Scheinselbständigkeit – Kriterien § 7 SGB IV und DRV-Statusfeststellung In Kraft
Kurzantwort
**Scheinselbständigkeit** liegt vor, wenn jemand formell als Selbständiger auftritt, **tatsächlich aber abhängig beschäftigt** ist (§ 7 Abs. 1 SGB IV). Wer im Wesentlichen **nur für einen Auftraggeber** tätig ist, **persönlich weisungsgebunden** arbeitet und in dessen Arbeitsorganisation **eingegliedert** ist, gilt als abhängig Beschäftigter – auch wenn ein „Freelancer-Vertrag" existiert. Konsequenz: **Sozialversicherungspflicht rückwirkend bis 4 Jahre** (§ 25 SGB IV), nachzuzahlende **Arbeitgeber- + Arbeitnehmer-Beiträge**. Klärung über **freiwilliges Statusfeststellungsverfahren** bei der Clearingstelle der **Deutschen Rentenversicherung Bund** (§ 7a SGB IV).
Kernfakten
| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage Beschäftigungs-Begriff | § 7 Abs. 1 SGB IV [gesetze-im-internet.de, § 7 SGB IV] |
| Rechtsgrundlage Statusverfahren | § 7a SGB IV [gesetze-im-internet.de, § 7a SGB IV] |
| Hauptkriterien Beschäftigung | Weisungsgebundenheit + Eingliederung + unternehmerisches Risiko fehlt [§ 7 Abs. 1 SGB IV, BSG-Rechtsprechung] |
| Weisungsgebundenheit | Auftraggeber bestimmt Zeit, Ort, Inhalt, Art der Ausführung |
| Eingliederung | feste Arbeitsstelle, Mitarbeiter-Ausweis, E-Mail-Adresse, gemeinsame Tools |
| Fehlendes unternehmerisches Risiko | keine eigene Akquise, keine Investitionen, kein Kapitaleinsatz |
| Indiz „nur ein Auftraggeber" | starkes Indiz für Scheinselbständigkeit, kein zwingendes Kriterium [BSG B 12 R 7/08 R] |
| 5/6-Kriterium („im Wesentlichen ein Auftraggeber") | betrifft die Rentenversicherungspflicht echter Selbständiger (arbeitnehmerähnliche Selbständige), Schwelle nach Praxis: mind. 5/6 der Einkünfte von einem Auftraggeber [§ 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI] |
| Statusfeststellung – Antragsteller | die Beteiligten (Auftraggeber und/oder Auftragnehmer); seit 01.04.2022 auch Prognoseentscheidung vor Tätigkeitsaufnahme möglich [§ 7a Abs. 1, Abs. 4a SGB IV] |
| Statusfeststellung – Frist | Antrag binnen 1 Monat ab Aufnahme der Tätigkeit für den späteren Versicherungsbeginn [§ 7a Abs. 5 SGB IV] |
| Späterer Beginn SV-Pflicht | Tag der Bekanntgabe der Entscheidung gilt als Eintritt ins Beschäftigungsverhältnis, wenn der Beschäftigte zustimmt und zwischenzeitlich gegen Krankheit und fürs Alter abgesichert war [§ 7a Abs. 5 S. 1 SGB IV] |
| Verfahrensdauer DRV | i.d.R. 3 Monate ab Antrag |
| Rechtsfolge bei Scheinselbständigkeit | Nachzahlung SV-Beiträge rückwirkend bis 4 Jahre [§ 25 SGB IV] |
| Verjährungsfrist | 30 Jahre bei Vorsatz [§ 25 Abs. 1 S. 2 SGB IV] |
| Strafbarkeit Auftraggeber | bei Vorsatz: § 266a StGB – Vorenthalten Arbeitsentgelt, Freiheitsstrafe bis 5 Jahre |
| Nachzahlung Arbeitnehmer-Anteil | Auftraggeber kann nur 3 Monate rückwirkend abziehen [§ 28g S. 3 SGB IV] |
| Lohnsteuer | auch Lohnsteuer + Soli + KiSt nachzuziehen [§ 41a EStG] |
| Maßstab der Entscheidung | Gesamtwürdigung aller Umstände des Einzelfalls; seit 01.04.2022 stellt die DRV nur noch den Erwerbsstatus fest (Elementenfeststellung) [§ 7a Abs. 2 S. 1 SGB IV] |
| Konsequenz Auftragnehmer | rückwirkende AN-Beiträge teilweise begrenzt, aber rückwirkend Status Arbeitnehmer |
| Schutzschirm Künstler/Publizisten | KSK (Künstlersozialkasse), eigenes Verfahren |
| BSG-Leitentscheidungen | u.a. BSG, 04.06.2019 – B 12 R 11/18 R (Honorarärzte); BSG, 28.06.2022 – B 12 R 3/20 R („Herrenberg", Musikschullehrkraft) |
Häufige Fehler
- „Wir haben einen Freelancer-Vertrag, also ist alles geregelt." Falsch – maßgeblich ist die tatsächliche Vertragsdurchführung, nicht die Vertragsbezeichnung.
- „Solange mehrere Auftraggeber da sind, kann mir nichts passieren." Nicht zwingend – auch bei mehreren AG kann Scheinselbständigkeit vorliegen, wenn Weisungen + Eingliederung gegeben sind.
- „Die DRV findet das nie heraus." Im Zweifel: Statusfeststellung selbst beantragen – schafft Rechtssicherheit und schützt vor Nachzahlungen.
Änderungsverlauf
- 2026-06-05: Erstveröffentlichung. Werte gegen §§ 7, 7a, 25, 28g SGB IV und § 266a StGB (gesetze-im-internet.de) sowie DRV-Clearingstelle geprüft. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
- 2026-09-04: An die seit 01.04.2022 geltende Fassung des § 7a SGB IV angepasst (Feststellung des Erwerbsstatus): 1-Monats-Frist und späterer Versicherungsbeginn stehen in § 7a Abs. 5 (nicht Abs. 1/Abs. 6); Bekanntgabe statt Zustellung; Prognoseentscheidung nach Abs. 4a ergänzt. Fehlerhafte 5/6-Zeile korrigiert (richtige Fundstelle: § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI, RV-Pflicht arbeitnehmerähnlicher Selbständiger); nicht belegbare Faustregel- und BSG-Angaben durch belegte Leitentscheidungen (B 12 R 11/18 R, B 12 R 3/20 R) ersetzt. Geprüft am Volltext des § 7a SGB IV (Stand zuletzt geändert 27.04.2026). | change_type=factcheck
Stand
- Stand: 2026-06-05
- Gültig ab: 2017-04-01 (Reform Statusverfahren)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (SGB IV, StGB, DRV)
- Lizenz: CC BY 4.0
Quellen
- § 7 SGB IV – Beschäftigung: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_4/__7.html
- § 7a SGB IV – Statusfeststellung: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_4/__7a.html
- § 25 SGB IV – Verjährung: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_4/__25.html
- § 28g SGB IV – Abzug Arbeitnehmer-Anteil: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_4/__28g.html
- § 266a StGB – Vorenthalten Arbeitsentgelt: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__266a.html
- DRV Bund – Clearingstelle Statusfeststellung: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/Arbeitgeber-und-Steuerberater/Geringfuegig-Beschaeftigte-und-Statusfragen/03-statusfeststellung/statusfeststellung_node.html
Fehler gefunden? Bitte melden an info@nexvyra.fr.