1 Satz 1, § 32 Abs. 1 Nr. 2, § 32 Abs. 5 Satz 1 und Satz 6 KStG; Art. 63, Art. 267 Abs. 3 AEUV |
| Vorinstanz | FG Köln, Urteil vom 14.12.2022 — 2 K 1923/20 |
| Streitjahr | Veranlagungszeitraum 2008 |
| Tenor | Revision der Klägerin als unbegründet zurückgewiesen; Kosten trägt die Klägerin |
| Wirkung | Rechtsprechung, unmittelbar anwendbar; keine EuGH-Vorlage |

## Was das bedeutet

§ 32 Abs. 5 KStG wurde 2013 eingeführt, um das EuGH-Urteil vom 20.10.2011 – C-284/09 umzusetzen: Beschränkt steuerpflichtige Kapitalgesellschaften aus EU/EWR, die die Mindestbeteiligung der Mutter-Tochter-Richtlinie nicht erreichen, können sich die abgeltend einbehaltene **Kapitalertragsteuer auf Antrag erstatten** lassen. Der Antrag ist nach dem Gesetzeswortlaut **nicht fristgebunden** — der BFH stellt nun klar, dass das nichts nützt: Weil der Freistellungsbescheid einer Steuerfestsetzung gleichsteht, folgt schon aus § 169 Abs. 1 Satz 1 AO, dass er nach Ablauf der **vierjährigen Festsetzungsfrist** nicht mehr erlassen werden darf. Nur ein **vor** Fristablauf gestellter Antrag hemmt den Ablauf nach § 171 Abs. 3 AO.

Im Streitfall floss die Dividende 2008 zu; die Frist lief damit mit **Ablauf des 31.12.2012** ab. Der erst im November 2013 gestellte Antrag kam zu spät. Der frühere DBA-Erstattungsantrag (Freistellungsbescheid vom 15.01.2009) half nicht: Die Ablaufhemmung reicht nur so weit wie das damals konkret gestellte Freistellungsbegehren. Auch die nachträgliche Einführung von § 32 Abs. 5 KStG ist **kein rückwirkendes Ereignis** im Sinne des § 175 Abs. 1 AO.

Zur unionsrechtlichen Kernfrage — ob der beschränkt Steuerpflichtige die Anlaufhemmung des § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO beanspruchen kann, die dem inländischen, erklärungspflichtigen Anteilseigner faktisch mindestens ein Jahr mehr Zeit verschafft — verneint der Senat eine Verletzung des **Äquivalenzprinzips**: Die Anlaufhemmung ist an die Steuererklärungspflicht im Veranlagungsverfahren gekoppelt, während das Erstattungsverfahren nach § 32 Abs. 5 KStG ein **antragsgebundenes, freiwilliges** Verfahren ist, in dem bereits die Antragstellung die Ablaufhemmung auslöst. Beides zusätzlich zu gewähren würde ausländische Anteilseigner einseitig bevorzugen. Auch das **Effektivitätsprinzip** ist gewahrt: Vier Jahre ab Ende des Entstehungsjahres reichen einem durchschnittlich aufmerksamen Steuerpflichtigen. Die Klägerin hätte den unionsrechtlichen Erstattungsanspruch bereits ab 2009 (BFH I R 53/07) und spätestens nach Veröffentlichung des EuGH-Urteils im Amtsblatt am 10.12.2011 vor dem 31.12.2012 geltend machen können.

Praktische Folge für in- und ausländische Berater: Bei Kapitalertragsteuer-Erstattungen nach § 32 Abs. 5 KStG (und in der Parallelkonstellation § 50d Abs. 1 Satz 2 EStG analog) ist der **Antrag rein defensiv innerhalb der vierjährigen Festsetzungsfrist** zu stellen — auch wenn die materielle Erstattungsgrundlage noch strittig oder gesetzlich noch nicht ausformuliert ist. Ein Sammel- oder Teilantrag zu einem anderen Rechtsgrund schützt den Rest nicht.

## Für vertiefte Information

- [Abgeltungsteuer § 32d EStG – 25 % auf Kapitalerträge](/fakten/abgeltungssteuer-32d-estg.html)
- [Nachzahlungszinsen und Erstattungszinsen (§§ 233a, 238 AO)](/fakten/nachzahlungszinsen-erstattungszinsen-233a-ao.html)

## Quelle

- BFH, Urteil vom 23.06.2026 – VIII R 38/23, Entscheidungen online: https://www.bundesfinanzhof.de/de/entscheidung/entscheidungen-online/detail/STRE202610163/
- BFH, Urteil vom 23.06.2026 – VIII R 38/23 (PDF): https://www.bundesfinanzhof.de/de/entscheidung/entscheidungen-online/detail/pdf/STRE202610163?type=1646225765
- Vorinstanz: FG Köln, Urteil vom 14.12.2022 – 2 K 1923/20 (EFG 2023, 858)

## Stand

- News-Publikation: 2026-08-29
- Ereignis-Datum: 2026-08-27
- Rechtsbereich: Steuerrecht
- Autorität: A
- Lizenz: CC BY 4.0
