Erbvertrag (§§ 2274–2302 BGB) – Bindungswirkung, Form, Rücktritt, Abgrenzung zum Testament In Kraft
Kernfakten
| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | §§ 2274–2302 BGB [gesetze-im-internet.de] |
| Rechtsnatur | Vertrag + Verfügung von Todes wegen (§ 1941 BGB) |
| Form | Notarielle Beurkundung bei gleichzeitiger Anwesenheit beider Teile [§ 2276 Abs. 1 BGB] |
| Höchstpersönlichkeit | Erblasser muss persönlich schließen, keine Vertretung [§ 2274 BGB] |
| Geschäftsfähigkeit | Erblasser muss unbeschränkt geschäftsfähig sein [§ 2275 BGB] |
| Vertragsmäßige Verfügungen | Nur Erbeinsetzungen, Vermächtnisse, Auflagen und die Wahl des anzuwendenden Erbrechts [§ 2278 Abs. 2 BGB] |
| Bindungswirkung | Spätere abweichende letztwillige Verfügung unwirksam, soweit sie den Bedachten beeinträchtigt [§ 2289 BGB] |
| Frühere Verfügung | Wird durch Erbvertrag aufgehoben, soweit sie das Recht des Bedachten beeinträchtigt [§ 2289 Abs. 1 BGB] |
| Beeinträchtigende Schenkungen | Vertragserbe kann nach Erbfall Herausgabe vom Beschenkten verlangen [§ 2287 BGB] |
| Aufhebung | Durch Vertrag der Vertragschließenden, notarielle Form [§ 2290 BGB] |
| Rücktritt bei Vorbehalt | Zulässig, wenn im Vertrag vorbehalten [§ 2293 BGB] |
| Rücktritt bei Verfehlung | Bei Verfehlungen des Bedachten, die zur Pflichtteilsentziehung berechtigen [§ 2294 BGB] |
| Rücktritt bei Wegfall Gegenleistung | Bei Aufhebung einer wiederkehrenden Gegenverpflichtung [§ 2295 BGB] |
| Form des Rücktritts | Höchstpersönlich, notariell beurkundete Erklärung [§ 2296 BGB] |
| Verwahrung | Besondere amtliche Verwahrung, sofern die Vertragschließenden sie nicht ausschließen, sonst notarielle Verwahrung [§ 34 Abs. 2, 3 BeurkG]; Rücknahme nur gemeinschaftlich und nur bei reinem Erbvertrag, gilt dann als widerrufen [§ 2300 Abs. 2 BGB] |
| Kombination mit Ehevertrag | Form des Ehevertrags genügt bei Ehegatten/Verlobten in einer Urkunde [§ 2276 Abs. 2 BGB] |
| Notarkosten | 2,0-Gebühr nach GNotKG (KV 21100), Geschäftswert = Vermögen abzüglich Verbindlichkeiten, Abzug höchstens bis zur Hälfte des Vermögenswerts [§ 102 Abs. 1 GNotKG] |
| Registrierung | Eintragung im Zentralen Testamentsregister (ZTR) [testamentsregister.de] |
| Pflichtteil | Bleibt trotz Erbvertrag bestehen [§ 2303 BGB] |
Geltungsbereich
Der Erbvertrag ist die geeignete Gestaltung, wenn eine erbrechtliche Zusage verbindlich sein soll – etwa als Gegenleistung für Pflege, Betriebsübergabe oder Versorgung. Weil er beide Seiten (oder zumindest den verfügenden Erblasser) bindet, wird er häufig zwischen Ehegatten, Lebenspartnern, Unternehmern und ihren Nachfolgern oder im Rahmen von Übergabeverträgen eingesetzt. Am Erbvertrag können auch mehrere Personen als Erblasser beteiligt sein; ein Vertragspartner kann sich zudem darauf beschränken, die Verfügung des anderen nur anzunehmen, ohne selbst zu verfügen. Der Erbvertrag ist – wie das Testament – dem deutschen Erbstatut zugeordnet und kommt zur Anwendung, wenn nach der EU-Erbrechtsverordnung (VO 650/2012) deutsches Erbrecht gilt.
Bindungswirkung — der zentrale Unterschied zum Testament
Der Kern des Erbvertrags ist die Bindung an die vertragsmäßigen Verfügungen (§ 2289 BGB). Eine frühere letztwillige Verfügung des Erblassers wird aufgehoben, soweit sie das Recht des vertraglich Bedachten beeinträchtigen würde; eine spätere einseitige Verfügung ist insoweit unwirksam. Der Erblasser verliert also die freie Testierfähigkeit über den gebundenen Teil.
Wichtig ist die Abgrenzung zwischen vertragsmäßigen und einseitigen Verfügungen: Nur Erbeinsetzungen, Vermächtnisse, Auflagen und die Wahl des anzuwendenden Erbrechts können vertragsmäßig – und damit bindend – getroffen werden (§ 2278 Abs. 2 BGB). Andere Anordnungen (z. B. Testamentsvollstreckung, Teilungsanordnungen) sind stets nur einseitig und bleiben frei widerruflich wie in einem Testament. Ob eine Verfügung vertragsmäßig oder einseitig gemeint ist, ist im Zweifel durch Auslegung zu ermitteln.
Gegen Umgehung durch lebzeitige Schenkungen schützt § 2287 BGB: Hat der Erblasser in Beeinträchtigungsabsicht verschenkt, kann der Vertragserbe nach dem Erbfall vom Beschenkten Herausgabe nach Bereicherungsrecht verlangen.
Lösung vom Erbvertrag — Aufhebung und Rücktritt
Ein Erbvertrag kann nicht einseitig widerrufen werden wie ein Testament. Möglich sind:
Aufhebungsvertrag (§ 2290 BGB): Die Vertragschließenden heben den Erbvertrag einvernehmlich auf – zu Lebzeiten beider und in notarieller Form.
Rücktritt durch einseitige Erklärung – aber nur in engen Fällen: bei ausdrücklichem Rücktrittsvorbehalt im Vertrag (§ 2293 BGB), bei schweren Verfehlungen des Bedachten, die zur Pflichtteilsentziehung berechtigen würden (§ 2294 BGB), oder bei Wegfall einer im Vertrag vereinbarten wiederkehrenden Gegenverpflichtung (§ 2295 BGB, z. B. Pflege- oder Rentenverpflichtung). Der Rücktritt muss höchstpersönlich und durch notariell beurkundete Erklärung gegenüber dem anderen Teil erfolgen (§ 2296 BGB). Soweit der Erblasser zum Rücktritt berechtigt ist, kann er nach dem Tod des anderen Vertragschließenden die vertragsmäßige Verfügung durch Testament aufheben (§ 2297 S. 1 BGB). Daneben gelten für die einzelnen Verfügungen die allgemeinen Regeln über Anfechtung (§§ 2281 ff. BGB).
Kosten und Verwahrung
Der Erbvertrag löst beim Notar eine 2,0-Gebühr nach dem GNotKG aus (Beurkundungsverfahren, KV-Nr. 21100) – doppelt so hoch wie beim notariellen Einzeltestament (1,0-Gebühr). Maßgeblich für die Höhe ist der Geschäftswert: der Wert des Vermögens des Erblassers, wobei Verbindlichkeiten nur bis zur Hälfte des Vermögenswerts abgezogen werden (§ 102 Abs. 1 GNotKG). Der Erbvertrag wird in besondere amtliche Verwahrung gebracht, sofern die Vertragschließenden dies nicht ausschließen; andernfalls bleibt er in notarieller Verwahrung (§ 34 Abs. 2, 3 BeurkG). Er wird im Zentralen Testamentsregister der Bundesnotarkammer registriert, sodass das Nachlassgericht im Erbfall automatisch benachrichtigt wird. Ein Erbvertrag, der nur Verfügungen von Todes wegen enthält, kann aus der amtlichen oder notariellen Verwahrung zurückgenommen werden; die Rückgabe erfolgt nur an alle Vertragschließenden gemeinschaftlich und nur zu Lebzeiten aller (§ 2300 Abs. 2 S. 1, 2 i. V. m. § 2290 Abs. 1 S. 2 BGB). Mit der Rücknahme gilt der Erbvertrag als widerrufen (§ 2300 Abs. 2 S. 3 i. V. m. § 2256 Abs. 1 BGB).
Häufige Fehler
- „Ein Erbvertrag lässt sich wie ein Testament einfach widerrufen." Falsch — vertragsmäßige Verfügungen binden (§ 2289 BGB). Eine Lösung ist nur durch Aufhebungsvertrag (§ 2290 BGB) oder Rücktritt in den engen Fällen der §§ 2293–2295 BGB möglich.
- „Alles im Erbvertrag ist bindend." Nur teilweise — bindend sind ausschließlich die vertragsmäßigen Erbeinsetzungen, Vermächtnisse, Auflagen und Rechtswahlen (§ 2278 Abs. 2 BGB). Einseitige Anordnungen bleiben frei widerruflich.
- „Ein Erbvertrag kann handschriftlich errichtet werden." Falsch — er bedarf zwingend der notariellen Beurkundung bei gleichzeitiger Anwesenheit beider Teile (§ 2276 BGB). Die eigenhändige Form des § 2247 BGB gilt nur für das Testament.
- „Der Erbvertrag schließt den Pflichtteil aus." Falsch — der Pflichtteil naher Angehöriger (§ 2303 BGB) bleibt bestehen; er kann nur durch notariellen Pflichtteilsverzicht (§ 2346 BGB) beseitigt werden.
- „Nach Abschluss kann der Erblasser sein Vermögen frei verschenken." Riskant — bei Schenkungen in Beeinträchtigungsabsicht kann der Vertragserbe nach dem Erbfall Herausgabe vom Beschenkten verlangen (§ 2287 BGB).
Änderungsverlauf
- 2026-07-08: Erstveröffentlichung der Faktenseite, alle Quellen-URLs gegen amtliche Stellen gegengeprüft, Frontmatter-Felder gesetzt (legal_status, authority_level, wikidata_subjects). | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
- 2026-10-09: Faktencheck (Status war stale, Altersgrenze 90 Tage). Gegen lxgesetze.de (BGB-Stand 23.07.2026), buzer.de-Fassungshistorie und GNotKG (gesetze-im-internet.de, Anlage 1) geprüft: §§ 1941, 2274, 2276, 2287, 2289, 2290, 2293–2296 BGB, KV 21100 (2,0) / 21200 (1,0) bestätigt. Korrekturen: (1) Rücknahme aus der Verwahrung war sachlich falsch dargestellt – nach § 2300 Abs. 2 S. 3 i. V. m. § 2256 Abs. 1 BGB gilt der reine Erbvertrag mit der Rücknahme als widerrufen; Rückgabe nur gemeinschaftlich (§ 2300 Abs. 2 S. 1, 2). (2) § 2300a BGB ist seit 01.09.2009 aufgehoben; Verwahrung nach § 34 Abs. 2, 3 BeurkG. (3) § 2278 Abs. 2 umfasst seit 17.08.2015 auch die Rechtswahl (4 Stellen). (4) § 2275 hat seit 22.07.2017 keine Absätze mehr. (5) Geschäftswert: Schuldenabzug nur bis zur Hälfte des Vermögenswerts (§ 102 Abs. 1 GNotKG), nicht „Reinvermögen“. (6) § 2297 gilt für jedes Rücktrittsrecht. Quellenüberschrift § 2300 amtlich. valid_from von 1900-01-01 auf 2023-01-01 gesetzt (jüngste Fassung der zitierten Normen §§ 2290, 2300 laut buzer.de; Datum Autorität B). | change_type=factcheck field="factcheck_status" old="stale" new="ok" reviewed_by="Claude (Freigabe-Aufholer 09.10.2026)"
Quellen
- § 2274 BGB – Persönlicher Abschluss: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2274.html
- § 2275 BGB – Voraussetzungen: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2275.html
- § 2276 BGB – Form: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2276.html
- § 2278 BGB – Zulässige vertragsmäßige Verfügungen: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2278.html
- § 2287 BGB – Beeinträchtigende Schenkungen: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2287.html
- § 2289 BGB – Wirkung des Erbvertrags: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2289.html
- § 2290 BGB – Aufhebung durch Vertrag: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2290.html
- § 2293 BGB – Rücktritt bei Vorbehalt: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2293.html
- § 2294 BGB – Rücktritt bei Verfehlungen des Bedachten: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2294.html
- § 2295 BGB – Rücktritt bei Aufhebung der Gegenverpflichtung: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2295.html
- § 2296 BGB – Vertretung, Form des Rücktritts: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2296.html
- § 2300 BGB – Anwendung der §§ 2259 und 2263; Rücknahme aus der amtlichen oder notariellen Verwahrung: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2300.html
- § 2303 BGB – Pflichtteilsberechtigte: https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2303.html
- Zentrales Testamentsregister – Registerkosten: https://www.testamentsregister.de/testamentsregister/registerkosten