Digital Services Act (DSA, VO 2022/2065) – Plattform-Pflichten und Nutzerrechte 2026
Digital Services Act (DSA, VO 2022/2065) – Plattform-Pflichten und Nutzerrechte 2026
Kurzantwort
Der Digital Services Act (DSA, Verordnung (EU) 2022/2065) ist am 17.02.2024 vollständig anwendbar geworden und schafft einheitliche EU-Regeln für Vermittlungsdienste — Hosting-Anbieter, Online-Plattformen und Suchmaschinen. Kernpflichten: Notice-and-Action-Mechanismus (Meldung rechtswidriger Inhalte, Art. 16), transparente AGB und Empfehlungsalgorithmen (Art. 14, 27), Beschwerderecht der Nutzer (Art. 20), außergerichtliche Streitbeilegung (Art. 21). Very Large Online Platforms (VLOPs) und Very Large Online Search Engines (VLOSEs) mit ≥ 45 Mio EU-Nutzern haben Zusatzpflichten: Systemische Risikobewertung (Art. 34), unabhängige Audits (Art. 37), Krisenreaktionsmechanismen (Art. 36). Sanktionen: bis 6 % des weltweiten Jahresumsatzes (Art. 52). In Deutschland umgesetzt durch das Digitale-Dienste-Gesetz (DDG) vom 06.05.2024 — Aufsicht bei der Bundesnetzagentur (Koordinator für digitale Dienste).
Kernfakten
| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsgrundlage | Verordnung (EU) 2022/2065 vom 19.10.2022 |
| Vollständig anwendbar seit | 17.02.2024 |
| Anwendbar auf VLOPs/VLOSEs seit | 25.08.2023 (Frühbeginn) |
| DE-Umsetzung | Digitale-Dienste-Gesetz (DDG) vom 06.05.2024 |
| DE-Koordinator digitale Dienste | Bundesnetzagentur (BNetzA) |
| Anwendungsbereich | Vermittlungsdienste mit Nutzern in EU |
| Extraterritorial | Ja – Anbieter außerhalb EU müssen Vertreter benennen [Art. 13] |
| Notice-and-Action-Mechanismus | Verpflichtend für Hosting-Anbieter [Art. 16] |
| Reaktionsfrist Behördenanordnungen | Ohne unangemessene Verzögerung [Art. 9, 10] |
| Beschwerderecht Nutzer gegen Content-Moderation | Mindestens 6 Monate ab Entscheidung [Art. 20] |
| Außergerichtliche Streitbeilegung | Zertifizierte Stellen kostenfrei nutzbar [Art. 21] |
| Kennzeichnung bezahlter Inhalte | Verpflichtend [Art. 26] |
| Werbetransparenz-Register | VLOPs müssen führen [Art. 39] |
| Empfehlungssystem-Transparenz | Verpflichtend [Art. 27] |
| VLOP/VLOSE-Schwelle | ≥ 45 Mio durchschnittliche EU-Nutzer/Monat [Art. 33] |
| Systemische Risikobewertung VLOPs | Jährlich [Art. 34] |
| Unabhängige Audits VLOPs | Jährlich [Art. 37] |
| Sanktion Höchstsatz | Bis 6 % Weltjahresumsatz [Art. 52 Abs. 3] |
| Zwangsgeld | Bis 5 % Weltjahresumsatz pro Tag [Art. 52 Abs. 4] |
| Gerichtsstand VLOP-Klagen | Etablissement des VLOP (idR Irland/NL) |
Geltungsbereich
Der DSA gilt für Vermittlungsdienste in vier Kategorien:
- Reine Durchleitung (Access Provider, Internet Service Provider) – geringste Pflichten
- Caching (temporäre Speicherung)
- Hosting-Anbieter (Cloud, Filesharing, Foren) – Notice-and-Action-Pflicht
- Online-Plattformen (Marketplaces, Social Media, App-Stores) – umfangreichste Standardpflichten
- VLOPs/VLOSEs – Zusatzpflichten wegen systemischer Bedeutung
Kleinstunternehmen und Kleinunternehmen (< 50 MA, < 10 Mio €) sind von einigen Zusatzpflichten für Online-Plattformen befreit (Art. 19), müssen aber die Grundpflichten einhalten.
Aktuelle VLOP/VLOSE-Liste (Stand 2026)
Die EU-Kommission hat aktuell 19 VLOPs und 2 VLOSEs benannt:
VLOPs: Alibaba AliExpress, Amazon Store, Apple AppStore, Bing (VLOSE), Booking.com, Facebook, Google Play, Google Maps, Google Shopping, Instagram, LinkedIn, Pinterest, Snapchat, TikTok, Wikipedia, X (Twitter), YouTube, Zalando, Temu, Shein
VLOSEs: Google Search, Bing
Alle diese müssen jährlich Risikobewertungen, Audits und Transparenzberichte veröffentlichen.
Nutzerrechte gegenüber Plattformen
Recht 1 — Melden rechtswidriger Inhalte (Art. 16) Jeder Nutzer kann rechtswidrige Inhalte (Hassrede, Urheberrechtsverstoß, illegale Produkte) melden. Die Plattform muss zeitnah entscheiden und begründen.
Recht 2 — Beschwerde gegen Moderationsentscheidungen (Art. 20) Wird ein Inhalt entfernt oder ein Account gesperrt, kann der Betroffene binnen 6 Monaten Beschwerde einlegen. Die Plattform muss ein internes Beschwerdesystem betreiben.
Recht 3 — Außergerichtliche Streitbeilegung (Art. 21) Wenn die Beschwerde erfolglos ist, kann der Nutzer eine zertifizierte Streitbeilegungsstelle anrufen. Kostenfrei für den Nutzer bei erfolgreicher Beschwerde.
Recht 4 — Klage Immer möglich, unabhängig vom Beschwerdeverfahren.
Recht 5 — Wahlfreiheit bei Empfehlungssystemen (Art. 27, 38 für VLOPs) VLOPs müssen eine nicht-profilbasierte Alternative anbieten (z. B. chronologische Timeline statt algorithmische).
Recht 6 — Werbetransparenz (Art. 26) Nutzer sehen bei jeder Anzeige: wer beauftragt hat, warum sie ausgespielt wird, welche Kriterien. Bei VLOPs zusätzlich öffentliches Werbetransparenz-Register.
Rechtswidrige Inhalte melden — praktisch
- Auf der Plattform den Notice-and-Action-Button suchen (idR „Melden" bei Beiträgen). Nach Art. 16 verpflichtend leicht auffindbar.
- Meldegrund angeben (Kategorie, Begründung, Fundstelle).
- Bestätigung erhalten — die Plattform muss den Eingang bestätigen.
- Entscheidung abwarten — binnen angemessener Frist (Praxis: 24-72 Stunden).
- Bei Nicht-Handeln oder Fehlentscheidung: Beschwerde intern (Art. 20), dann außergerichtlich (Art. 21).
- Behördliche Meldung an Bundesnetzagentur bei systematischem Nichthandeln.
Häufige Fehler
- „DSA gilt nur für Facebook, TikTok & Co." Falsch — der DSA gilt für jeden Vermittlungsdienst in der EU. Ein Kleinunternehmen-Forum mit User-Content ist ebenso pflichtig, wenn auch mit reduzierten Anforderungen.
- „Nutzer können jede Content-Entfernung anfechten." Differenziert — nur wenn die Plattform die Nutzer-Inhalte moderiert hat (Art. 20). Rein automatische Spam-Filter unterliegen dem Beschwerderecht.
- „Löschpflicht gibt es nach DSA nicht." Differenziert — der DSA schreibt kein pauschales Löschgebot vor (haftungsprivileg Art. 6). Aber sobald Kenntnis (durch Meldung oder Behördenanordnung) besteht, muss unverzüglich gehandelt werden — sonst haftet die Plattform.
- „Nur EU-Anbieter sind betroffen." Falsch — extraterritoriale Anwendung. Drittstaat-Plattformen benötigen einen EU-Vertreter (Art. 13).
- „Sanktionen kommen erst nach Beschwerdeverfahren." Falsch — die BNetzA kann Bußgelder direkt verhängen (bis 6 % Weltjahresumsatz). Bei VLOPs ist die EU-Kommission direkt zuständig.
- „DSA verdrängt das NetzDG." Teilweise — das NetzDG ist zum Großteil im DSA aufgegangen. Reste bleiben (z. B. § 4 Berichtspflicht auf DE-Ebene), das DDG regelt den Übergang.
Quellen
- Verordnung (EU) 2022/2065 (DSA) – Volltext EUR-Lex: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32022R2065
- Digitale-Dienste-Gesetz (DDG): https://www.gesetze-im-internet.de/ddg/
- EU-Kommission – DSA-Portal: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/digital-services-act
- Liste VLOPs/VLOSEs: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/list-designated-vlops-and-vloses
- Bundesnetzagentur – Digitale Dienste: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/DSA/start.html
- DSA-Transparenz-Datenbank: https://transparency.dsa.ec.europa.eu/
Änderungsverlauf
- 2026-07-02: Erstveröffentlichung als EU-Welle-Topic. Anwendbar seit 17.02.2024, DE-Umsetzung durch DDG. Aktuelle Liste 19 VLOPs + 2 VLOSEs. Sanktion 6 % Weltjahresumsatz. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published" reviewed_by="Andreas Warkentin"
Siehe auch
Stand
- Stand: 2026-07-02
- Gültig ab: 2024-02-17 (Vollanwendbarkeit)
- Status: aktuell
- Quellenautorität: A (EUR-Lex, EU-Kommission, BNetzA)
- Lizenz: CC BY 4.0