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Offenkundige Tatsachen und gesetzliche Vermutungen im Zivilprozess – wann kein Beweis nötig ist und wie sich Vermutungen widerlegen lassen (§§ 291, 292 ZPO) In Kraft

Inhaltlich verantwortlich: Andreas Warkentin (warepoint-media GbR) · letzte Änderung: 2026-10-22 · letzte Prüfung: 2026-10-22 · Quellen-Autorität A Fehler melden ✉
Kurzantwort **Offenkundige Tatsachen** – also Tatsachen, die „bei dem Gericht offenkundig sind" – **bedürfen keines Beweises** (**§ 291 ZPO**). Stellt das Gesetz für das Vorhandensein einer Tatsache eine **Vermutung** auf, ist dagegen **der Beweis des Gegenteils zulässig**, **sofern nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt**; dieser Beweis kann auch durch den **Antrag auf Parteivernehmung nach § 445 ZPO** geführt werden (**§ 292 ZPO**). Wer sich auf eine Vermutung stützt, muss also nur deren **Vermutungsbasis** darlegen und beweisen; der Gegner trägt dann die Last, die vermutete Tatsache **zu widerlegen**.

Kernfakten

PunktWert
Normen§ 291 ZPO („Offenkundige Tatsachen"), § 292 ZPO („Gesetzliche Vermutungen")
Wortlaut § 291„Tatsachen, die bei dem Gericht offenkundig sind, bedürfen keines Beweises."
Wirkung § 291Die offenkundige Tatsache ist ohne Beweisaufnahme der Entscheidung zugrunde zu legen
Wirkung § 292 Satz 1Gegen eine gesetzliche Vermutung ist der Beweis des Gegenteils zulässig – außer das Gesetz schreibt etwas anderes vor
Beweismittel gegen VermutungAlle Beweismittel; ausdrücklich auch Parteivernehmung des Gegners (§ 292 Satz 2 i. V. m. § 445 ZPO)
BeweismaßFür den Gegenbeweis gilt § 286 ZPO: volle richterliche Überzeugung, dass die vermutete Tatsache nicht besteht
Fremdes Recht, GewohnheitsrechtBesondere Regel in § 293 ZPO: Beweisbedürftig nur, soweit dem Gericht unbekannt
AbgrenzungUnstreitige Tatsachen: § 138 Abs. 3, § 288 ZPO (zugestanden); beweisbedürftig bleiben bestrittene und nicht offenkundige Tatsachen

Offenkundige Tatsachen (§ 291 ZPO)

§ 291 ZPO besteht aus einem Satz und definiert die „Offenkundigkeit" nicht näher. Nach der in Rechtsprechung und Lehre üblichen Einteilung (Richter- und Schrifttumsrecht, nicht Gesetzeswortlaut) unterscheidet man zwei Gruppen:

Das bloß private Wissen eines Richters, das er außerhalb seiner amtlichen Tätigkeit erworben hat, genügt nach der üblichen Auslegung nicht. Auch heißt „offenkundig" nicht „unwiderleglich": Nach h. M. bleibt der Beweis zulässig, dass die als offenkundig behandelte Tatsache unzutreffend ist. Das Gericht muss den Parteien außerdem rechtliches Gehör geben, bevor es eine Tatsache als offenkundig seiner Entscheidung zugrunde legt, wenn die Parteien damit nicht rechnen mussten (Art. 103 Abs. 1 GG; § 139 ZPO – richterlicher Hinweis).

Gesetzliche Vermutungen (§ 292 ZPO)

Eine gesetzliche Vermutung liegt vor, wenn das Gesetz an eine bestimmte Tatsache (Vermutungsbasis) die Annahme einer anderen Tatsache (vermutete Tatsache) knüpft. Wer die Vermutung für sich in Anspruch nimmt, muss nur die Vermutungsbasis beweisen; die vermutete Tatsache gilt dann – bis zur Widerlegung – als gegeben.

Widerlegung. § 292 Satz 1 ZPO lässt den Beweis des Gegenteils zu. Der Gegner muss das Gericht also davon überzeugen, dass die vermutete Tatsache nicht besteht; ein bloßes Erschüttern genügt nicht. Das ist der Unterschied zum bloßen Gegenbeweis, der die Überzeugung des Gerichts nur ins Wanken bringen soll. Ausnahme: Das Gesetz kann den Gegenbeweis ausschließen oder beschränken („sofern nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt"). Solche unwiderleglichen Vermutungen sind selten.

Parteivernehmung. § 292 Satz 2 ZPO erlaubt es ausdrücklich, den Beweis des Gegenteils durch den Antrag auf Parteivernehmung nach § 445 ZPO zu führen. Nach § 445 Abs. 1 ZPO kann eine Partei, die den ihr obliegenden Beweis mit anderen Beweismitteln nicht vollständig geführt oder andere Beweismittel nicht vorgebracht hat, beantragen, den Gegner über die zu beweisenden Tatsachen zu vernehmen. Der Antrag ist nach § 445 Abs. 2 ZPO nicht zu berücksichtigen, wenn er Tatsachen betrifft, deren Gegenteil das Gericht für erwiesen erachtet.

Beispiele gesetzlicher Vermutungen

| Vermutung | Norm und Inhalt | |---|---| | Grundbuch | § 891 Abs. 1 BGB: Ist im Grundbuch für jemand ein Recht eingetragen, so wird vermutet, dass ihm das Recht zustehe. Nach Abs. 2 wird bei Löschung vermutet, dass das Recht nicht bestehe | | Eigentum des Besitzers | § 1006 Abs. 1 Satz 1 BGB: Zugunsten des Besitzers einer beweglichen Sache wird vermutet, dass er Eigentümer sei. Das gilt nach Satz 2 nicht gegenüber einem früheren Besitzer, dem die Sache gestohlen wurde, verloren gegangen oder sonst abhanden gekommen ist – außer bei Geld und Inhaberpapieren | | Verbrauchsgüterkauf | § 477 Abs. 1 BGB: Zeigt sich innerhalb eines Jahres seit Gefahrübergang ein abweichender Zustand der Ware, wird vermutet, dass sie bereits bei Gefahrübergang mangelhaft war; beim Kauf eines lebenden Tieres sechs Monate. Bei Waren mit digitalen Elementen gilt nach Abs. 2 unter den dort genannten Voraussetzungen ein Zeitraum von zwei Jahren |

Diese Beispiele sind Vermutungen des materiellen Rechts; § 292 ZPO regelt, wie sie im Prozess widerlegt werden. Ob im Einzelfall eine Vermutung oder bloß eine Auslegungsregel bzw. ein Anscheinsbeweis vorliegt, ist eine Frage des jeweiligen Gesetzes bzw. der Rechtsprechung.

Abgrenzung: Vermutung, Zugestehen und Anscheinsbeweis

Geltungsbereich

§§ 291, 292 ZPO stehen im Zusammenhang der Vorschriften über Beweis und Beweiswürdigung (§§ 284 ff. ZPO) und gelten im Zivilprozess. Verfahrensordnungen anderer Gerichtszweige verweisen häufig auf die ZPO; ob §§ 291, 292 ZPO dort entsprechend gelten, regelt die jeweilige Verfahrensordnung.

Ausnahmen

§ 292 Satz 1 ZPO gilt nur, „sofern nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt". Schließt eine Vorschrift den Gegenbeweis aus, bleibt nur der Angriff auf die Vermutungsbasis. Eine Tatsache, die das Gericht nicht als offenkundig ansieht, muss ganz normal bewiesen werden.

Häufige Fehler

Beispiel

K kauft als Verbraucher bei einem Händler ein gebrauchtes Smartphone. Sieben Monate nach Übergabe fällt der Akku aus. K verlangt Nacherfüllung. Weil sich der Mangel innerhalb eines Jahres seit Gefahrübergang zeigt, wird nach § 477 Abs. 1 BGB vermutet, dass das Gerät bereits bei Übergabe mangelhaft war. Der Händler muss nach § 292 ZPO den Beweis des Gegenteils führen, etwa durch ein Sachverständigengutachten, dass der Defekt auf unsachgemäßer Nutzung beruht. Gelingt ihm nur ein Zweifel, bleibt die Vermutung bestehen. Beruft sich K im Prozess außerdem darauf, dass der 1. Januar 2026 ein Donnerstag war, bedarf das keines Beweises, weil es offenkundig ist (§ 291 ZPO). Alle Daten sind frei gewählte Beispiele.

Siehe auch

Änderungsverlauf

Stand

Quellen

Letzte Änderung:
2026-10-22
Letzte Prüfung:
2026-10-22
In Kraft seit:
1900-01-01
Status:
In Kraft
Quellen-Autorität:
A
Lizenz:
CC BY 4.0