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Verletztenrente aus der gesetzlichen Unfallversicherung (§ 56 SGB VII) – MdE, Stützrente, Jahresarbeitsverdienst, Abfindung

Inhaltlich verantwortet von Andreas Warkentin (warepoint-media GbR) · zuletzt geprüft am 2026-08-30 · Quellenautorität A (amtliche Primärquelle) Fehler melden ✉

Kurzantwort

Eine Verletztenrente erhält nach § 56 Abs. 1 Satz 1 SGB VII, wessen Erwerbsfähigkeit infolge eines Versicherungsfalls über die 26. Woche hinaus um wenigstens 20 Prozent gemindert ist. Die Vollrente beträgt bei Verlust der Erwerbsfähigkeit zwei Drittel des Jahresarbeitsverdienstes (JAV); bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) wird eine Teilrente in Höhe des MdE-Prozentsatzes der Vollrente gezahlt (§ 56 Abs. 3 SGB VII). Der JAV ist grundsätzlich das Arbeitsentgelt und Arbeitseinkommen der zwölf Kalendermonate vor dem Unfallmonat (§ 82 Abs. 1 SGB VII); er beträgt für Erwachsene mindestens 60 Prozent und höchstens das Zweifache der Bezugsgröße (§ 85 SGB VII) – bei einer Bezugsgröße von 47.460 Euro für 2026 also mindestens 28.476 Euro und höchstens 94.920 Euro. Liegen mehrere Versicherungsfälle vor, deren MdE-Sätze zusammen 20 erreichen, entsteht für jeden Fall ein Rentenanspruch, sofern er die Erwerbsfähigkeit um mindestens 10 Prozent mindert (Stützrententatbestand, § 56 Abs. 1 Sätze 2 und 3 SGB VII).

Kernfakten

PunktWert
Rechtsgrundlage§ 56 SGB VII [gesetze-im-internet.de/sgb_7/__56.html]
AnspruchsschwelleMdE von wenigstens 20 vom Hundert über die 26. Woche nach dem Versicherungsfall hinaus [§ 56 Abs. 1 Satz 1 SGB VII]
Stützrententatbestandmehrere Versicherungsfälle, deren Vomhundertsätze zusammen wenigstens 20 erreichen; jeder einzelne Fall zählt ab 10 vom Hundert MdE [§ 56 Abs. 1 Sätze 2 und 3 SGB VII]
Vollrentezwei Drittel des Jahresarbeitsverdienstes [§ 56 Abs. 3 Satz 1 SGB VII]
TeilrenteVollrente multipliziert mit dem MdE-Prozentsatz [§ 56 Abs. 3 Satz 2 SGB VII]
Maßstab der MdEUmfang der verminderten Arbeitsmöglichkeiten auf dem gesamten Gebiet des Erwerbslebens [§ 56 Abs. 2 Satz 1 SGB VII]
Berufliche Nachteilebesondere berufliche Kenntnisse und Erfahrungen werden bei der MdE-Bemessung berücksichtigt, soweit sie nicht ausgeglichen werden [§ 56 Abs. 2 Satz 3 SGB VII]
BemessungsgrundlageJahresarbeitsverdienst = Arbeitsentgelt und Arbeitseinkommen der zwölf Kalendermonate vor dem Unfallmonat [§ 82 Abs. 1 Satz 1 SGB VII]
Mindest-JAV (ab 18 Jahren)60 Prozent der Bezugsgröße = 28.476 Euro (2026) [§ 85 Abs. 1 SGB VII; § 1 SVBezGrV 2026]
Höchst-JAV (gesetzlich)Zweifaches der Bezugsgröße = 94.920 Euro (2026); die Satzung kann eine höhere Obergrenze bestimmen [§ 85 Abs. 2 SGB VII; § 1 SVBezGrV 2026]
Bezugsgröße 202647.460 Euro jährlich, 3.955 Euro monatlich [§ 1 SVBezGrV 2026, BGBl. 2025 I Nr. 278]
RentenbeginnTag nach dem Ende des Verletztengeldanspruchs, sonst Tag nach dem Versicherungsfall [§ 72 Abs. 1 SGB VII]
Vorläufige Entschädigungin den ersten drei Jahren nach dem Versicherungsfall, wenn die MdE noch nicht abschließend feststeht [§ 62 Abs. 1 SGB VII]
Übergang in Dauerrentespätestens mit Ablauf von drei Jahren nach dem Versicherungsfall [§ 62 Abs. 2 Satz 1 SGB VII]
Wesentliche ÄnderungNeufeststellung nur bei MdE-Änderung von mehr als 5 vom Hundert, bei Dauerrenten zusätzlich länger als drei Monate [§ 73 Abs. 3 SGB VII]
Erhöhung für Schwerverletzte+ 10 vom Hundert, wenn bei MdE ab 50 keine Erwerbstätigkeit mehr möglich ist und kein Anspruch auf gesetzliche Rente besteht [§ 57 SGB VII]
Höchstbetrag bei mehreren Rentenzusammen höchstens zwei Drittel des höchsten zugrunde liegenden JAV [§ 59 Abs. 1 SGB VII]
Abfindung bei MdE unter 40Kapitalabfindung auf Antrag, Berechnung nach Rechtsverordnung [§ 76 Abs. 1 SGB VII]
Abfindung bei MdE ab 40bis zur Hälfte der Rente für zehn Jahre, Abfindungssumme = Neunfaches des Jahresbetrags des abgefundenen Rententeils [§§ 78, 79 SGB VII]
GesamtvergütungAbfindung des voraussichtlichen Rentenaufwands, wenn nur eine vorläufige Entschädigung zu erwarten ist [§ 75 SGB VII]
Anpassungzum gleichen Zeitpunkt und um denselben Prozentsatz wie die Renten der gesetzlichen Rentenversicherung [§ 95 Abs. 1 SGB VII]
Antragnicht erforderlich – der Unfallversicherungsträger entscheidet von Amts wegen; Träger sind Berufsgenossenschaften und Unfallkassen [DGUV, Rentenleistungen]

Rechtsstand

> Rechtsstand: Geltendes Recht. § 56 SGB VII ist in Kraft. Die auf dieser Seite genannten Euro-Beträge beruhen auf der Bezugsgröße nach § 18 SGB IV für das Jahr 2026 (47.460 Euro), festgesetzt durch § 1 der Sozialversicherungsrechengrößen-Verordnung 2026 vom 20.11.2025 (BGBl. 2025 I Nr. 278), in Kraft seit 01.01.2026. Mindest- und Höchst-JAV ändern sich mit jeder neuen Bezugsgröße. Stand dieser Seite: 2026-08-30. Diese Seite gibt Gesetzeswortlaut und die Darstellung der Unfallversicherungsträger wieder und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Geltungsbereich

§ 56 SGB VII gilt für alle in der gesetzlichen Unfallversicherung versicherten Personen, die einen Versicherungsfall erlitten haben – also einen Arbeitsunfall, einen Wegeunfall oder eine Berufskrankheit (§ 7 Abs. 1 SGB VII). Drei Voraussetzungen müssen zusammentreffen:

  1. Anerkannter Versicherungsfall. Die Rente setzt einen Arbeitsunfall, Wegeunfall oder eine anerkannte Berufskrankheit voraus. Die Voraussetzungen des Arbeitsunfalls sind auf der Seite zu § 8 SGB VII dargestellt.
  2. Dauer. Die Minderung der Erwerbsfähigkeit muss über die 26. Woche nach dem Versicherungsfall hinaus fortbestehen. Für die Zeit davor greift regelmäßig das Verletztengeld.
  3. Höhe. Die MdE muss wenigstens 20 vom Hundert betragen – oder es liegt der Stützrententatbestand vor.

Die MdE wird nach § 56 Abs. 2 Satz 1 SGB VII abstrakt bemessen: Maßgeblich ist, wie stark das verminderte körperliche und geistige Leistungsvermögen die Arbeitsmöglichkeiten auf dem gesamten Gebiet des Erwerbslebens einschränkt – nicht der tatsächliche Verdienstausfall im konkreten Beruf. Bei jugendlichen Versicherten wird die MdE nach den Auswirkungen bemessen, die sich bei Erwachsenen mit gleichem Gesundheitsschaden ergäben (§ 56 Abs. 2 Satz 2 SGB VII).

Ein Antrag ist nicht nötig: Der Unfallversicherungsträger – Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse – ermittelt von Amts wegen und entscheidet über die Rente. Sind mehrere Versicherungsfälle eingetreten, wird die MdE für jeden Fall gesondert festgestellt und es werden dementsprechend mehrere Renten gezahlt (DGUV, Minderung der Erwerbsfähigkeit).

Berechnung: von der MdE zur monatlichen Rente

Die Rente ergibt sich aus zwei Größen – dem Jahresarbeitsverdienst und dem MdE-Grad:

Jahresrente = Jahresarbeitsverdienst × 2/3 × MdE-Prozentsatz

RechenschrittRechtsgrundlage
JAV = Arbeitsentgelt und Arbeitseinkommen der zwölf Kalendermonate vor dem Unfallmonat§ 82 Abs. 1 Satz 1 SGB VII
Entgeltlose Zeiten in diesem Zeitraum werden mit dem Durchschnitt der belegten Zeiten aufgefüllt§ 82 Abs. 2 Satz 1 SGB VII
JAV mindestens 60 Prozent der Bezugsgröße (Versicherte ab 18 Jahren)§ 85 Abs. 1 SGB VII
JAV höchstens das Zweifache der Bezugsgröße, Satzung kann mehr vorsehen§ 85 Abs. 2 SGB VII
Unbilliger JAV wird nach billigem Ermessen zwischen Mindest- und Höchst-JAV neu festgesetzt§ 87 SGB VII
Vollrente = 2/3 des JAV§ 56 Abs. 3 Satz 1 SGB VII
Teilrente = Vollrente × MdE in Prozent§ 56 Abs. 3 Satz 2 SGB VII
Anpassung parallel zur Rentenanpassung in der gesetzlichen Rentenversicherung§ 95 Abs. 1 SGB VII

Der Mindest-JAV ist altersgestaffelt (§ 85 Abs. 1 und 1a SGB VII). Bezogen auf die Bezugsgröße 2026 von 47.460 Euro ergeben sich:

Alter im Zeitpunkt des VersicherungsfallsAnteil der BezugsgrößeMindest-JAV 2026
unter 6 Jahren25 Prozent11.865 Euro
6 bis unter 15 Jahren33 1/3 Prozent15.820 Euro
15 bis unter 18 Jahren40 Prozent18.984 Euro
ab 18 Jahren60 Prozent28.476 Euro
25 bis unter 30 Jahren75 Prozent35.595 Euro

Tritt der Versicherungsfall vor Vollendung des 30. Lebensjahres ein, wird der JAV mit Vollendung des 30. Lebensjahres auf 100 Prozent der dann geltenden Bezugsgröße neu festgesetzt, wenn das günstiger ist; bei erworbener Hochschul- oder Fachhochschulreife auf 120 Prozent (§ 90 Abs. 1 SGB VII).

Ausnahmen

Häufige Fehler

Beispiel

Ein 40-jähriger Beschäftigter erleidet im Januar 2026 einen Arbeitsunfall. In den zwölf Kalendermonaten vor dem Unfallmonat hat er ein Bruttoarbeitsentgelt von 45.000 Euro bezogen. Nach Abschluss der Heilbehandlung stellt der Unfallversicherungsträger eine MdE von 30 vom Hundert fest.

SchrittRechnungErgebnis
Jahresarbeitsverdienst (§ 82 Abs. 1 SGB VII)Entgelt der zwölf Monate vor dem Unfallmonat45.000 Euro
Prüfung Mindest-JAV (§ 85 Abs. 1 SGB VII)60 Prozent von 47.460 Euro = 28.476 Euronicht einschlägig, JAV liegt darüber
Prüfung Höchst-JAV (§ 85 Abs. 2 SGB VII)2 × 47.460 Euro = 94.920 Euronicht einschlägig, JAV liegt darunter
Vollrente (§ 56 Abs. 3 Satz 1 SGB VII)2/3 von 45.000 Euro30.000 Euro jährlich
Teilrente bei MdE 30 (§ 56 Abs. 3 Satz 2 SGB VII)30 Prozent von 30.000 Euro9.000 Euro jährlich
Monatsbetrag9.000 Euro / 12750 Euro monatlich

Bei einer MdE von 20 vom Hundert wären es 6.000 Euro jährlich (500 Euro monatlich), bei MdE 100 die Vollrente von 30.000 Euro jährlich (2.500 Euro monatlich).

Variante Stützrente: Derselbe Versicherte hatte 2019 bereits einen Arbeitsunfall mit einer MdE von 10 vom Hundert, für den mangels Erreichens der 20-Prozent-Schwelle keine Rente gezahlt wurde. Da die Vomhundertsätze beider Versicherungsfälle nun zusammen 40 ergeben, lebt nach § 56 Abs. 1 Satz 2 SGB VII auch für den früheren Versicherungsfall ein Rentenanspruch auf – berechnet aus dem damaligen, nach § 95 SGB VII fortgeschriebenen JAV.

Quellen

Änderungsverlauf

Stand