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DSGVO Art. 10 (VO 2016/679) – Daten über Straftaten und Verurteilungen: Führungszeugnis, Bewerber-Screening, Flensburg-Punkte In Kraft

Inhaltlich verantwortlich: Andreas Warkentin (warepoint-media GbR) · letzte Änderung: 2026-10-05 · letzte Prüfung: 2026-10-05 · Quellen-Autorität A Fehler melden ✉
Kurzantwort **Art. 10 der [Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO)](https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016R0679)** schützt personenbezogene Daten über **strafrechtliche Verurteilungen und Straftaten** sowie damit zusammenhängende Sicherungsmaßregeln. Solche Daten dürfen – zusätzlich zu einer Rechtsgrundlage nach **Art. 6 Abs. 1** – nur verarbeitet werden, wenn die Verarbeitung **unter behördlicher Aufsicht** erfolgt **oder** ein **Unions- oder mitgliedstaatliches Gesetz** sie ausdrücklich erlaubt und **geeignete Garantien** für die Rechte der Betroffenen vorsieht. Ein **umfassendes Register** strafrechtlicher Verurteilungen darf nur unter **behördlicher Aufsicht** geführt werden (in Deutschland: Bundeszentralregister beim Bundesamt für Justiz). Praktisch heißt das: Ein **Arbeitgeber darf ein Führungszeugnis nur verlangen**, wenn ein Gesetz das vorschreibt (z. B. **§ 72a SGB VIII** in der Kinder- und Jugendhilfe) oder wenn es für die **konkrete Stelle erforderlich** ist (z. B. Kassierer, Geldtransport, Sicherheitsdienst). Ein **pauschales „Führungszeugnis für alle"** ist unzulässig. Der EuGH hat in **C-439/19** (22.06.2021) klargestellt, dass auch **Verkehrsordnungswidrigkeiten mit Strafpunkten** unter Art. 10 fallen.

Kernfakten

PunktWert
RechtsaktVO (EU) 2016/679, Art. 10
RechtsnaturEU-Verordnung → unmittelbar anwendbar; Art. 10 verlangt aber eine zusätzliche Erlaubnisnorm im Unions- oder nationalen Recht
Geltung seit25.05.2018 (Art. 99 Abs. 2 DSGVO)
Erfasste DatenVerurteilungen, Straftaten, damit zusammenhängende Sicherungsmaßregeln; nach EuGH C-439/19 auch Verkehrsverstöße mit Strafpunkten
Zweistufige Prüfung(1) Rechtsgrundlage nach Art. 6 Abs. 1 und (2) behördliche Aufsicht oder gesetzliche Erlaubnis mit Garantien (Art. 10 Satz 1)
Umfassendes Registernur unter behördlicher Aufsicht (Art. 10 Satz 2) – DE: Bundeszentralregister (BZRG)
AbgrenzungNicht Art. 9 (besondere Kategorien) – Art. 10 ist eigenständiges Regime; Einwilligung ist in Art. 10 nicht als Erlaubnis genannt
DSFA-Pflichtbei umfangreicher Verarbeitung von Art.-10-Daten (Art. 35 Abs. 3 lit. b)
Verzeichnis-Pflichtauch Kleinbetriebe < 250 MA, wenn Art.-10-Daten verarbeitet werden (Art. 30 Abs. 5)
DSB-Pflichtbei Kerntätigkeit „umfangreiche Verarbeitung" von Art.-10-Daten (Art. 37 Abs. 1 lit. c)
Führungszeugnis (DE)einfaches FZ: § 30 BZRG; erweitertes FZ: § 30a BZRG (u. a. Tätigkeit mit Minderjährigen)
Pflicht in der Jugendhilfeerweitertes FZ bei Einstellung und in regelmäßigen Abständen (§ 72a SGB VIII)
Recht auf „unbestraft"wer nicht im Führungszeugnis steht, darf sich als unbestraft bezeichnen (§ 53 BZRG)
SanktionenVerarbeitung ohne Art.-6-Grundlage/rechtswidrig: bis 20 Mio. € oder 4 % Weltumsatz (Art. 83 Abs. 5 lit. a i. V. m. Art. 5, 6); Verstöße gegen DSFA-/Verzeichnis-/DSB-Pflichten: bis 10 Mio. € oder 2 % (Art. 83 Abs. 4 lit. a)
Schadensersatzmaterieller und immaterieller Schaden (Art. 82)
BeweislastVerantwortlicher muss Rechtmäßigkeit nachweisen (Art. 5 Abs. 2, Art. 24)

Geltungsbereich

Art. 10 gilt für alle Verantwortlichen im Anwendungsbereich der DSGVO – Arbeitgeber, Vereine, Vermieter, Auskunfteien, Plattformen, Suchmaschinen. Nicht erfasst ist die Verarbeitung durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Strafgerichte zu Zwecken der Strafverfolgung: Dafür gilt die Richtlinie (EU) 2016/680 (JI-Richtlinie), in Deutschland umgesetzt in §§ 45 ff. BDSG und den Landespolizeigesetzen (Art. 2 Abs. 2 lit. d DSGVO).

Typische Anwendungsfälle:

Detail: Die zwei Prüfungsstufen

Stufe 1 – Art. 6 Abs. 1: Jede Verarbeitung braucht zunächst eine allgemeine Rechtsgrundlage, etwa Vertragserfüllung (lit. b), rechtliche Verpflichtung (lit. c) oder berechtigtes Interesse (lit. f).

Stufe 2 – Art. 10: Zusätzlich muss entweder die Verarbeitung unter behördlicher Aufsicht stattfinden oder eine Unions- bzw. nationale Rechtsvorschrift sie zulassen, die geeignete Garantien vorsieht. Anders als bei Art. 9 kennt Art. 10 keinen Katalog von Ausnahmen – insbesondere wird die Einwilligung nicht ausdrücklich als Erlaubnis genannt. Ob eine Einwilligung (vor allem im Arbeitsverhältnis mit Abhängigkeitsverhältnis) ausreicht, ist umstritten; verlassen sollte man sich darauf nicht.

Deutsche Erlaubnisnormen (Auswahl): § 72a SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe), § 30a BZRG (erweitertes Führungszeugnis), § 34a GewO (Bewachungsgewerbe), § 26 BDSG (Beschäftigungsverhältnis, insbesondere Abs. 1 Satz 2 zur Aufdeckung von Straftaten). Nach EuGH C-34/21 (30.03.2023) ist die Tragfähigkeit von § 26 Abs. 1 Satz 1 BDSG als eigenständige Rechtsgrundlage zweifelhaft; Arbeitgeber stützen sich daher ergänzend auf Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO. Ein eigenständiges Beschäftigtendatenschutzgesetz ist nach unserem Prüfstand nicht in Kraft.

Detail: Führungszeugnis im Arbeitsverhältnis

Detail: EuGH-Rechtsprechung

| Urteil | Kernaussage | |---|---| | C-439/19 Latvijas Republikas Saeima, 22.06.2021 (dejure.org; Pressemitteilung curia) | Strafpunkte für Verkehrsverstöße sind Daten i. S. v. Art. 10. Eine voraussetzungslose Veröffentlichung an jedermann ist unzulässig. | | C-136/17 GC u. a., 24.09.2019 | Suchmaschinenbetreiber müssen Art. 10 bei Auslistungsanträgen beachten; Treffer zu alten Strafverfahren sind ggf. zu entfernen oder nach aktuellem Stand zu ordnen. | | C-34/21 Hauptpersonalrat, 30.03.2023 | Nationale Beschäftigtendatenschutz-Normen müssen „spezifischere Vorschriften" i. S. v. Art. 88 sein – relevant für § 26 BDSG als Grundlage. |

Häufige Fehler

Änderungsverlauf

Stand

Quellen

Letzte Änderung:
2026-10-05
Letzte Prüfung:
2026-10-05
In Kraft seit:
2018-05-25
Status:
In Kraft
Quellen-Autorität:
A
Lizenz:
CC BY 4.0