DSGVO Art. 10 (VO 2016/679) – Daten über Straftaten und Verurteilungen: Führungszeugnis, Bewerber-Screening, Flensburg-Punkte In Kraft
Kernfakten
| Punkt | Wert |
|---|---|
| Rechtsakt | VO (EU) 2016/679, Art. 10 |
| Rechtsnatur | EU-Verordnung → unmittelbar anwendbar; Art. 10 verlangt aber eine zusätzliche Erlaubnisnorm im Unions- oder nationalen Recht |
| Geltung seit | 25.05.2018 (Art. 99 Abs. 2 DSGVO) |
| Erfasste Daten | Verurteilungen, Straftaten, damit zusammenhängende Sicherungsmaßregeln; nach EuGH C-439/19 auch Verkehrsverstöße mit Strafpunkten |
| Zweistufige Prüfung | (1) Rechtsgrundlage nach Art. 6 Abs. 1 und (2) behördliche Aufsicht oder gesetzliche Erlaubnis mit Garantien (Art. 10 Satz 1) |
| Umfassendes Register | nur unter behördlicher Aufsicht (Art. 10 Satz 2) – DE: Bundeszentralregister (BZRG) |
| Abgrenzung | Nicht Art. 9 (besondere Kategorien) – Art. 10 ist eigenständiges Regime; Einwilligung ist in Art. 10 nicht als Erlaubnis genannt |
| DSFA-Pflicht | bei umfangreicher Verarbeitung von Art.-10-Daten (Art. 35 Abs. 3 lit. b) |
| Verzeichnis-Pflicht | auch Kleinbetriebe < 250 MA, wenn Art.-10-Daten verarbeitet werden (Art. 30 Abs. 5) |
| DSB-Pflicht | bei Kerntätigkeit „umfangreiche Verarbeitung" von Art.-10-Daten (Art. 37 Abs. 1 lit. c) |
| Führungszeugnis (DE) | einfaches FZ: § 30 BZRG; erweitertes FZ: § 30a BZRG (u. a. Tätigkeit mit Minderjährigen) |
| Pflicht in der Jugendhilfe | erweitertes FZ bei Einstellung und in regelmäßigen Abständen (§ 72a SGB VIII) |
| Recht auf „unbestraft" | wer nicht im Führungszeugnis steht, darf sich als unbestraft bezeichnen (§ 53 BZRG) |
| Sanktionen | Verarbeitung ohne Art.-6-Grundlage/rechtswidrig: bis 20 Mio. € oder 4 % Weltumsatz (Art. 83 Abs. 5 lit. a i. V. m. Art. 5, 6); Verstöße gegen DSFA-/Verzeichnis-/DSB-Pflichten: bis 10 Mio. € oder 2 % (Art. 83 Abs. 4 lit. a) |
| Schadensersatz | materieller und immaterieller Schaden (Art. 82) |
| Beweislast | Verantwortlicher muss Rechtmäßigkeit nachweisen (Art. 5 Abs. 2, Art. 24) |
Geltungsbereich
Art. 10 gilt für alle Verantwortlichen im Anwendungsbereich der DSGVO – Arbeitgeber, Vereine, Vermieter, Auskunfteien, Plattformen, Suchmaschinen. Nicht erfasst ist die Verarbeitung durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Strafgerichte zu Zwecken der Strafverfolgung: Dafür gilt die Richtlinie (EU) 2016/680 (JI-Richtlinie), in Deutschland umgesetzt in §§ 45 ff. BDSG und den Landespolizeigesetzen (Art. 2 Abs. 2 lit. d DSGVO).
Typische Anwendungsfälle:
- Bewerberauswahl und Beschäftigung (Führungszeugnis, Fragen nach Vorstrafen, Compliance-Screening)
- Vereine mit Kinder- und Jugendarbeit (Einsicht in erweiterte Führungszeugnisse)
- Interne Ermittlungen und Hinweisgebersysteme (Verdacht auf Straftaten von Mitarbeitern)
- Suchmaschinen und Medienarchive (Treffer zu alten Strafverfahren)
- Öffentliche Register (z. B. Fahreignungsregister, Gewerbezentralregister)
Detail: Die zwei Prüfungsstufen
Stufe 1 – Art. 6 Abs. 1: Jede Verarbeitung braucht zunächst eine allgemeine Rechtsgrundlage, etwa Vertragserfüllung (lit. b), rechtliche Verpflichtung (lit. c) oder berechtigtes Interesse (lit. f).
Stufe 2 – Art. 10: Zusätzlich muss entweder die Verarbeitung unter behördlicher Aufsicht stattfinden oder eine Unions- bzw. nationale Rechtsvorschrift sie zulassen, die geeignete Garantien vorsieht. Anders als bei Art. 9 kennt Art. 10 keinen Katalog von Ausnahmen – insbesondere wird die Einwilligung nicht ausdrücklich als Erlaubnis genannt. Ob eine Einwilligung (vor allem im Arbeitsverhältnis mit Abhängigkeitsverhältnis) ausreicht, ist umstritten; verlassen sollte man sich darauf nicht.
Deutsche Erlaubnisnormen (Auswahl): § 72a SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe), § 30a BZRG (erweitertes Führungszeugnis), § 34a GewO (Bewachungsgewerbe), § 26 BDSG (Beschäftigungsverhältnis, insbesondere Abs. 1 Satz 2 zur Aufdeckung von Straftaten). Nach EuGH C-34/21 (30.03.2023) ist die Tragfähigkeit von § 26 Abs. 1 Satz 1 BDSG als eigenständige Rechtsgrundlage zweifelhaft; Arbeitgeber stützen sich daher ergänzend auf Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO. Ein eigenständiges Beschäftigtendatenschutzgesetz ist nach unserem Prüfstand nicht in Kraft.
Detail: Führungszeugnis im Arbeitsverhältnis
- Gesetzlich vorgeschrieben: Wo ein Gesetz die Vorlage verlangt (z. B. § 72a SGB VIII, § 34a GewO), ist die Anforderung zulässig. Hier ist sie Pflicht.
- Tätigkeitsbezogen erforderlich: Ohne Spezialgesetz nur, wenn die Vorstrafe für die konkrete Stelle relevant ist (Vermögensdelikte bei Kassierer/Buchhaltung, Sexualdelikte bei Arbeit mit Kindern, Verkehrsdelikte bei Berufskraftfahrern).
- Fragerecht: Der Arbeitgeber darf nur nach einschlägigen Vorstrafen fragen. Nach der BAG-Rechtsprechung ist z. B. die pauschale Frage nach eingestellten Ermittlungsverfahren unzulässig (BAG, 15.11.2012 – 6 AZR 339/11, dejure.org).
- Datensparsamkeit: Oft genügt Einsichtnahme und ein Vermerk „eingesehen am …, keine einschlägigen Einträge". Eine Kopie des Zeugnisses aufzubewahren ist regelmäßig nicht erforderlich (Art. 5 Abs. 1 lit. c DSGVO).
- Löschung: Bei abgelehnten Bewerbern nach Ablauf der AGG-Frist (2 Monate, § 15 Abs. 4 AGG), regelmäßig spätestens nach rund 6 Monaten.
Detail: EuGH-Rechtsprechung
| Urteil | Kernaussage | |---|---| | C-439/19 Latvijas Republikas Saeima, 22.06.2021 (dejure.org; Pressemitteilung curia) | Strafpunkte für Verkehrsverstöße sind Daten i. S. v. Art. 10. Eine voraussetzungslose Veröffentlichung an jedermann ist unzulässig. | | C-136/17 GC u. a., 24.09.2019 | Suchmaschinenbetreiber müssen Art. 10 bei Auslistungsanträgen beachten; Treffer zu alten Strafverfahren sind ggf. zu entfernen oder nach aktuellem Stand zu ordnen. | | C-34/21 Hauptpersonalrat, 30.03.2023 | Nationale Beschäftigtendatenschutz-Normen müssen „spezifischere Vorschriften" i. S. v. Art. 88 sein – relevant für § 26 BDSG als Grundlage. |
Häufige Fehler
- „Mit Einwilligung des Bewerbers darf ich alles abfragen." Falsch – Art. 10 nennt die Einwilligung nicht; im Arbeitsverhältnis fehlt zudem oft die Freiwilligkeit (Art. 7 Abs. 4, § 26 Abs. 2 BDSG).
- „Führungszeugnis von allen Mitarbeitern ist sicherer." Nein – ohne Tätigkeitsbezug verstößt das gegen Art. 5 Abs. 1 lit. c und Art. 10. Es drohen Bußgeld und Schadensersatz.
- „Ordnungswidrigkeiten sind keine Straftaten, also kein Art. 10." Riskant – der EuGH hat in C-439/19 Verkehrsverstöße mit Strafpunkten einbezogen.
- „Wir kopieren das Zeugnis und legen es in die Personalakte." Meist unnötig; ein Einsichtsvermerk genügt.
- „Interne Ermittlungsakte – DSGVO gilt nicht." Doch – nur Strafverfolgungsbehörden fallen unter die JI-Richtlinie, private Arbeitgeber nicht.
- „Kleinbetrieb, also kein Verzeichnis." Bei Art.-10-Daten entfällt die Ausnahme des Art. 30 Abs. 5.
Änderungsverlauf
- 2026-10-04: Erstveröffentlichung. Normtext Art. 10, Pflichten aus Art. 30 Abs. 5, Art. 35 Abs. 3 lit. b, Art. 37 Abs. 1 lit. c und Bußgeldrahmen Art. 83 gegen DSGVO-Text abgeglichen; EuGH C-439/19 über EUR-Lex/curia-Pressemitteilung bestätigt. factcheck_status=review_needed, weil (1) EUR-Lex-Volltext per Fetch nicht direkt abrufbar war, (2) die Zuordnung von Art.-10-Verstößen zu Art. 83 Abs. 5 nur mittelbar (über Art. 5/6) erfolgt, (3) BAG 6 AZR 339/11 und der Gesetzgebungsstand Beschäftigtendatenschutz nicht im Primärtext gegengelesen wurden. | change_type=initial_publication field="topic_lifecycle" new="published"
- 2026-10-05: Faktencheck – freigegeben, keine Inhaltsänderung. Offene Punkte der Erstveröffentlichung geschlossen: (1) Zuordnung Art. 83 geprüft – Art. 10 selbst steht nicht in Art. 83 Abs. 4/5; Bußgeld mittelbar über Art. 5/6 (Abs. 5 lit. a) bzw. Art. 30, 35, 37 (Abs. 4 lit. a), wie auf der Seite dargestellt. (2) BAG 15.11.2012 – 6 AZR 339/11 am BAG-Entscheidungstext bestätigt (grundsätzlich kein berechtigtes Interesse an der unspezifizierten Frage nach eingestellten Ermittlungsverfahren). (3) Beschäftigtendatenschutzgesetz: Stand 06/2026 kein Gesetz beschlossen, neuer Entwurf nur angekündigt (riehnlegal.blog vom 28.06.2026) – Aussage 'nicht in Kraft' bestätigt; EuGH C-34/21 (30.03.2023) zu § 26 BDSG bestätigt. EuGH C-439/19 (22.06.2021) bereits am Vortag bestätigt. | change_type=factcheck field="factcheck_status" old="review_needed" new="ok" reviewed_by="Claude (Freigabe-Aufholer)"
Stand
- Stand: 2026-10-04
- Gültig ab: 2018-05-25 (Geltungsbeginn der DSGVO)
- Gültig bis: offen (unbefristet in Kraft)
- Status: in Kraft (EU-Verordnung – unmittelbar anwendbar; Art. 10 verlangt ergänzende Erlaubnisnorm)
- Quellenautorität: A (EUR-Lex CELEX:32016R0679)
- Lizenz: CC BY 4.0
Quellen
- Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), Volltext, EUR-Lex: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016R0679
- Art. 10 DSGVO (dejure.org): https://dejure.org/gesetze/DSGVO/10.html
- Richtlinie (EU) 2016/680 (JI-Richtlinie), EUR-Lex: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016L0680
- EuGH, Urteil v. 22.06.2021 – C-439/19, EUR-Lex: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CELEX:62019CJ0439
- EuGH, Pressemitteilung Nr. 109/21 (C-439/19): https://curia.europa.eu/site/upload/docs/application/pdf/2021-06/cp210109de.pdf
- EuGH C-439/19 (dejure.org): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=EuGH&Datum=22.06.2021&Aktenzeichen=C-439/19
- EU-Kommission – Datenschutz-Grundverordnung: https://commission.europa.eu/law/law-topic/data-protection_de
- Bundeszentralregistergesetz (BZRG), §§ 30, 30a, 53: https://www.gesetze-im-internet.de/bzrg/
- SGB VIII, § 72a: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__72a.html
- BDSG, § 26: https://www.gesetze-im-internet.de/bdsg_2018/__26.html
- BAG, 15.11.2012 – 6 AZR 339/11 (dejure.org): https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BAG&Datum=15.11.2012&Aktenzeichen=6%20AZR%20339/11